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Immer mehr Versicherte verzichten auf freie Arztwahl

Die Zahl ist verblüffend: Zwei von drei Versicherten verzichten heute auf die freie Arztwahl. Sie schränken sich so selbst ein, indem sie sich verpflichten, als erste Anlaufstation den Hausarzt, einen Telmed-Doktor oder einen Apotheker zu kontaktieren.
Anna Wanner
Symbolbild zum Thema Arztwahl. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. Dezember 2015))

Symbolbild zum Thema Arztwahl. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. Dezember 2015))

Die Zahl ist verblüffend: Zwei von drei Versicherten verzichten heute auf die freie Arztwahl. Sie schränken sich mit dem gewählten Versicherungsmodell selbst ein, indem sie sich verpflichten, als erste Anlaufstation den Hausarzt, einen Telmed-Doktor oder einen Apotheker zu kontaktieren. Dabei hatten die Stimmbürger vor sechs Jahren ebendiese Wahlfreiheit als derart wichtig empfunden, dass sie die Managed-Care-Vorlage bachab schickten. Freilich hat der steigende Prämiendruck viele Versicherte zum Umdenken gebracht: Wer ein alternatives Versicherungsmodell wählt, zahlt nicht die volle Prämie, sondern erhält Rabatte. Denn wer bei einer Grippe nicht gleich zum Spezialisten rennt, verursacht weniger Kosten.

Geht es nach den Ärzten, steckt aber nur in einem dieser Modelle wirklich koordinierte Versorgung: dem Hausarzt-Modell. Der Arzt verpflichtet sich, als Koordinator den Patienten zu begleiten, sich weiterzubilden, an Qualitätszirkeln teilzunehmen und Budgetverantwortung zu tragen. Wolfgang Czerwenka, Hausarzt und Präsident des Ärztenetzwerks Argomed, spricht vom «Luxusmodell». Allerdings stehe es mit Listen- oder Telmed-Modellen in Konkurrenz, bei denen keine besonderen Qualitätskriterien gelten. Dass Versicherer weiterhin solche Produkte anbieten, stösst auf Kritik. Denn gegen aussen geben sie vor, integrierte Versorgung fördern zu wollen. In Wahrheit aber können sie über Telmed- und Listenmodelle ihren Kunden Rabatte gewähren, weil sie damit «gute Risiken» anlocken: junge, gesunde Versicherte, die wenig Kosten verursachen.

Immerhin fast 40 Prozent der Versicherten entscheiden sich für das Hausarzt-Modell, 10 Prozent für das verwandte HMO-Modell. Der «Jagd nach guten Risiken» wird zudem zunehmend das Handwerk gelegt. Durch den verfeinerten Risikoausgleich, der ab 2020 auch Medikamentenkosten berücksichtigt, gelten neue Anreize: Wer Personen mit hohem Krankheitsrisiko versichert, erhält eine Ausgleichszahlung.

Leistungserbringer arbeiten zu wenig zusammen

Es gibt aber noch eine zweite Ebene. CSS-Chefin Philomena Colatrella sagte dem Magazin «Schweizer Versicherung», «Krankenversicherer der Zukunft» würden die integrierte Versorgung vorantreiben. Allerdings stosse diese immer wieder an Grenzen: «Die Koordination unter verschiedenen Akteuren und damit der nahtlose Übergang zwischen den Disziplinen funktioniert zu wenig gut.» Kurz: Die Leistungserbringer arbeiten noch zu wenig zusammen. Kommt hinzu, dass Patienten in Hausarzt-Modellen deutlich seltener ins Spital müssen als andere Versicherte. Davon profitieren vor ­allem die Kantone, da sie 55 Prozent der Spitalleistungen abgelten. Die einheitliche Finan­zierung von ambulanten und stationären Leistungen (Efas), wie sie aktuell im Parlament diskutiert wird, würde Kostenwahrheit schaffen und so auch höhere Rabatte bei den Hausarzt-Modellen ermöglichen.

Der Kassenverband Curafutura ist deshalb überzeugt, dass Efas die integrierte Versorgung fördert. Der Effekt sei dynamisch: Wenn die Rabatte noch höher sind, werden die Modelle attraktiver, mehr Versicherte entscheiden sich dafür. Gleichzeitig bedeutet mehr Koordination bessere und günstigere Versorgung. Laut Curafutura liessen sich so drei Milliarden Franken Prämiengelder sparen. Der grosse Haken: Die Kantone wollen Efas nur, wenn nebst der stationären und ambulanten Leistung auch die Pflege einbezogen wird – was für eine umfassende Koordination sinnvoll wäre. Für die Versicherer geht dies zu weit. Es würde wohl auch viel teurer für sie. An diesem Streit könnte der Durchbruch scheitern.

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