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Luzerner Arzt wegen Körperverletzung verurteilt

Beim Herumtollen im Schnee während einer Schiesspause fiel ein Soldat unglücklich und verletzte sich am Knie. Der für die Erstbehandlung zuständige Notfallarzt leitete damals keine dringend notwendige Operation ein. Dafür, dass sein Bein heute dauerhaft geschädigt ist, machte der Soldat den Notfallarzt verantwortlich. Und das Bezirksgericht Luzern gab ihm Recht.
Lena Berger
Gemäss Urteil hat der Arzt die Sensibilität im Fuss nicht überprüft – und deshalb die Schwere der Verletzung unterschätzt. (Bild: Symbolbild: Getty)

Gemäss Urteil hat der Arzt die Sensibilität im Fuss nicht überprüft – und deshalb die Schwere der Verletzung unterschätzt. (Bild: Symbolbild: Getty)

Es ist einer dieser Unfälle, bei denen man unwillkürlich das ­Gesicht verzieht, wenn man nur davon hört. Es ist der 7. Februar 2013, Schmutziger Donnerstag. Nur wenige Stunden zuvor haben die Fasnächtler bei leichtem Schneefall den Urknall gefeiert. Von Guuggerstimmung ist im Eigenthal jedoch nichts zu spüren: Unteroffiziersanwärter machen hier auf dem Schiessplatz Blattenloch ihre Übungen. Gegen 10.30 Uhr ist eine Pause angesagt. Die Soldaten stürzen sich in den Pulverschnee und rutschen begeistert einen Abhang runter. Da passiert es: Einer der jungen Männer fällt mit dem linken Bein in ein Loch im Schnee und fällt vornüber. Das Knie wird brutal verrenkt und springt aus dem Gelenk. Der Mann hat höllische Schmerzen.

Der Einheitsfeldweibel hievt den Verletzten umgehend in den Militärcamion und bringt ihn zu einem Notfallarzt in die Stadt. Zwei Soldaten mit einer Trage transportieren den Patienten in die Praxis. Ein Röntgenbild bestätigt die üble Vorahnung des Arztes: Das Knie ist ausgerenkt.

Eine sogenannte Kniegelenksluxation gilt als eine schwere Verletzung, weil dabei meist auch zahlreiche Bänder, Gefässe und Sehnen reissen. Nur gemeinsam mit einem Kollegen gelingt es dem Arzt, das Kniegelenk wieder an seinen Platz zu bekommen.

Bleibender Schaden durch Muskelnekrose

Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Arzt alles richtig gemacht. Nun aber macht er gemäss der Staatsanwaltschaft einen entscheidenden Fehler: Er überweist den ­Patienten nicht umgehend zur Notoperation ins Spital. Stattdessen stimmt er einer Überweisung in die Militärkrankenstation in Emmen zu – mit der Anweisung, dass dort ein Arzt am Folgetag eine Verlaufskontrolle macht. In der Krankenstation angekommen, stellen die Soldaten aber fest, dass dort – wohl wegen der Fasnacht – kein Arzt zu finden ist. Der Verletzte wird deshalb mit dem LKW in die Militärkrankenstation in Kloten gebracht.

Der dortige Truppenarzt veranlasst, dass der Patient ins nächste Spital gefahren wird. Die Operation wird am nächsten Tag durchgeführt. Da ist es aber schon zu spät: Die Nerven sind derart geschädigt, dass der Mann kein Gefühl im Fuss hat. Durch die mangelnde Durchblutung kam es zudem zu einer Muskelnekrose, wodurch der Fuss nicht mehr angehoben werden kann. Diese Schäden sind dauerhaft.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Notfallarzt vor, er habe die schwere Körperverletzung verursacht, weil er die Schwere der Verletzung unterschätzt und die Nachbetreuung nicht sichergestellt habe. Fünf Jahre nach dem Vorfall hält sie an der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Luzern an ihrem Antrag fest, dass der Mann zu einer Busse von rund 8000 Franken und einer bedingten Geldstrafe verurteilt wird.

Der Verteidiger fordert einen Freispruch. Er sagt, dass der Schaden durch die lange Wartezeit im Spital in Zürich entstanden sei. Davor sei der Fuss nämlich noch durchblutet gewesen, der Notfallarzt habe das überprüft, auch wenn er dies nicht dokumentiert habe. Weiter sei es so, dass sein Klient von völlig falschen Annahmen ausging. Und zwar schon von dem Moment an, als der Patient in die Praxis kam.

Im Lastwagen statt mit der Ambulanz transportiert

Der deutsche Arzt dachte nämlich, der Mann sei mit einem Ambulanzfahrzeug in seine Praxis ­gebracht worden, damit man ihn röntgen würde. Und dass es sich bei den Begleitpersonen um Rettungssanitäter handle. «Sie hatten ihn ja mit einer Trage hereingebracht», sagt er in der Verhandlung. «Nie hätte ich gedacht, dass einfache Soldaten einen Schwerverletzten mit dem LKW durch die Gegend fahren. Das kann ich mir in Afrika vorstellen, aber nicht in der Schweiz.» Er kenne zwar die hiesige Militärstruktur nicht, aber er sei davon ausgegangen, dass es sich bei der Krankenstation in Emmen um ein Spital handle und der Patient dort umgehend versorgt werde. Der Verteidiger ergänzt: «Er musste nicht damit rechnen, dass der Patient mit einem Lastwagen nach Kloten gebracht und es zudem im Zürcher Spital zu weiteren Verzögerungen kommen würde.»

Das Gericht aber ist überzeugt, dass der Arzt nicht erkannt hatte, wie schwer die Verletzung tatsächlich war. Aus dem Umstand, dass man den Patienten zum Röntgen in seine Praxis brachte, hätte er schliessen müssen, dass in Emmen nicht einmal ein Röntgenapparat vorhanden ist – es sich also nicht um eine spitalähnliche Einrichtung handeln konnte. Selbst wenn auch andere Beteiligte Fehler gemacht haben: Der Patient wäre schneller behandelt worden, wenn der Arzt die Nachbetreuung sichergestellt hätte. Das Gericht ist überzeugt, dass der Schaden so mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeblieben wäre – und verurteilt den Arzt deshalb wegen schwerer fahrlässiger Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe. Auf die zusätzliche Busse wird – unter anderem wegen der langen Verfahrensdauer – verzichtet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der Arzt geht in Berufung.

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