Massiv mehr Luzerner Kinder und Jugendliche brauchen psychiatrische Hilfe

Die Luzerner Psychiatrie verzeichnet seit Jahren eine stete Zunahme der Patienten im Kindes- oder Jugendalter.

Martina Odermatt
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Die jugendpsychiatrische Therapiestation in Kriens. (Bild: Pius Amrein, 17. Mai 2019)

Die jugendpsychiatrische Therapiestation in Kriens. (Bild: Pius Amrein, 17. Mai 2019)

Melanie ist vierzehn, als sie sich zum ersten Mal an die Luzerner Psychiatrie (Lups) wendet. «Ich will wieder Ruhe haben, runter kommen», sagt sie. Und: «Ich hab das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin.» Das Beispiel ist erfunden, doch die Problematik bleibt: Immer mehr Kinder und Jugendliche suchen Rat bei der Luzerner Psychiatrie. Letztes Jahr waren es 3101 Kinder und Jugendliche, wie dem aktuellen Geschäftsbericht der Lups zu entnehmen ist. Das ist eine Zunahme von mehr als 10 Prozent. Ähnlich sieht es bei der Anzahl Pflegetagen aus. Thomas Heinimann ist Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes an der Lups. «Wir haben seit einigen Jahren eine stete Zunahme der Patientenzahlen», bestätigt er.

Eine Entwicklung, die den Chefarzt beschäftigt. Auch in Anbetracht der Finanzierungsfrage. «Im institutionellen ambulanten psychiatrischen Bereich gibt es bereits heute Finanzierungslücken, womit sich zusätzliche Ressourcen zur Zeit kaum finanzieren lassen.» Dies führe dazu, dass die ohnehin schon bestehende Versorgungslücke im ambulanten Bereich bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen noch grösser werde.

Vollendete Suizide selten

Besonders alarmierend: Bei Jugendlichen verzeichnet die Lups den stärksten Zuwachs, häufig auch im Zusammenhang mit Krisen sowie Selbstgefährdung. Deren Darstellung in den Medien und der ständige Vergleich seiner Selbst in den sozialen Medien mache das Thema Suizidalität bei vielen Jugendlichen «leider sehr aktuell. Bei vielen Jugendlichen ist es ein Hilfeschrei, mit dem sie zum Ausdruck bringen, dass sich etwas ändern muss. Suizidversuche geschehen häufig impulsiv und sind immer ernst zu nehmen», sagt Heinimann. Vollendete Suizide seien aber zum Glück selten.

Sind die Jugendlichen heute also kranker als früher? Heinimann relativiert: «Wir sind heute mehr sensibilisiert für psychische Störungen. Zudem ist der Abklärungs- und Behandlungsbedarf heutzutage grösser.»

Gefährdung zeichnet sich früh ab

Eine Zunahme verzeichnet die Lups nicht nur bei der Anzahl der Patienten. Auch gewisse psychische Störungen treten vermehrt auf. So leiden die Jungen vermehrt unter Angststörungen oder Depressionen. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, wie die Belastbarkeit der Jugendlichen, die familiäre und schulische Umgebung, Verarbeitungsmöglichkeiten oder die persönlichen oder familiären Ressourcen, so Heinimann. «Auch der Leistungsdruck und die häufig hohen Erwartungen der Eltern an die Kinder, Überforderung und schliesslich der Einfluss von Social Media sind Teil der sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, die Kinder und Jugendliche zunehmend nicht mehr verkraften.»

Dabei zeichne sich bei vielen Kindern bereits früh im Leben ab, dass ihre Entwicklung gefährdet ist. Prävention lautet hier das Zauberwort, denn indem man den Familien Hand biete, könne man häufig mit relativ wenig Aufwand viel erreichen, sagt Heinimann. Solche Kinder und ihre Familien würden auf verschiedenen Ebenen Hilfe brauchen. So bietet die Lups beispielsweise eine Baby- und Kleinkindsprechstunde für gefährdete Kinder an.

Der Zuwachs an Patienten führt zwangsläufig auch zu einem Platzproblem. Denn durchschnittlich verbringen Kinder und Jugendliche 78 Tage in der Therapiestation. Bei vielen Jugendlichen liegt eine komplexe Störung vor, was eine längere Behandlung nach sich zieht. Bei akuter Selbstgefährdung ist eine stationäre Behandlung nötig.

Einen Lichtblick gibt es: Im Spätherbst eröffnet die Lups in unmittelbarer Nähe zum Ambulatorium im Hirschpark auf dem Areal des Luzerner Kantonsspitals eine neue Akut- und Intensivstation mit 15 Plätzen. «Eine Akutstation für die notfallmässige Aufnahme von Kindern und Jugendlichen hat uns seit Jahren gefehlt», so Heinimann. Bereits im April 2017 wurden acht Tagesklinikplätze, im Mai 2018 drei stationäre Behandlungsplätze geschaffen. «Der Ausbau war nötig, da der Bedarf an teilstationären und stationären Behandlungen in den letzten Jahren gestiegen ist.»