Lahmes Internet auf der Landschaft: Gemeindeverband der betroffenen Regionen drückt aufs Gas

Die Datenmengen werden grösser, doch in vielen Luzerner Gemeinden hält die Infrastruktur nicht mit. Der Gemeindeverband Luzern West spannt nun mit dem Kanton zusammen. Das Ziel: Glasfaser-Anschlüsse bis in jeden Haushalt.

Alexander von Däniken
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In Haushalten mit schwacher Internetverbindung kann es schon mal zu familieninternen Konflikten kommen.

In Haushalten mit schwacher Internetverbindung kann es schon mal zu familieninternen Konflikten kommen.

Bild: Boris Bürgisser (Adligenswil, 30. Juni 2020)

Heutzutage mit einer langsamen Internetverbindung zu arbeiten, ist wie mit einem Sportwagen im Stau stehen. Doch was heisst langsam, was ist schnell? Eine allgemeingültige Definition ist schwierig. Zumal sich Ansprüche und Angebot rasant verändern. Ein Beispiel: Ende der 1990er-Jahre piepste das Modem, nebenher telefonieren ging nicht. Die Daten wurden mit maximal 56 Kilobit pro Sekunde über die Kupferleitung übertragen. Heute sind dank Glasfaserleitungen Geschwindigkeiten bis zu 10 Gigabit pro Sekunde keine Seltenheit – aber auch noch nicht selbstverständlich.

2018 lag die durchschnittliche Internetverbindungsgeschwindigkeit in der Schweiz bei etwa 30 Megabit pro Sekunde. In ländlichen Regionen wie dem Entlebuch oder dem Napfgebiet werden aber oft nicht einmal 20 Megabit, manchmal sogar weniger als 10 Megabit erreicht. Dem gegenüber surfen und arbeiten viele Stadtluzerner mit 1000 Megabit pro Sekunde – dank Glasfaserverbindungen bis in die Büros oder Wohnungen. Wichtig zu wissen: Eine Videokonferenz in HD-Qualität benötigt rund 6 Megabit, für das Streamen von TV-Inhalten braucht es ebenfalls etwa so viel. Wenn also in einem Haushalt gleichzeitig je eine Person eine Videokonferenz abhalten, einen Netflix-Film schauen und im Internet surfen will, kommt eine langsame Verbindung schnell einmal ins Stocken.

Beim Strom haben alle die gleiche Leitung, beim Internet nicht

Keine stockenden Verbindungen mehr – dieses Ziel verfolgt der regionale Entwicklungsträger Region Luzern West schon seit sechs Jahren. Mit der Zeit wurde das Ziel konkreter, aber auch notwendiger, wie Guido Roos, Geschäftsführer von Luzern Region West und CVP-Kantonsrat auf Anfrage sagt. Im April ist das Projekt «Wege zur Hochbreitbandversorgung» offiziell gestartet. «Beim Strom gilt in der Schweiz schon lange die Grundversorgungsregel: «Alle Haushalte verfügen über dieselbe Leistung. Beim Breitband-Internet sieht es leider noch anders aus.»

Guido Roos, Geschäftsführer von Luzern Region West.

Guido Roos, Geschäftsführer von Luzern Region West.

PD

Es gebe viele Gebäude, etwa Bauernhöfe, die über eine langsame und unzuverlässige Internetverbindung verfügen. Das stellt die Landwirte vor Probleme – etwa beim Aktualisieren der Tierverkehrsdatenbank. Viele dieser Gebäude lägen ausserhalb der Bauzonen. Immer mehr seien auch innerhalb von Bauzonen gelegene Gebäude von zu schlechten Internetleitungen betroffen. So stösst die Verbindung laut Roos auch bei Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben sowie Privaten schnell einmal an die Kapazitätsgrenze:

«Seit diesem Jahr zählt eine Übertragungsgeschwindigkeit von 10 Megabit pro Sekunde zur Grundversorgung. Das wird in vielen Teilen unseres Verbandsgebiets nicht erreicht.»

Zum Gebiet zählen 28 Gemeinden aus den Regionen Willisau-Wiggertal, Entlebuch und Teilen des Rottals.

Ländliche Region schon jetzt wirtschaftlich im Nachteil

Die vergleichsweise langsame Verbindung stellt die Region laut Guido Roos vor zwei Probleme. Einerseits hätten die Verbandsgemeinden auf Grund der schlechteren verkehrstechnischen Lage schon heute gegenüber Stadt und Agglomeration wirtschaftliche Nachteile. Ausgerechnet in und um die Stadt Luzern ist aber schnelles Internet bereits stark verbreitet. «Dort werden bei grösseren Bauvorhaben bis zu vier Glasfaserleitungen parallel gebaut.» Andererseits führt diese «Marktverzerrung» zur Verbreiterung des «digitalen Grabens». Um den Graben zuzuschütten, treibt der Verband auch das Projekt des digitalen Dorfes voran. Und unterstützt Gemeinden wie Luthern bei der Umsetzung von Glasfaseranschlüssen.

Roos: «Für die grossen Anbieter ist es lukrativer, Glasfaserleitungen für mehrere Endkunden auf einmal herzurichten.» Immerhin sei ein wichtiger Schritt erreicht worden. Der Kanton Luzern unterstützt die Bemühungen des Gemeindeverbands. «Nun erwarten wir vom Kanton ein klares Bekenntnis zur eigenen Digitalisierungsstrategie, wonach Luzern schweizweit führend sein will.»

In der Stadt 100-mal schneller unterwegs

Es handelt sich auch um einen Wettlauf mit der Zeit. Denn die Digitalisierung schreitet schnell voran – und mit ihr steigen die Ansprüche an schnelles Internet. Relevant ist dabei nicht nur die Download-Geschwindigkeit, also das Tempo, mit der etwas auf ein Gerät heruntergeladen werden kann. Auch die Upload-Geschwindigkeit ist heute zunehmend wichtig. Für letztere ist Glasfaser bis ins Haus besonders wichtig. Wenn allerdings das Glasfaserkabel nur bis ins Quartier reicht – und die Daten von dort über Kupfer- oder Koaxialkabel weitergeleitet werden, «ist die Upload-Geschwindigkeit um den Faktor 10 langsamer», so Roos.

Doch genau solche Kombinationsvarianten haben die Anbieter laut Roos aus Kosten-Nutzen-Gründen meist im Sinn.

«Darum haben wir die ambitionierte Vision, bis 2025 Glasfaserleitungen direkt in alle Haushalte zu haben.»

Der Kanton Luzern unterstützt das erwähnte Projekt der Region Luzern West mit 257'000 Franken. Und zwar im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) während drei Jahre. Die Region Luzern West nimmt mit dem Pilotprojekt eine Vorreiterrolle in der Schweiz ein. «Eine gute Hochbreitbandversorgung ist sehr wichtig – gerade in ländlichen Gebieten», sagt Tilman Holke. Er ist Projektleiter Wirtschafts- und Regionalentwicklung bei der kantonalen Dienststelle Raum und Wirtschaft. Von Hochbreitband wird derzeit bei Geschwindigkeiten von mindestens 30 Megabit pro Sekunde gesprochen. Die Digitalisierung wird laut Holke immer wichtiger; sowohl in den Firmen wie auch im Home-Office:

«Es muss auch nach der Coronakrise möglich sein, dass zum Beispiel ein Arbeitnehmer aus dem Entlebuch einen Tag in der Woche zu Hause arbeitet, statt nach Luzern zur Arbeit zu fahren.»

Entsprechend hofft Holke auf einen Digitalisierungsschub aus der Coronakrise. Denn die Handlungsmöglichkeiten von Gemeinden und Kanton sind beschränkt. In erster Linie liegt es an den Anbietern wie der Swisscom, die Basisinfrastruktur zu schaffen. Für diesen Herbst hat der Kanton die Anbieter zu einem Gespräch eingeladen. Das Ziel ist klar: «Wir wollen möglichst bald das ganze Kantonsgebiet an Hochbreitbandinternet angeschlossen haben.» Dabei können verschiedene Lösungen greifen – je nach Voraussetzungen in den einzelnen Gemeinden.

Umstrittene Mobilfunktechnologie als Antreiber?

Eine Rolle könnte neben dem weiteren Ausbau der Glasfasernetze auch der Ausbau der Mobilfunktechnologie 5G spielen. Solche Antennen sind teilweise in der Bevölkerung noch umstritten. Zudem benötigen diese laut Holke oft auch einen Glasfaseranschluss. Dieser müsse nicht in jedes Quartier oder jeden abgelegenen Hof führen: Für die Feinverteilung zu den Häusern böten sich Kombinationen mit bestehenden Koaxial-Verbindungen (TV-Kabel) an, mit herkömmlichen Kupfer-Telefonverbindungen oder auch mit Mobil- und Richtfunk.

Genau solche Lösungen sind allerdings nicht im Sinne von Region Luzern West. Das weiss auch Holke: «Die Anwendung der richtigen Technologie muss nach Berücksichtigung der lokalen Begebenheiten und dem Kosten- Nutzen-Verhältnis vorgenommen werden, wobei ein Glasfaserkabel direkt ins Haus derzeit die leistungsfähigste aber in der Regel auch teuerste Lösung darstellt.»

Auch Sursee-Mittelland und Seetal noch nicht überall schnell

Hier kann und will der Kanton mit seinen beschränkten Mitteln den Gemeinden und Regionen Hand bieten. Die Region Luzern West ist gemäss einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) nicht die einzige mit Nachholbedarf. Auch die Regionen Sursee-Mittelland oder Seetal verfügen noch nicht ausreichend über schnelles Internet. «Falls dort tatsächlich ein Handlungsbedarf besteht, sind wir gegenüber diesen Regionen ebenfalls offen für mögliche Projekte. Aus kantonaler Sicht macht es jedoch Sinn, erste Zwischenergebnisse des Projekts der Region Luzern West abzuwarten, von welchen auch andere Regionen profitieren können.» sagt Holke.

Das Seco hat die Studie mittlerweile von seiner Website gelöscht. Mediensprecherin Nadine Mathys: «Wir haben Zweifel, ob die verwendeten Daten zur Erschliessungssituation aussagekräftig genug sind und müssen die darauf basierenden Analysen, insbesondere die Aussagen zu Erschliessungslücken in den einzelnen Regionen, entsprechend in Frage stellen.» Eine erneute Veröffentlichung, wenn auch nur in Teilen, werde jedoch geprüft.

Die Swisscom als grösste Anbieterin im Schweizer Markt hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2021 in allen Gemeinden der Schweiz mindestens 90 Prozent der Anschlüsse mit einer Kapazität von mindestens 80 Megabit pro Sekunde auszurüsten (siehe auch Box). Damit sei man auf Kurs, wie Mediensprecherin Esther Hüsler erklärt. Und: «Mittlerweile arbeiten wir bereits an der Umsetzung der Strategie 2025, die eine Verdoppelung der Glasfaser-Hausanschlüsse und damit Bandbreiten von 10 Gigabit pro Sekunde vorsieht.»

47 der 82 Luzerner Gemeinden mit mindestens 80 Mbit/s

(avd) Die Swisscom hat das Ziel, bis 2021 in allen Gemeinden der Schweiz mindestens 90 Prozent der Anschlüsse mit einer Kapazität von mindestens 80 Megabit pro Sekunde auszurüsten. Im Kanton Luzern ist dieses Ziel erst in 47 Gemeinden umgesetzt worden. In 18 Gemeinden befinden sich die Leitungsinfrastrukturen im Bau, in 17 Gemeinden ist der Ausbau erst geplant. Die Übersicht gibt es hier: https://www.swisscom.ch/de/about/unternehmen/portraet/netz/netzausbau-karte-glasfaser.html

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