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Touristen behindern Verkehr in Luzern

Reisegruppen, die bei Rot über Fussgängerstreifen gehen, werden in Luzern zunehmend zum Problem, etwa am Schwanen- und Löwenplatz. Die Polizei rät zu Toleranz. Um Gefahren zu minimieren, sei es wichtig, vorausschauend zu fahren.
Hugo Bischof

Die Szenerie ist in der Stadt Luzern bestens bekannt: Chinesische Touristengruppen strömen über Fussgängerstreifen, auch wenn die Ampel längst auf Rot steht. Besonders häufig ist dies am Löwenplatz zu beobachten, oft auch am Schwanenplatz. Andere Verkehrsteilnehmer reagieren gereizt. Autofahrer hupen und fahren bedrohlich nah auf. Velofahrer kurven fluchend um die Touristen. Es scheint eine Frage der Zeit, bis es zu einem schweren Unfall kommt. Was ist zu tun? Wir fragten bei Experten in Sachen Tourismus und Sicherheit nach.

«Es ist ein generelles Gruppenphänomen», sagt Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft Luzern. «Leute, die sich in einer Gruppe bewegen, sind tendenziell weniger aufmerksam. Touristen folgen fast blind ihrem Guide, der mit einem Fähnchen oder einem Schirm vorangeht. Sie sind oft in Gespräche vertieft und achten wenig darauf, was um sie herum geschieht.» Amerikanische und europäische Touristengruppen verhielten sich ähnlich: «Nur sind die Chinesen in Luzern zurzeit dominierend, sodass es bei ihnen mehr auffällt.» Es sei keine Mentalitätsfrage: «Chinesische Touristen kommen meist aus Grossstädten mit ähnlichen Verkehrsproblemen.»

Die Reiseleiter als Schlüsselpersonen

Die Schlüsselperson ist laut Stettler der Guide, der Anführer der Gruppe: «Er muss dafür sorgen, dass seine Leute zusammenbleiben. Er hat auch die Verantwortung dafür, dass sie sich nicht Gefahren aussetzen.» Das Problem sei häufig der Zeitdruck: «Es gilt, innert kurzer Zeit möglichst viel zu besichtigen.» Deshalb überquere man häufig im letzten Moment noch eine Strasse. Die Folge: Die vorderen Mitglieder der Gruppe laufen bei Grün los, bei den folgenden hat die Ampel auf Rot geschaltet. «Sie laufen trotzdem mit, denn sie wollen ja den Anschluss an die Gruppe nicht verlieren. Es gilt, die Guides für die Problematik zu sensibilisieren – via Tour-Anbieter und Luzern Tourismus», sagt Stettler.

«Eine andere Möglichkeit wäre, dass am Schwanenplatz und Löwenplatz spezielles Personal die Fussgängerströme lenkt, wie das bei den Touristencars schon geschieht», so Stettler. Das sei aber wohl unrealistisch, da es mit Kosten verbunden wäre: «Wer will dies zahlen?» Um zu verhindern, dass Touristen kurz vor Beginn der Rotphase die Strasse betreten, könnte man als Warnung die Orange-Phase verlängern, sagt Stettler. «Eine weitere Möglichkeit wäre, die Grünphase mit einer Sekunden-Anzeige zu versehen: So wüssten die Tour-Guides, wie viel Zeit sie noch haben, um sicher auf die andere Strassenseite zu gelangen.»

Beim Fussgängerstreifen am Löwenplatz kommt es regelmässig zu heiklen Situationen. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 21. Juli 2018))

Beim Fussgängerstreifen am Löwenplatz kommt es regelmässig zu heiklen Situationen. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 21. Juli 2018))

Sensibilisierung beginnt im Herkunftsland

Bei Luzern Tourismus kennt man die Problematik. «Gäste treffen bei uns auf Situationen, die sie nicht oder anders kennen», sagt Mediensprecherin Sibylle Gerardi. Da dies alle städtischen Destinationen betreffe, würden in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus Reiseveranstalter bereits im Quellmarkt der Gäste vor Ort sensibilisiert, also etwa in China. «Vor Ort in Luzern machen unsere eigenen Guides die Gruppen auf das Problem aufmerksam», fügt Gerardi an. «Zum Beispiel informieren auch die Uhrengeschäfte vor Ort die Guides.» Luzern Tourismus führt zudem jährlich Workshops zur interkulturellen Kommunikation durch. Auch der ehemalige Botschafter und China-Kenner Uli Sigg ist überzeugt: «Eine Sensibilisierung geht nur über die Tourleader, welche die Gruppen durch Europa führen.» Sigg regt zudem Flyer mit «To do’s» in chinesischer Sprache an; diese könne man in Hotels auflegen.

Auch auf dem Bahnhofplatz überqueren Touristen oft unvermittelt die Strassen. Hier hat die Stadt reagiert und Absperrketten montiert. Am Löwenplatz ist die Situation dadurch erschwert, dass es zwei Fussgängerstreifen hintereinander gibt. Ein Test vor Ort zeigt: Oft ist es nur knapp 10 Sekunden lang grün. Natürlich seien möglichst lange Grünphasen ein Ziel, sagt Martin Urwyler, Projektleiter Mobilität der Stadt Luzern, «nicht zuletzt, damit auch gehbehinderte Personen die Strasse gefahrlos überqueren können». Am Löwenplatz entstehe aber sehr schnell ein Kapazitätsproblem, da die Gesamtverkehrsmenge hier vor allem zu Stosszeiten sehr gross sei.

Die Steuerung der Ampelanlagen in Luzern erfolge verkehrsabhängig, sagt Urwyler: «Die Grünphasen sind aufeinander abgestimmt, im Sinn einer hohen Verkehrsleistung.» Dazu komme die automatische Busbevorzugung: «Einmal wird die Grün-, einmal die Rotphase verlängert.» Deshalb sieht Urwyler auch für Grünphasen mit Sekundenanzeige eher schwarz.

Tödlicher Unfall vor drei Jahren

Vielen ist der tragische Unfall vom Samstag, 7. März 2015, noch in Erinnerung. Eine VBL-Buschauffeuse musste auf der Pilatusstrasse beim Fussgängerstreifen an der Ecke zur Morgartenstrasse wegen einer bei Rot über die Strasse gehenden italienischen Reisegruppe eine Vollbremsung machen. Im Bus fielen mehrere Passagiere zu Boden; eine 80-jährige Frau wurde dabei tödlich verletzt. Aufgrund dieses Unfalls führten die Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) im Weiterbildungsprogramm ihrer Fahrschule einen neuen Kurs ein, mit dem Chauffeure auch auf solche Situationen aufmerksam gemacht werden. «Nicht zuletzt dank dieses Kursangebots konnte die Anzahl von Anfahr- und Stoppunfällen von circa 50 bis 60 pro Jahr auf circa 40 pro Jahr gesenkt werden», sagt VBL-Mediensprecher Christian Bertschi.

«Im gesamten Innenstadtbereich zwischen Kantonalbank und Luzernerhof gibt es täglich brenzlige Situationen»

Auf Bildschirmen mit Textmeldungen («Bitte festhalten») und mit einem Video gibt es zudem vermehrt Verhaltenstipps für Fahrgäste. «Im gesamten Innenstadtbereich zwischen Kantonalbank und Luzernerhof gibt es täglich brenzlige Situationen», sagt Bertschi. «Nicht nur mit Touristengruppen, sondern auch mit anderen Passanten, Velofahrern oder Autofahrern, die unverhofft einen Richtungswechsel vornehmen, ein Bremsmanöver einleiten oder als Fussgänger die Strasse betreten.» Bertschi: «Unsere Chauffeure werden so geschult und instruiert, dass sie vorausschauend fahren und das Tempo drosseln. Die Sicherheit kommt immer vor der Einhaltung des Fahrplans, sodass wir Verspätungen in Kauf nehmen.»

Am Schwanenplatz in Fahrtrichtung Bahnhof dürfen die VBL zudem auf die Unterstützung durch die Securitas-Mitarbeitenden zählen, die für die Car-Parkierung zuständig sind. VBL-Sprecher Bertschi: «Sie helfen auch mit, dass Touristengruppen nach dem Ausstieg aus den Cars nicht unverhofft auf die Strasse treten, sondern via ampelgesteuerte Fussgängerstreifen Richtung See gehen.»

Polizei rät zu Toleranz

Nach Auskunft der Luzerner Polizei ist es am Löwenplatz und am Schwanenplatz in den vergangenen Jahren nur sehr selten zu Verkehrsunfällen mit Fussgängern gekommen. Um Gefahren zu minimieren, sei es wichtig, «vorausschauend zu fahren», sagt Polizeisprecher Urs Wigger. «Allgemein können ortsunkundige Personen manchmal sehr unkonventionell reagieren. Darauf gilt es, vorbereitet zu sein.» Zudem sei es gerade im Stadtverkehr wichtig, «die Ruhe zu bewahren, keine unüberlegten Handlungen zu machen und tolerant gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern zu sein».

Wie viele Fussgänger, die bei Rot über die Strasse gehen, von der Polizei gebüsst werden, kann Wigger nicht sagen: «Die Luzerner Polizei führt keine separaten Statistiken zu ausgestellten Ordnungsbussen.» Der Polizeisprecher betont aber: «Wenn Polizistinnen oder Polizisten vor Ort sind, werden keine oder eher selten solche Übertretungen begangen.» Im Falle der chinesischen Touristengruppen sei es so, dass der Tourguide den Polizisten sehe und seine Gruppe zum korrekten Verhalten anleite. Gemäss Ordnungsbussenkatalog werden Fussgänger beim Nichtbeachten eines Lichtsignals mit 20 Franken gebüsst. Das Nichtbenützen des Fussgängerstreifens, sofern er weniger als 50 Meter entfernt ist, kostet 10 Franken.

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