Wandern im Kanton Luzern soll schneller sicherer werden

Für die Verlegung eines Wanderwegs braucht es den Segen des Kantons Luzern. Das will Hans Lipp, Gemeinde- und Kantonsrat aus Flühli im Entlebuch, ändern.

Lukas Nussbaumer
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Das folgende Beispiel ist nicht fiktiv, sondern hat sich so in einer Luzerner Gemeinde zugetragen – ohne, dass es bislang an die Öffentlichkeit gelangt ist: Mehrere Tiere einer Mutterkuhherde haben auf einem offiziellen Wanderweg einen Mann angegriffen und verletzt. So schwer, dass er mit der Rega ins Spital geflogen werden musste. In der Folge verlegte die Gemeinde den Wanderweg aus Sicherheitsgründen umgehend. Der neue Pfad führt nun nicht mehr durch die Weide mit den bisweilen aggressiven Kühen, musste aber entwässert und mit Schotter befestigt werden – er wurde im Fachjargon «baulich verändert».

Auf dem Weg zum «Hengst» in der Kette der Schrattenfluh in den Luzerner Voralpen treffen Wanderer immer wieder auf Mutterkühe und ihre Kälber.

Auf dem Weg zum «Hengst» in der Kette der Schrattenfluh in den Luzerner Voralpen treffen Wanderer immer wieder auf Mutterkühe und ihre Kälber.

Bild: Martin Vetter

Die Gemeinde hat die Verlegung in Eigenregie veranlasst – und damit ihre Kompetenzen überschritten. Denn die Regeln im kantonalen Planungs- und Baugesetz sind klar: Wer auch nur ein kleines Stück des 2750 Kilometer langen Wanderwegnetzes des Kantons Luzern verlegt und damit «baulich verändert», braucht eine Baubewilligung.

Für eine Bewilligung braucht es das Okay mehrerer Fachstellen und Vereine

Die Zustimmung zu einer Verlegung erteilt zwar die Gemeinde, auf der sich das Wegstück befindet. Doch entscheidend ist die Beurteilung der kantonalen Dienststelle Raum und Wirtschaft. Diese wiederum stützt sich auf weitere Fachstellen des Kantons, etwa auf die Dienststelle Landwirtschaft und Wald. Angehört wird auch der Verein Luzerner Wanderwege, der in Zusammenarbeit mit den Behörden von Kanton und Gemeinden zuständig ist für den Vollzug des Bundesgesetzes über die Fuss- und Wanderwege sowie dessen Ausführungsverordnung.

Treffen während der 20 Tage dauernden öffentlichen Auflage keine Einsprachen ein, dauert es im besten Fall 20 weitere Tage, bis ein Wanderweg verlegt werden darf. Diese Frist sei «bei Einsprachen in der Regel aber schwer einzuhalten», sagt Roland Emmenegger, Abteilungsleiter Baubewilligungen bei der Dienststelle Raum und Wirtschaft.

Zahl der Mutterkühe hat sich im Kanton Luzern seit 1999 vervierfacht

Eher von 60 statt von 40 Arbeitstagen bis zum Vorliegen einer Bewilligung spricht auch Hans Lipp. Der Gemeindeammann von Flühli, der seine Gemeinde auch im Kantonsrat vertritt, will das seiner Ansicht nach aufwendige Verfahren deshalb vereinfachen.

Er fordert in einem Postulat, dass für die geringfügige Verlegung von Wanderwegen künftig keine Bewilligung des Kantons und seiner Fachstellen mehr nötig ist. Verlangt der CVP-Politiker damit einfach eine Legalisierung jener Praxis, die von den Gemeinden aufgrund des komplizierten Verfahrens sowieso längst angewendet wird? «Es gibt sicher Gemeindebehörden, die in der Vergangenheit pragmatisch gehandelt und aus Sicherheitsgründen auf ein Baubewilligungsverfahren verzichtet haben», sagt Lipp.

Er nennt denn auch Sicherheitsgründe für seinen Vorstoss, der von fast allen seiner Fraktionskollegen und von zwei Freisinnigen mitunterzeichnet wurde:

«Unfälle von Wanderern mit Kühen nehmen zu, vor allem während der Hauptwanderzeit im Herbst.»

Mit konkreten Zahlen untermauern lässt sich diese Aussage zwar nicht. Sicher ist aber zweierlei: Es werden vermehrt Fälle bekannt, in denen Mutterkühe aggressiv auf Wanderer oder ihre Hunde reagieren. So wurden auf der Bannalp ob Wolfenschiessen Ende Juli zwei Wanderer von Mutterkühen verletzt. Bereits im Sommer 2019 griffen Mutterkühe auf der Bannalp Berggänger an, ein Hund wurde getötet. Daraufhin wurde der Wanderweg zwischenzeitlich gesperrt.

Wanderboom führt zu Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche

SVP-Vorstoss

Wanderwege werden immer öfter auch von Velofahrern, Hunde- und Pferdehaltern sowie von E-Bike-Fahrern benutzt. Die Coronakrise habe diese Tendenz «noch weiter verstärkt», schreibt SVP-Kantonsrat Willi Knecht aus Geiss in einer Anfrage an die Regierung. Besonders gut zu beobachten sei dies auf Wanderwegen, die durch Landwirtschaftsland führen. Seien diese Pfade früher in der Tendenz zugewachsen, würden sie heute breiter oder es entstünden gar neue Abschnitte, so der Bauer, dessen Vorstoss von seinen Fraktionskollegen mitunterzeichnet wurde.

Knecht will nun wissen, wie viele Wanderwege sich im Kanton Luzern auf landwirtschaftlicher Nutzfläche befinden und ob Bauern, die wegen breiterer oder neuer Wege Land verlieren, entschädigt werden. Die Regierung soll zudem Stellung nehmen dazu, ob Wander- und Bikerwege künftig nicht besser getrennt werden sollen. (nus)

Ebenso sicher ist, dass die Bauern vermehrt auf die Haltung von Mutterkühen setzen. Allein im Kanton Luzern hat sich deren Zahl in den letzten 20 Jahren vervierfacht – von knapp 4000 auf mehr als 15'000 Tiere, dies bei kantonsweit etwa 147'000 Kühen und Rindern.

Routen in Obwalden und Uri nur selten geändert

In den anderen Kantonen gilt für die Verlegung von Wanderwegen das gleiche Verfahren wie in Luzern. Zu Problemen ist es in der Zentralschweiz ausser auf der Nidwaldner Bannalp bisher aber nicht gekommen. So werden im Kanton Obwalden pro Jahr nur einzelne Gesuche für die Verlegung von Wanderwegen gestellt. Grössere Umleitungen gab es zuletzt keine, da erst 2016 der kantonale Richtplan für das Wanderwegnetz genehmigt wurde, sagt Denis Tschuppert, Projektleiter im Amt für Raumentwicklung und Verkehr.

Auch im Kanton Uri müssen Wanderwege nur selten verlegt werden. Adi Arnold von der zuständigen Wanderweg- und Bikefachstelle ist kein Fall bekannt, in dem eine Wanderroute wegen aggressiven Mutterkühen geändert werden musste.

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