«... dann haben wir eine noch viel grössere Pleitewelle»: Bars und Restaurants in Deutschland wegen Corona immer noch zu – jetzt wehren sich die Wirte

Kleinere Geschäfte und Baumärkte haben wieder offen – doch für die Restaurants besteht nicht mal ein Fahrplan aus dem Lockdown. Wirte im ganzen Land fordern von der Politik eine klare Perspektive für die Branche.

Christoph Reichmuth aus Berlin
Drucken
Teilen
Das Team der Berliner Szenebeiz «Unsere Kneipe» leidet unter dem Corona-Lockdown: «Wir brauchen einen Fahrplan.»

Das Team der Berliner Szenebeiz «Unsere Kneipe» leidet unter dem Corona-Lockdown: «Wir brauchen einen Fahrplan.»

Rudi-Renoir Appoldt

Gedeckte Tische, leere Stühle vor verschlossenen Lokalen - mit einem stillen Protest machten am Freitag in Deutschland viele Cafés und Restaurants auf ihre missliche Lage aufmerksam. In etlichen Bereichen haben Bund und Länder erste Lockerungen der Corona-Massnahmen beschlossen. Doch wann die vielen Bars, Kneipen und Restaurants wieder Gäste empfangen dürfen, dafür existiert bis heute kein Fahrplan. Vielen Gastrobetrieben droht die Pleite.

Alleine in Berlin erwirtschaftet die Gastro- und Hotelbranche jährlich einen Umsatz von 12 Milliarden Euro, in der Hauptstadt sind 230000 Arbeitsplätze in der Gastro-Branche vom Lockdown direkt betroffen.

«Wir sind ja bereit alles zu tun, uns an alle Regeln zu halten»

Seit Mittwoch dieser Woche haben Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmeter wieder offen, Gartencenter, Möbelhäuser und Autohändler empfangen wieder Kundschaft. Der rot-rot-grüne Berliner Senat allerdings verfügt offenbar noch immer über keinen Fahrplan für Cafés, Hotels, Kneipen und Restaurants.

«Wir sind ja bereit alles zu tun, uns an alle Regeln zu halten», sagt der Hauptgeschäftsführer des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga Berlin), Thomas Lengfelder, in einem TV-Interview beinahe verzweifelt. Blieben die Gastro-Betriebe noch längere Zeit geschlossen, «dann haben wir eine noch viel grössere Pleitewelle vor uns mit vielen, vielen Arbeitslosen.»

Restaurants, Cafés und Bars haben bereits Konzepte erarbeitet, wie ihre Branche trotz Corona den Betrieb wieder hochfahren kann: Mundschutz-Pflicht fürs Personal, nur noch bargeldloses Zahlen, die Tische auseinanderrücken.

Gastro ist «Hochrisikogebiet»

Doch die Bundesländer tun sich schwer, den Gastronomen einen konkreten Fahrplan zu nennen. Zu gross ist die Furcht, dass die Infektionskurve rapide ansteigt, sobald sich die Menschen wieder in Biergärten und Kneipen auf ein Feierabendbier treffen. «Die Gastronomie ist aus epidemiologischer Sicht ein Hochrisikogebiet», sagt der Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Virologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg, Frank Hufert, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. In Gaststätten seien viele Menschen eng beieinander, die Gefahr sei gross, dass sich das Virus immer weiter ausbreite «und wir einen grossen Knall erleben.»

Wer trinkt, rückt leider oft schnell näher aneinander

Auch der Berliner Senat mahnt zur Geduld. Die ersten Lockerungsmassnahmen müssten analysiert werden, sagt die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Nicole Ludwig. Verlaufe die erste Phase mit gelockerten Massnahmen günstig, könne man über eine «stufenweise Öffnung» der Gastronomie sprechen, zunächst etwa von Betrieben mit Aussengastronomie und mit kleinerem oder gar keinem Angebot alkoholischer Getränke. «Denn wer trinkt, rückt leider oft schnell näher aneinander», gibt Ludwig zu bedenken.

Immerhin sollen die Berliner Restaurants mit weiteren Zuschüssen vor der Pleite geschützt werden, kündigt die Grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Pop an. An diesem Donnerstag hat der Bund bereits Hilfe für die schwer getroffenen Gastronomen angekündigt: Der Mehrwertsteuersatz für in Restaurants verzehrten Speisen soll ab 1. Juli von 19 auf sieben Prozent verringert werden. In einer ersten Phase der Corona-Krise konnten 14000 Betriebe im Bereich Gastronomie und Tourismus mit Soforthilfen unterstützt werden. In Berlin sind die Gastro-Betriebe seit fünf Wochen geschlossen.

Nidwaldner Wirt: «Brauchen Fahrplan»

Auch das Kiezlokal «Unsre Kneipe» des gebürtigen Hergiswilers Christian Keiser im Prenzlauer Berg hat von den Sonderhilfen des Bundes profitiert, doch damit konnte das Lokal gerade einmal die Fixkosten und die Löhne der Angestellten im ersten Monat bezahlen.

«Unsere Kneipe» in Berlin.

«Unsere Kneipe» in Berlin.

Rudi-Renoir Appoldt

Keiser, der die Kneipe am 5. Mai vor zwei Jahren zusammen mit seinem Partner Lutz Dallgas eröffnet hat, stört sich vor allem daran, dass die Politik die Betriebe ungleich behandelt. «Wir können die Schliessung akzeptieren, wenn die Politik meint, dass der Pandemie so begegnet werden kann. Aber wenn man diese strikte Linie fährt, muss die für alle gelten und nicht nur für diejenigen mit der grössten Lobby», moniert der 46-Jährige.

Keiser bemängelt nicht zuletzt die Informationspolitik der Berliner Regierung. «Wir brauchen einen Fahrplan.» Keiser und Dallgas beklagen eine Umsatzeinbusse von 80 Prozent. Geringe Einnahmen generieren die beiden mit dem Ausserhaus-Verkauf, über den sie weiterhin in Kontakt mit ihrer Stammkundschaft bleiben können. Das Loch bei den Einnahmen bleibt aber auch nach dem Lockdown. «Wir können nach einer Öffnung die Tische ja nicht doppelt besetzen.» Noch bleibt der ehemalige Mitarbeiter der Stanser Szene-Kneipe «Melachere» optimistisch. «Aber», fügt er hinzu, «wenn wir noch länger nicht öffnen dürfen, brauchen wir eine zweite Finanzspritze, um zu überleben.»

Mehr zum Thema