USA
10 Jahre nach Beginn des Irak-Kriegs: Die First Lady kämpft für Veteranen

10 Jahre nach dem Beginn des Irak-Kriegs versucht Amerika, den Feldzug zu verdrängen. Männer und Frauen in der Uniform von Streitkräften der USA werden verehrt und als Helden bezeichnet.

Renzo Ruf, Washington
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Ein Mann sitzt am Strand von Santa Monica in Kalifornien in der von Veteranen eingerichteten Gedenkstätte namens «Arlington West».Keystone

Ein Mann sitzt am Strand von Santa Monica in Kalifornien in der von Veteranen eingerichteten Gedenkstätte namens «Arlington West».Keystone

Die Szene wiederholt sich täglich, an Flughäfen, auf der Hauptstrasse in Kleinstädten oder in Schulgebäuden: Wildfremde Menschen gehen auf uniformierte Berufsmilitärs zu, danken ihnen von ganzem Herzen und wünschen ihnen alles Gute.

Daran hat auch der Irak-Krieg, der heute vor zehn Jahren begann und die amerikanische Bevölkerung bis heute tief spaltet, nichts geändert.

Männer und Frauen in der Uniform der Streitkräfte werden in den USA verehrt und als selbstlose Helden bezeichnet. Das US-Militär ist mit einem meilenweiten Abstand die angesehenste staatliche Institution, wie eine Befragung des Instituts Gallup alljährlich zeigt.

Eher schwer hat sich das Land bisher mit den Veteranen der jüngsten Kriege getan, den 2,6 Millionen Menschen, die nach (wiederholten) Einsätzen in Afghanistan und Irak ihre Uniform ablegten und zurück ins Zivilleben kehrten.

Trotz einer gut ausgebauten Infrastruktur – das Ministerium für Veteranen zählt 280 000 Angestellte und ein Budget von fast 100 Milliarden Dollar pro Jahr – fallen viele ehemalige Soldaten durch das soziale Netz. Für Schlagzeilen sorgte jüngst die hohe Selbstmord-Rate unter jungen und alten Veteranen.

Zwei weitere Beispiele: Gemäss einer aktuellen Erfassung der US-Regierung waren im Jahr 2011 mehr als 140 000 Veteranen zumindest kurze Zeit lang obdachlos. Und: 203 000 junge Veteranen suchten im Februar 2013 vergeblich nach einem bezahlten Job. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 9,4 Prozent. Die nationale Quote beträgt gemäss dem Arbeitsministerium 7,7 Prozent.

«Das ist eine nationale Schande»

«Das ist eine nationale Schande», sagt Cleve Geer, der im Namen der gemeinnützigen Organisation AMVETS für die Interessen der Veteranen kämpft. Schuld an dieser misslichen Situation sei auch die staatliche Bürokratie, ergänzt Paul Rieckhoff, Präsident der Organisation «Iraq and Afghanistan Veterans of America».

Demnach dauert es derzeit im schlimmsten Fall 642 Tage, bis ein verletzter New Yorker Veteran in den Genuss der ihm zustehenden Unterstützungsbeiträge kommt.

Fast eine Million Ex-Soldaten warten derzeit auf finanzielle Zuschüsse oder medizinische Hilfe des Veteranenministeriums. Dieser Rückstand in der Bearbeitung der Anträge sei das «grösste Problem» für die Veteranen, sagt Rieckhoff.

Es gibt aber Anzeichen dafür, dass Washington diesem Trauerspiel nicht weiter zusehen will. Im Senat ist neuerdings der Sozialist Bernie Sanders zuständig für die Bedürfnisse der Veteranen. Sanders, ein Gegner des Irak-Kriegs der ersten Stunde, sagt: «Wir haben eine Verpflichtung, die Veteranen und ihre Familien zu beschützen.»

Unterstützung erhält er dabei durch eine gewichtige Stimme im Weissen Haus. First Lady Michelle Obama hat sich die Sorgen und Nöte der US-Veteranen zu eigen gemacht.

Im Tandem mit Jill Biden, der Gattin des Vizepräsidenten, setzt sie sich gerade bei Vertretern der Privatwirtschaft für die Interessen der Militärfamilien ein. Vorige Woche trat Obama vor dem Business Roundtable auf, einem Zusammenschluss führender Manager, und rief die Anwesenden auf, mehr Veteranen einzustellen.

Dies lohne sich, weil diese die Fähigkeit besässen, komplexe Aufträge auszuführen, und in Stresssituationen nicht den Kopf zu verlieren. «Sie haben diese Qualitäten und Werte, die man schlicht nirgendwo anders lernen kann», sagte Michelle Obama.

Walmart stellt 100 000 Veteranen an

Ungesagt blieb, dass die Einstellung von Veteranen auch eine positive Berichterstattung in den Medien nach sich zieht. Dies zeigte sich zu Jahresbeginn, als die Supermarkt-Kette Walmart – der grösste amerikanische Arbeitgeber – bekannt gab, in den nächsten fünf Jahren 100 000 Ex-Soldaten anzustellen.

«Das ist eine grosse, mutige Initiative einer ikonischen amerikanischen Marke», sagte daraufhin Bill Lawson, Präsident einer Organisation gelähmter Veteranen. Und selbst Walmart-Kritiker räumten zerknirscht ein, dass der Supermarkt-Gigant die Probleme der Soldaten im Ruhestand «zumindest temporär» verringern könne.

Kolumnistin Juliette Kayyem schrieb allerdings in der linksliberalen Tageszeitung «The Boston Globe», dass «Veteranen mehr verdienten» als bloss einen schlecht bezahlten Job im Supermarkt».