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10 Jahre nach Hurrikan Katrina: Wie sieht es heute in New Orleans aus?

Vor zehn Jahren zerstörte der Hurrikan Katrina New Orleans. Wie hat sich die Stadt am Mississippi von der Jahrhundert-Katastrophe erholt?

Renzo Ruf, Washington
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New Orleans und der Hurrikan Katrina: Vorher-Nachher-Fotos der Katastrophe
15 Bilder
Das Spielfeld des Louisiana Superdome im Vorher-Nachher-Bild
New Orleans und der Superdome im Vordergrund nach der Katastrophe und heute.

New Orleans und der Hurrikan Katrina: Vorher-Nachher-Fotos der Katastrophe

Keystone

Am Donnerstag (Ortszeit) spazierte Präsident Barack Obama durch das historische Stadtviertel Treme von New Orleans. Am Freitag besuchte George W. Bush eine Sekundarschule. Und am Samstag wird Bill Clinton einem offiziellen Festakt seine Aufwartung machen. Es kommt selten vor, dass eine amerikanische Stadt innerhalb von drei Tagen von drei amerikanischen Staatschefs besucht wird. Doch so richtig freuen über die erhöhte Aufmerksamkeit, die in den vergangenen Tagen New Orleans (Louisiana) gewidmet wurde, kann sich die Stadt am Mississippi eigentlich nicht.

US-Präsident Obama besucht New Orleans

US-Präsident Obama besucht New Orleans

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Und auch sein Vorgänger George W. Bush.

Und auch sein Vorgänger George W. Bush.

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Denn der Anlass für die Besuche von Obama, Bush und Clinton ist ein trauriger: Am 29. August 2005 wurde der Ballungsraum New Orleans überflutet – mit Wassermassen, die im Zuge des Hurrikans Katrina freigesetzt wurden. Als die Dämme brachen, die die Stadt vor dem Hochwasser im Lake Pontchartrain hätten schützen sollen, starben rund 1000 Menschen. Die genaue Zahl der Todesopfer liegt auch heute noch im Dunkeln. Tage der Anarchie folgten, weil staatliche Rettungsdienste vollständig überfordert waren. Die Bilder einer Grossstadt in der grössten Volkswirtschaft der Welt, die buchstäblich vor die Hunde ging, sorgten weltweit für Empörung und Entsetzen.

Der Tourismus boomt wieder

Zehn Jahre später ist die menschgemachte Katastrophe überwunden. New Orleans hat sich erholt: Der Tourismus boomt mit 9,5 Millionen jährlichen Besuchern, die Gastronomie floriert (dank mehr als 1400 Restaurants). Und die Stadt gilt neuerdings als innovativer Technologie-Standort. Der Ballungsraum New Orleans hat eine der höchsten Start-up-Raten pro 100'000 Einwohner im Süden Amerikas. Für diese Entwicklung verantwortlich ist auch die massive Geldspritze, mit der Washington im Nachgang zu «Katrina» die Fehler vergessen machen wollte. Auf mehr als 70 Mrd. Dollar bezifferte Obama am Donnerstag diese Konjunkturspritze für die Metropole, in der rund 1,2 Millionen Menschen wohnen – 384'000 davon innerhalb der Stadtgrenzen. Vor «Katrina» wohnten rund 1,4 Millionen Menschen im Ballungsraum New Orleans.

Allein, vom Aufschwung profitieren nicht alle Bewohner der Stadt. Gemäss Berechnungen des «Data Center», einer lokalen Denkfabrik, verdienen Afroamerikaner in New Orleans immer noch deutlich weniger als vergleichbare Haushalte im Rest des Landes. Mit ein Grund: Bei vielen der neu geschaffenen Jobs handelt es sich um schlecht bezahlte Stellen in der Gastronomie, mit einem Jahreseinkommen von rund 25'000 Dollar. Weil gleichzeitig die Lebenskosten steigen, steigt nun auch die Armutsrate wieder, sagen die Statistiker.

Afroamerikaner sind ernüchtert

Amy Liu, die den Wiederaufbau von New Orleans seit einem Jahrzehnt für die Denkfabrik Brookings Institution beobachtet, zeigt sich deshalb «ernüchtert» über die Fortschritte in Louisiana. Ernüchtert sind auch viele Afroamerikaner. Gemäss einer Meinungsumfrage des Public Policy Research Lab der Louisiana State University sagen
59 Prozent der schwarzen Bewohner von New Orleans, die Stadt habe sich noch nicht von den Zerstörungen erholt, die «Katrina» verursacht habe. Nur gerade 16 Prozent der weissen Stadtbevölkerung sind gleicher Meinung.

Interessant an diesem Graben zwischen Schwarz und Weiss ist, dass er die Situation vor «Katrina» widerspiegelt. New Orleans war schon immer eine Stadt der augenfälligen Gegensätze. Während die meisten Touristen sich im historischen French Quarter vergnügten, den «Beignets» und dem Alkohol zusprachen, herrschten im Rest der Stadt Zustände wie in einem Entwicklungsland. Im Volksmund wurde New Orleans immer wieder «Nordamerikas afrikanische Stadt» genannt – meist von Rassisten, häufig aber auch von langjährigen Bewohnern, die Stolz auf ihre afrikanischen und karibischen Wurzeln waren. Daran hat sich nicht viel geändert.