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100 TAGE DONALD TRUMP: Eine Stadt, die Ausländer umarmt

Die Kleinstadt Columbus boomt – dank wegweisender Standortpolitik und pragmatischen Politikern. Das Städtchen bildet das Gegenmodell zu Trumps Wirtschaftspolitik. Doch nur diese macht hier vielen Sorgen.
Renzo Ruf, Columbus
Zwei Städte, zwei Welten: Während Columbus das Gegenmodell zu Trumps Wirtschaftspolitik bildet und boomt, ist die Wirtschaft in Welch aus Sicht einer Ladenmitarbeiterin zusammengebrochen. (Bild: Karte: dem)

Zwei Städte, zwei Welten: Während Columbus das Gegenmodell zu Trumps Wirtschaftspolitik bildet und boomt, ist die Wirtschaft in Welch aus Sicht einer Ladenmitarbeiterin zusammengebrochen. (Bild: Karte: dem)

Renzo Ruf, Columbus

Der Stadtpräsident wählt seine Worte mit Bedacht, als die Rede auf den berühmtesten Sohn von Columbus kommt. «Mike Pence ist ein Freund von mir und ich bin stolz auf ihn», sagt Jim Lienhoop über den US-Vizepräsidenten, der aus der Kleinstadt in Indiana stammt, in der er, Lienhoop, seit 16 Monaten die Regierungsgeschäfte führt. In vielen Bereichen stimme er mit «Mike» überein, sagt Lienhoop. So begrüsse auch er Steuersenkungen und den Abbau staatlicher Vorschriften. «In einigen Belangen aber vertreten wir hier», in der Provinz des Bundesstaates Indiana, «dezidiert andere Positionen», sagt der Republikaner.

In der Tat: Während Präsident Donald Trump im weit entfernten Washington in den vergangenen 100 Tagen eine nationalistisch-populistische Botschaft predigte und einen protektionistischen Kurs steuerte, verkörpert Jim Lienhoop das Gegenmodell – einen wirtschaftsfreundlichen Pragmatismus, dessen zentrale Botschaft lautet: wir können es uns nicht leisten, uns abzuschotten. So betont der Stadtpräsident immer und immer wieder, dass Columbus weltoffen sei und Menschen sämtlicher Kulturen und Religionen mit offenen Armen empfange. «Wir sind auf Wirtschaftsbeziehungen mit dem Ausland und Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ohne Menschen aus Mexiko, Indien, China oder Deutschland stünde die Wirtschaft in unserer Stadt still», sagt er.

Lienhoop hat dieses Erfolgsmodell nicht erfunden. Columbus rühmt sich seit den Achtzigerjahren, eine vorausblickende Wirtschaftspolitik zu betreiben. Das hat vor allem mit dem grössten Arbeitgeber der Stadt zu tun: mit dem Motorenbauer Cummins. Vor bald 100 Jahren gegründet, drückte der Milliarden-Konzern der Kleinstadt den Stempel auf – weil die weltweit tätige Firma am Hauptsitz in Columbus immer noch 8000 Menschen beschäftigt, und weil sich die Konzernleitung stets bemühte, eine aktive Rolle im kulturellen Leben der Stadt zu spielen. So investiert die Firma jährlich einen namhaften Betrag in das Städtchen.

Lokalpolitiker reisen nach Frankreich und Japan

Die Amerikaner sprechen in solchen Fällen von einem «good corporate citizen» – als wäre eine Firma ein Mensch aus Fleisch und Blut. Auf Deutsch ist in solchen Fällen von einem sozialverantwortlichen Unternehmen die Rede, aber das Beispiel Cummins zeigt, dass diese Übersetzung nicht alle Facetten des englischen Begriffs abdeckt. «Wir wollen, dass es allen Bewohnern von Columbus gut geht», sagt Firmensprecher Jon Mills.

Cummins unterstützte vor fast vier Jahrzehnten die Bemühungen der Lokalpolitiker, neue Unternehmen in Columbus anzusiedeln. Dabei schauten sich die lokalen Wirtschaftsförderer nicht nur in den USA um, sondern auch im Ausland – was damals noch ungewöhnlich war. 1984 reiste eine Delegation nach Japan, um Investoren die Vorzüge der Kleinstadt nahezubringen. Diese Anstrengungen seien anfänglich auf Widerstand gestossen, sagt der heutige Wirtschaftsförderer Jason Hester. Hilfreich sei aber gewesen, dass sämtliche Kräfte in Columbus am gleichen Strick gezogen hätten. Stadtpräsident Lienhoop ergänzt: Seiner Meinung nach sei es unabdingbar, dass sich ein Politiker in seiner Position persönlich darum bemühe, ausländische Investoren von den Vorteilen eines Standortes zu überzeugen. Im persönlichen Gespräch könne er sämtliche offenen Fragen beantworten – und auch Bedenken zerstreuen, die nach dem Amtsantritt von Trump aufgetaucht seien.

Deshalb reist er auch dieses Jahr zweimal ins Ausland, zuerst im Juni nach Frankreich und Deutschland, dann im September nach China und Japan. Der Fokus richte sich bei dieser Werbefahrt auf Firmen der Luftfahrtindustrie und der Pharmabranche, weil Columbus diversifizieren müsse – sonst drohe eine zu starke Abhängigkeit von der Autobranche, in der Cummins vornehmlich tätig ist, sagt der Stadtpräsident. Diese Beharrlichkeit zahlte sich aus: Ende 2016 waren in Columbus 36 ausländische Unternehmen angesiedelt, die gegen 9000 Menschen beschäftigten. Den Löwenanteil machen japanische Firmen aus, darunter der Autozulieferer NTN und der Gabelstapel-Hersteller Toyota Industries. Auf der Liste von Wirtschaftsförderer Hester ist auch ein Unternehmen aus der Schweiz aufgeführt: Die George Utz AG aus dem aargauischen Bremgarten. Der Hersteller von Lager- und Transportbehälter eröffnete 2003 eine Zweigstelle in einem Vorort von Columbus. Landesweit nimmt die Kleinstadt in Indiana damit eine Ausnahmestellung ein. Gemäss einer Studie der Denkfabrik Brookings Institute gibt es in Amerika keinen anderen Ballungsraum, in dem exportorientierte Unternehmen eine derart wichtige Rolle spielen. Fast 51 Prozent der lokalen Wirtschaftskraft wird durch den Export von Produkten generiert. Kein Wunder, bereitet die protektionistische Agenda des Präsidenten den lokalen Unternehmen Sorgen. Cummins-Sprecher Mills formuliert es diplomatisch: «Wir müssen uns stärker darum bemühen, die Vorteile des Freihandels deutlich zu machen. Es trifft nicht zu, dass nur Ausländer davon profitieren. Tausende von amerikanischen Arbeitsplätzen sind vom Export abhängig.»

Die negativen Folgen des Wirtschaftsbooms

Stadtpräsident Lienhoop plagen derweil noch anderen Sorgen. Weil in Columbus praktisch Vollbeschäftigung herrscht, wird es für die lokalen Arbeitgeber zunehmend schwierig, gut ausgebildete Fachkräfte zu finden. Auch werde der Wohnraum teurer, ein Nebeneffekt des Wirtschaftsbooms. Selbst im erfolgsverwöhnten Columbus seien zudem die katastrophalen Folgen des Drogen-Missbrauchs zu spüren, erzählt der Stadtpräsident – weil Indiana von billigem Heroin regelrecht überschwemmt werde. Kürzlich habe er eine Informationsveranstaltung zum Thema organisiert, und 500 Menschen seien erschienen, sagt Lienhoop. Dies sei ein Bereich, in dem er auf die Hilfe der Bundesregierung angewiesen sei – und auf Mike Pence, den berühmtesten Sohn der Stadt Columbus.

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