John F. Kennedy

1960 - John F. Kennedy und die gestohlene Wahl

Wie Bestechungsgelder von John F. Kennedys Vater und der Mafia die Präsidentschaftswahlen 1960 entschieden.

Christian Nünlist
Drucken
Teilen

John F. Kennedy fasziniert die Menschen noch heute - mehr als 45 Jahre nach seinem tragischen Tod. Der interessanteste Teil der «Kennedy-Saga» ist ihr Anfang. Die Präsidentschaftswahl vom 8. November 1960 wurde denkbar knapp entschieden. Bei 68 Millionen Stimmen schlug Kennedy seinen Rivalen Richard Nixon um nur gerade 118 574 Stimmen. Der Sieg stand erst bei Morgengrauen fest, als Kennedy den Staat Illinois (Chicago) mit 9400 Stimmen Vorsprung für sich entschied.

Der knappe Sieg führte zu Vorwürfen von Wahlbetrug - Kennedy habe die Wahl nur dank des enormen Vermögens seines Vaters Joseph P. Kennedy gewonnen, der dazu auch auf die Hilfe der Mafia zurückgegriffen haben soll. 50 Jahre nach der dramatischen Wahlnacht ist es heute möglich, Kennedys Wahlkampf aufgrund neuer Erkenntnisse zu rekonstruieren.

Money, Money, Money

Joseph P. Kennedy hatte die politische Karriere seines Sohnes von allem Anfang an finanziert. Im Juni 1946 gewann der kränkelnde und unerfahrende John F. Kennedy die demokratische Vorwahl im 11. Kongressdistrikt von Massachusetts in Ostboston auch dank Zeitungsinseraten im Wert von 300 000 Dollar, die sein Vater diskret über Mittelsmänner bezahlen liess. Ein halbes Jahr später wurde er zum Kongressabgeordneten gewählt.

Auch bei der Senatswahl 1952 half Papa Joe tüchtig nach. Zwei Tage vor der Wahl gegen den berühmten republikanischen Amtsinhaber Henry Cabot Lodge, Jr., half er dem Verleger der Zeitung «Boston Post» mit einer halben Million Dollar aus finanziellen Schwierigkeiten. John Fox, sonst ein Freund der Republikaner, schwärmte in einem Leitartikel auf der Front in höchsten Tönen von Kennedy. Einen Tag später gewann dieser die Senatswahl.

1957 lancierte Joe Kennedy die Präsidentschaftswahl seines Sohnes mit einer Titelgeschichte in «Life». Erstmals grinste JFK als «Wunderkind der Demokraten» von einem Magazin-Cover - sein Vater hatte dafür dem Verleger Henry Luce 75 000 Dollar bezahlt.

Kennedy gewinnt West Virginia

Am 2. Januar 1960 lancierte JFK seine Präsidentschaftskampagne. Sein jüngerer Bruder Bobby wirkte als Wahlkampfmanager, sein Vater wirkte im Hintergrund als Zahlmeister. Auf dem Weg zu Nomination der Demokraten war die Vorwahl in West Virginia vom 10. Mai 1960 am wichtigsten. Kennedys gefährlichster parteiinterner Konkurrent war Hubert Humphrey, ein Senator aus Minnesota.

In West Virginia war ein klarer Sieg Humphreys erwartet worden. Alan L. Otten, der Korrespondent des «Wall Street Journal», der 1960 über die Kampagne in West Virginia berichtet hatte, erinnerte sich später zurück: «Jeder Minenarbeiter, mit dem ich sprach, sagte mir, er werde für Humphrey stimmen». Der Katholik Kennedy galt im ländlichen, konservativen Bergbaustaat als chancenlos. Nach Kennedys überraschendem Sieg begann Otten zu recherchieren. Er fand heraus, dass das Kennedy-Team korrupte Sheriffs und Lokalpolitiker mit viel Geld bestochen hatten. Doch das «Wall Street Journal» wollte Ottens Story nicht drucken.

In den 1990er-Jahren interessierte sich der berühmte Investigativ-Journalist Seymour Hersh - dessen Zeitungsartikel zum Watergate-Skandal immerhin einen Präsidenten gestürzt hatten - nochmals für die Vorwahl in West Virginia. In Interviews erfuhr er, dass die Kennedy-Familie 1960 in West Virginia zwischen zwei und vier Millionen Dollar für Bestechungsgelder ausgegeben hatte. Sheriffs erhielten mehr als 50 000 Dollar, wenn sie dafür Kennedy zuoberst auf die Wahlliste schrieben. Demokratischen Lokalpolitikern wurden insgesamt 275 000 Dollar bezahlt.

Die Kennedys heuern die Mafia an

Auch die Mafia mischte in West Virginia mächtig mit. Skinny D'Amato, ein Nachtklub-Besitzer in New Jersey, gab später zu, dass er von Joe Kennedy Anfang 1960 kontaktiert worden sei, mit der Bitte, Geld für die Kampagne seines Sohnes zu sammeln. D'Amato trieb darauf hin 50 000 Dollar zusammen - und hoffte darauf, dass Kennedy sich als Präsident für seine Hilfe erkenntlich zeigen würde. Der Mafia-Betrag war aber insgesamt zu gering, um die Vorwahl in West Virginia zu entscheiden. Es war weniger das Geld der Mafia als vielmehr die enormen Geldmittel von Joseph Kennedy, die im bitterarmen Staat den Unterschied ausmachten.

In der Wahlnacht am 8. November 1960 war Chicago von kritischer Bedeutung für Kennedys hauchdünnen Sieg gegen Nixon. Laut offiziellen Angaben stimmten 89 Prozent der Wähler für Kennedy. Diese Chicago-Stimmen waren nötig, um die ländlichen Nixon-Stimmen zu schlagen und sich den wichtigen Staat Illinois zu sichern.

Der Kennedy-Sinatra-Mafia-Link

Ein wichtiges Bindeglied zwischen der Kennedy-Familie und der Mafia war Frank Sinatra. Ende 1959 bat Joe Kennedy den berühmten Entertainer, ihm in West Virginia und Illinois zu helfen. Mafiaboss Sam Giancana liess sich von Sinatra überzeugen, bei der Wahl 1960 Kennedy zu helfen. Joe Kennedy traf sich sogar persönlich mit Giancana. Die Mafia fuhr Wähler an die Urnen und mobilisierten die von ihnen dominierten Gewerkschaften.

Das FBI - so belegen heute immer noch geheim gehaltene Abhörprotokolle (die 1979 im Rahmen einer Kongressuntersuchung über Kennedys Ermordung aufgetaucht sind) - wusste über den Deal der Kennedys mit der Mafia Bescheid. Robert Blakey, ein ehemaliger Beamter des Justizdepartments, der diese Protokolle lesen konnte, sagte: «Die FBI-Wanzen in Chicago beweisen ohne jeglichen Zweifel, dass in Chicago genügend Stimmen gestohlen wurden, damit Kennedy den Staat Illinois gewinnen konnte.»

Die Kennedys machten sogar selbst Witze über die Hilfe, die sie 1960 von der Unterwelt erhalten hatten. Als John F. Kennedy kurz vor Amtsantritt Mühe hatte, Mitarbeiter für seine Regierung zu finden, sagte sein Vater: «Jack, wenn du den Job nicht willst, musst du ihn nicht nehmen. In Cook County zählen sie immer noch die Stimmen» - ein subtiler Hinweis an den von der Mafia kontrollierten Stadtteil in Chicago, der die entscheidenden Stimmen für Illinois geliefert hatte.