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2021 ist Schluss mit Röhrli und Co.

Die EU verbietet Einwegplastikprodukte wie Trinkhalme und Essbesteck. Die Schweiz zieht bei der Gesetzgebung nicht nach, trotzdem nehmen Detailhändler den Kampf gegen die Kunststoffmüllberge aktiv auf.
Remo Hess, Brüssel und Federico Gagliano
Erfrischungen in Plastikbechern wie hier an einem Strand bei Athen werden bald der Vergangenheit angehören. (Bild: M. Bicanski/Getty (26. Juni 2018))

Erfrischungen in Plastikbechern wie hier an einem Strand bei Athen werden bald der Vergangenheit angehören. (Bild: M. Bicanski/Getty (26. Juni 2018))

Das Röhrli im Cocktail, der Plastikteller an der Grillparty oder das Wattestäbchen im Badezimmer: Sie sollen schon ab dem Jahr 2021 endgültig verschwinden. Zumindest in der heutigen Form. Die EU-Mitgliedstaaten und das EU-Parlament haben sich am Mittwoch definitiv auf das Verbot einer Reihe von Plastikeinwegprodukten geeinigt, für die es umweltschonendere Varianten gibt. Die EU-Kommission hatte das Vorhaben im Mai auf den Weg gebracht. Die Einigung noch vor Jahresende ist für Brüsseler Verhältnisse rekordverdächtig.

Das liegt daran, dass die Umweltschäden von Einwegplastik für jeden sichtbar sind. Vor allem im Meer ist die Verschmutzung dramatisch: Wird die Entwicklung nicht gestoppt, schwimmt im Jahr 2050 gewichtsmässig mehr Plastik in den Weltmeeren als Fische. EU-Umweltkommissar Karmenu Vella sagte es folgendermassen: «Wenn es so ist, dass du in einem Jahr deinen Fisch in einer Plastiktüte nach Hause bringst und im nächsten Jahr bringst du die Tüte im Fisch mit, dann müssen wir hart und vor allem schnell arbeiten.»

Grosse Chance für die Recycling-Industrie

Aber es gibt auch einen anderen Grund, warum es jetzt schnell vorwärts geht: China hat seine Rolle als Müllkippe der Welt per Anfang 2018 aufgegeben und den Import an Plastikabfällen zwecks Ent­sorgung gestoppt. Seitdem sitzt Europa auf einem wachsenden Plastikberg. Die EU sieht hier eine Milliarden-Chance für die europäische Recycling-Industrie, die sie nutzen will.

Neben dem Verbot von Plastiktrinkhalmen, -essgeschirr, -haltestäbchen für Luftballone, -rührstäbchen für Kaffeebecher oder Verpackungen aus aufgeschäumten Polystyrol, wie sie für heisse Lebensmittel verwendet werden, soll auch das Problem weggeworfener Zigarettenstummel angegangen werden. Tabakfirmen, die in ihren Zigarettenfiltern Plastik verwenden, sollen neu an deren kostspieligen Entsorgung durch Städte und Gemeinden beteiligt werden können. Immerhin benötigt ein achtlos weggeworfener Zigarettenfilter rund 15 Jahre, bis er abgebaut ist. Eine weitere Änderung betrifft Einweg-PET-Flaschen: Bis spätestens im Jahr 2026 sollen die Deckel stets fest mit der Flasche verbunden sein, damit sie nicht als loser Kleinmüll die Umwelt belasten.

Laut Schätzungen sollen die Massnahmen den Ausstoss von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen verringern. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden. Klar ist aber auch, dass Europa das Problem der Plastikverschmutzung nicht alleine lösen kann. Je nach Studie stammen 60 bis 80 Prozent des Plastikmülls in den Meeren aus Asien und nur 1 bis 2 Prozent aus Europa.

Auch in der Schweiz steigt die Bereitschaft, Plastikmüll zu reduzieren. Allerdings baut man auf Freiwilligkeit. Das Plastikverbot der EU wurde hierzulande bereits im Juni diskutiert. Damals liess Bundesrätin Doris Leuthard verlauten, dass die Schweiz nicht nachziehen werde. Dies, weil Plastik in Schweizer Gewässern keine explizite Gefährdung darstellt. Ausserdem habe die Wirtschaft bereits freiwillig Massnahmen wie die Branchenvereinbarung zu Plastiksäcken umgesetzt.

Die Plastiksäckchen-Gebühr hatte spürbaren Einfluss: Bei Migros sank der Verbrauch der Plastikbeutel um 84 Prozent, bei Coop um 85 Prozent, was gemäss Coop eine Einsparung von rund 850 Tonnen Plastik mit sich bringt. Die kostenpflichtigen Säckchen sind inzwischen komplett recycelbar. Gemäss Detailhändlern soll es in Zukunft so weitergehen: Auf Anfrage unserer Zeitung haben Migros, Coop, Aldi und Lidl Schweiz alle bestätigt, sich aktiv um die weitere Reduktion von Plastik in ihren Geschäften zu kümmern.

Ziele für die Zukunft bereits gesetzt

Seit 2011 konnte die Migros 10 000 Tonnen Verpackungsmaterial einsparen, bis 2020 sollen weitere 2500 Tonnen dazukommen. Laut Migros wird pro Woche im Durchschnitt eine Verpackung ökologisch optimiert. Auch Coop möchte bis 2020 jährlich den Plastikverbrauch um mindestens 4000 Tonnen reduzieren. Lidl will ebenfalls bis 2025 den Plastikanteil von Verpackungen senken, zudem sollen diese vollständig recycelfähig konzipiert sein.

Eine grosses Thema sind die kostenlosen Plastiksäckchen für Obst und Gemüse: Coop und Migros verkaufen inzwischen wiederverwendbare Beutel. Ausserdem sollen bei Coop bis Herbst 2019 Biofrüchte und -gemüse wo immer möglich unverpackt angeboten werden. Auch beim Take-away-Angebot soll auf umweltfreundliche Verpackungen umgestellt werden.

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