Michel Houellebecq
2022 – das Jahr, in dem Frankreich muslimisch wird

Michel Houellebecq, das Enfant terrible der französischen Literatur, provoziert erneut mit einem Roman.

Stefan Brändle, Paris
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Michel Houellebecq: «Der Islam ist die bekloppteste Religion.»

Michel Houellebecq: «Der Islam ist die bekloppteste Religion.»

KEYSTONE

Nach seiner Gedichtsammlung «Gestalt des letzten Ufers» hätte man meinen können, dass sich das Enfant terrible des französischen Literaturbetriebs etwas beruhigt habe. Der Ausflug in die Poesie währte aber nicht lange. Am 7. Januar erscheint von Michel Thomas alias Michel Houellebecq der Roman «Soumission», zehn Tage später folgt die deutsche Übersetzung.

Die Geschichte ist so simpel wie der Titel, der wohl die «Unterwerfung» der Franzosen unter den Islam andeuten soll: Die Hauptfigur François lehrt an der «islamischen Universität Paris-Sorbonne» und fragt sich, ob er wie die meisten seiner Kollegen zum Islam übertreten soll. Er verzichtet schliesslich darauf und verlässt die Uni. Im 13. Stadtbezirk, dem Pariser Chinatown (wo Houellebecq wirklich lebt), widmet er sich lieber seinen sexuellen Aktivitäten.

«Nichts, nicht einmal ein muslimisches Regime, schien seine unaufhörliche Tätigkeit bremsen zu können», heisst es in einem der wenigen Ausschnitte, die der Verlag Flammarion zweifellos bewusst an die Medien durchsickern liess.

Ein muslimisches Regime? Richtig, wir schreiben das Jahr 2022, und bei den französischen Präsidentschaftswahlen hat der Kandidat Mohammed Ben Abbes von der Partei der «muslimisches Brüderlichkeit» gesiegt. In der Stichwahl mussten ihn die Linken und die Bürgerlichen unterstützen, damit nicht die Rechtsextremistin Marine Le Pen gewann.

Zwischen Fiktion und Realität

Houellebecq spielt sein bekanntes Verwirrspiel mit der politischen Realität. Ben Abbes ist eine Romanfigur, Premierminister ist hingegen der reale Zentrumspolitiker François Bayrou. Die Präsidentschaftswahl von 2017, auf die sich das politische Geschehen in Paris bereits konzentriert, wäre näher gelegen; mit dem Datum 2022 wahrt Houellebecq aber die nötige (Science-)Fiktion.

Den Rest entlehnt der Autor der Politik: 2002 mussten sich die Sozialisten wirklich hinter den Gaullisten Jacques Chirac scharen, um den Sieg von Jean-Marie Le Pen zu verhindern. Bei den Europawahlen im Mai ist der Front National zudem stärkste Partei in Frankreich geworden. Diese Geschichte könnte sich wiederholen. Zumal die aktuellen Frontrunner der etablierten Parteien, François Hollande und Nicolas Sarkozy, nicht gerade auf dem Gipfel der Popularität schweben. Ein Muslim im Élysée scheint da schon weniger plausibel – weshalb ihn Houellebecq auch von Kopf bis Fuss erfinden musste.

Houellebecq ist nicht der Einzige

Die Fantasien und Ängste des 56-jährigen Provokateurs paaren sich hingegen mit einem real existierenden Gesellschaftstrend. Houellebecq zählt in dem Roman auch den «Bloc identitaire» zu den Islam-Gegnern. Diese rechtsradikale Formation existiert in Frankreich seit 2003, und sie lieferte auch die Vorlage für die antiislamischen Pegida-Montagsdemonstrationen in Dresden und anderen deutschen Städten.

Houellebecq hatte den Islam schon früher als «die bekloppteste Religion der Welt» bezeichnet. Und er ist damit in Paris nicht der Einzige. Der bekannte Chronist Eric Zemmour nimmt in seinem aktuellen Bestseller «le suicide français» implizit die rechtsextreme These auf, das jüdisch-christliche Abendland stehe vor dem «grossen Wechsel» («le grand Emplacement») zu einer islamisierten Kultur.

Eher in die Sparte literarischer Gimmick fällt ein satirischer Lebensrückblick Patrick Bessons aus dem Jahr 2060. Der als weniger politisch geltende Autor schreibt, die Katari hätten die Republik abgeschafft, nachdem die Saudis Frankreich besetzt hätten. Eine nicht minder fiktive Reportage aus einem apokalyptischen Frankreich beschreibt Jean Rolin, wobei die frankophonen «Unitären» mit einer islamistischen Partei mit dem Namen «Hezb» aneinandergeraten.

Houellebecq muss sich deshalb bereits den Vorwurf gefallen lassen, er sei kein origineller Trendsetter mehr, sondern fröne einer verbreiteten «schimmligen» Frankreich-Vision – so ein Internetkommentar. Von der französischen Auflage seines Romans werden gleichwohl 150 000 Exemplare gedruckt.