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Serie

Die Ausbeutung des Ostens, die gab es nicht

Die Treuhandanstalt hatte die Aufgabe, die DDR-Wirtschaft zu privatisieren. Im Osten wird sie noch immer verteufelt. Zu Unrecht.
Christoph Reichmuth aus Berlin

Die im Westen, die haben uns nach dem Mauerfall über den Tisch gezogen! Dieses Gefühl ist in weiten Teilen Ostdeutschlands bis heute verbreitet – und schlägt sich in den Wahlen nieder. Die Rechtspartei Alternative für Deutschland (AfD) ist eine der Hauptprofiteurinnen dieses Misstrauens gegenüber dem Westen.

Nach den Wahlen in Sachsen im September, wo die AfD 25 Prozent der Stimmen holte, gaben drei von vier AfD-Anhängern an, sie fühlten sich auch 30 Jahre nach der Wende wie «Bürger zweiter Klasse». Besonders deutlich wurde vor knapp zwei Wochen der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke: «Die Verelendung und Heimatzerstörung hier bei uns hat einen Namen. Dieser Name lautet Treuhand», sagte Höcke, Chef der zweitstärksten politischen Kraft in Thüringen.

Schuld an der Wirtschaftsmisere im Osten? Na klar: die «Treuhand»! Demonstranten in Berlin 1992. (Bild: Daniel Biskup/Keystone, Berlin)

Schuld an der Wirtschaftsmisere im Osten? Na klar: die «Treuhand»! Demonstranten in Berlin 1992. (Bild: Daniel Biskup/Keystone, Berlin)

Die «Treuhand», beziehungsweise die Treuhandanstalt, ist für viele Ostdeutsche die Wurzel alles Bösen. Im Oktober 1990 nahm sie ihre Arbeit auf. Ihr Auftrag: Die staatlichen DDR-Betriebe privatisieren und die sozialistische Planwirtschaft in die kapitalistische Marktwirtschaft überführen.

Rund vier Millionen DDR-Bürger waren damals bei den knapp 8500 sogenannt volkseigenen Betrieben beschäftigt. Viele von ihnen sahen die Treuhand als feindliche Macht aus dem Westen, als verlängerten Arm des Raubtierkapitalismus.

Ohne Treuhand-Investitionen wärs noch schlimmer gekommen

Der Mythos hat sich lange gehalten. Doch jetzt räumt Norbert Pötzl, ehemaliger Redaktor des Magazins «Spiegel», damit auf. Der 71-Jährige stieg in die Archive, um 30 Jahre nach dem Mauerfall erstmals einsehbare Akten auszuwerten. Entstanden ist das Buch «Der Treuhand-Komplex». Plötzls Haupterkenntnis: «Aufgrund der Fakten ist klar erkennbar, dass die Treuhand darum bemüht war, so viele DDR-Betriebe wie möglich zu erhalten.»

Eines der Hauptargumente vieler DDR-Bürger gegen die Treuhand war der Vorwurf, die Anstalt sei von westdeutschen Entscheidungsträgern dominiert. Pötzl sagt: Stimmt nicht. Bis zu ihrer Auflösung 1994 beschäftigte die Treuhand insgesamt 6000 Mitarbeiter. In den ersten Monaten arbeiteten für die Gesellschaft überwiegend Ostdeutsche – darunter auch Kader der einstigen Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Bis zu ihrer Auflösung war die Treuhand zu zwei Dritteln durch Ostdeutsche besetzt. Von den «Treuhand»-Betrieben wurden etwa 30 Prozent tatsächlich stillgelegt. Der Rest wurde privatisiert oder an vormalige Eigentümer zurückgegeben.

Auch die Behauptung, die Treuhand hätte bis zu 80 Prozent der Arbeitsstellen im Osten «liquidiert», widerlegt Pötzl. Bereits im Sommer 1990, mehrere Monate bevor die Treuhand aktiv wurde, hatte sich die Zahl der Beschäftigten in der DDR von neun Millionen um etwa 500'000 auf achteinhalb Millionen verringert. Viele waren nach Westdeutschland ausgewandert, Zehntausende liessen sich frühpensionieren, Hunderttausende wurden in den ersten sechs Monaten nach dem Mauerfall tatsächlich arbeitslos – in einer Phase also, als die Treuhand noch gar nicht existierte und ostdeutsche Betriebsleiter für die Entlassungen zuständig waren.

Effektiv wurden etwa 25 Prozent aller DDR-Beschäftigten vorübergehend arbeitslos. Bei den von der Treuhand verwalteten Firmen waren es nur 17 Prozent.

Die Entlassungen waren laut Pötzl unvermeidlich. Das Gros der DDR-Betriebe war personell überbesetzt, ihre Maschinen veraltet. Durch die seit Sommer 1990 geltende Währungsunion mit einem Wechselkurs von Ost- zu D-Mark von 1:1 wurden die Produkte in Ostdeutschland massiv überbewertet. Die Betriebe im Osten waren international nicht konkurrenzfähig.

Die Treuhand war also keine Job-Killerin, im Gegenteil. Pötzl hat berechnet, dass die Treuhand in den ersten neun Monaten ihres Bestehens fast 28 Milliarden Deutsche Mark in die teilweise maroden DDR-Betriebe investiert hatte, um diese am Leben zu halten. «Das ist das Gegenteil von Platt machen», betont Pötzl.

Schrottreife Westautos für sieben Milliarden D-Mark

Dass letztlich auch die ostdeutschen Konsumenten ihren Teil zum Niedergang der ehemaligen Ost-Wirtschaft beigetragen haben, zeigt Pötzl an einem Beispiel aus der Autoindustrie auf. Der stark subventionierte DDR-Personenwagen Wartburg fand kaum Abnehmer.

«Die Ostdeutschen plünderten lieber ihre Sparbücher für gebrauchte Westautos: 800'000 Fahrzeuge, oft schrottfreif und überteuert, wurden 1990 in die neuen Bundesländer verhökert», schreibt Pötzl. An die sieben Milliarden Deutsche Mark flossen allein für Autokäufe aus dem armen Osten in den reichen Westen – Investitionskapital, das hinterher im Osten fehlte.

Trotzdem: Den Transformationsprozess der beiden völlig unterschiedlichen Systeme wertet Norbert Pötzl als Erfolgsgeschichte. Zwar seien die Löhne im Osten noch immer geringer als im Westen, doch die tieferen Lebenshaltungskosten im Osten führten zu einer beinahe ausgeglichenen Kaufkraft. Auch die Arbeitslosigkeit im Osten sinkt und gleicht sich dem Niveau im Westen an.

Die Treuhandanstalt, schreibt Pötzl, habe überwiegend im Interesse der Menschen im ehemaligne Ostdeutschland gehandelt. Sein Fazit: Die unwahren Schuldzuweisungen aus dem Osten sind mindestens ein Stück weit mit unnötigem Selbstmitleid zu erklären: «Das im Osten bis heute weit verbreitete Gefühl von Frust und Benachteiligung spaltet die Gesellschaft und lenkt unnötig vom eigenen Unvermögen ab», schreibt der ehemalige «Spiegel»-Autor.

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