Watergate
40 Jahre nach Ausbruch der Watergate-Affäre: Was machen die Enthüller?

Vor 40 Jahren, am 17. Juni 1972, brachen fünf Gauner ins Hauptquartier der Demokraten im Watergate-Gebäudekomplex in Washington, DC, ein. Der Politskandal prägt das Leben der beiden Enthüllungsjournalisten Bob Woodward und Carl Bernstein bis heute.

Christian Nünlist
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Keystone

Es herrscht gewiss kein Mangel an Büchern über den Watergate-Skandal. Auch über die beiden jungen, erfolgshungrigen Enthüllungs-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward legten Seymour Hersh und Adrian Havill bereits interessante Porträts vor. Die Journalistik-Professorin Alicia Shephard hat als Erste die so genannten «Watergate-Papiere» ausgewertet - 75 Kisten mit 250 vollgeschriebenen Notizblöcken, Interviewaufzeichnungen und getippten Notizen von Woodward und Bernstein.

Shephards Blick auf die Menschen hinter den Reportern ist faszinierend. Als sich der Schauspieler Robert Redford auf seine Rolle als Woodward vorbereitete, notierte er 1974 in sein Tagebuch: «Bernstein: radikal, Jude, mit intellektuellem Anstrich, sehr liberal. Woodward: farblos, langweilig. Republikaner und typischer weisser angelsächsischer Protestant. Wie in aller Welt konnten sie zusammenarbeiten?»

Der niedrigstbezahlte Post-Reporter

Musterknabe Woodward hatte schon während seines Yale-Studiums einen ersten Roman geschrieben und 1970 auf der Redaktion der «Washington Post» die Faszination Journalismus erlebt. Allerdings nur zwei Wochen lang. Denn, wie sein damaliger Chef später verriet: «Bob verstand es nicht, eine Geschichte zu erzählen. Er hatte alle Fakten, aber es fiel ihm schwer, den roten Faden zu erkennen.» 1971 kehrte er als Polizeireporter in der Nachtschicht zurück, für 8112 Dollar im Jahr - was ihn zum niedrigstbezahlten Reporter der «Post» machte.

Bernstein war das pure Gegenteil - ein Anti-Establishment-Typ, ein Hippie, ein Strassenbengel. In der Hauptstadt aufgewachsen, kam er bereits als 16-Jähriger zum «Washington Star». 1966 wechselte er zur «Post», hatte aber schon bald einen schlechten Ruf. Er verpasste Deadlines und gab zu viel Geld für Spesen aus.

Nach anfänglichen Problemen arbeiteten der intuitive Bernstein und der perfekt organisierte Woodward am Fall Watergate gut zusammen. Weshalb hinkte die Konkurrenz in den ersten Monaten der «Post» derart hinterher? Shephard weist daraufhin, dass das Thema wenig fernsehtauglich war, da bis zu den Anhörungen im Januar 1973 keine Bilder vorlagen. Bei der «New York Times» kam die Watergate-Berichterstattung aus internen strukturelle Gründen erst spät auf Touren.

Erst Ende 1972 übernahm der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh für die «Times» das Zepter und lenkte gleich den Fokus auf Vertuschungsgelder und Schweigegelder - statt wie Woodward und Bernstein auf Details zum Einbruch versessen zu sein.

55‘000 Dollar Vorschuss

Dass man heute den Eindruck hat, «Woodstein» hätten im Alleingang den Watergate-Skandal aufgedeckt, liegt vor allem an ihrem Bestseller «All the President's Men», der von Hollywood verfilmt wurde. Bereits im September 1972 schlossen die beiden Reporter einen Buchvertrag ab und erhielten dafür 55 000 Dollar Vorschuss - viel Geld für zwei Journalisten ohne jegliches nationales Renommee. Ihr Buch wurde zu einem Lehrbuch über Enthüllungsjournalismus.

Es machte allerdings auch Freundschaften kaputt. «Post»-Redaktor Barry Sussman hätte ursprünglich Co-Autor sein sollen, kam aber schliesslich im Buch kaum vor. Als Shephard mit ihm Kontakt aufnahm, sagte er bloss: «Ich habe weder zu dem einen noch zu dem anderen etwas Positives zu sagen.»

Auch das zweite Buch von «Woodstein» wurde ein grosser Erfolg, blieb aber wegen des Eindringens in die Privatsphäre der Nixon-Familie kontrovers. Eine einsame Pat Nixon, ein Präsidentenpaar, das seit 14 Jahren keinen Sex mehr gehabt hatte, ein vor sich hin brütender Trinker als Präsident, der von Selbstmord sprach und mit Henry Kissinger niederkniete, um zu beten, und schluchzte: «Was habe ich getan?» - das war Amerika damals zu extrem, auch wenn Kissinger später bestätigte, das Buch sei «im Wesentlichen zutreffend».

Wie gingen die beiden Starreporter mit dem frühen Ruhm um? Bernstein verliess die «Post» 1976 und begann, die Geschichte seiner Jugend mit kommunistischen Eltern zu schreiben («Loyalties» kam 1989 in die Läden), später schrieb er noch zwei viel beachtete Bücher über Papst Johannes Paul II. und über Hillary Clinton.

Schlagzeilen machte Bernstein aber vor allem wegen seiner Beziehung mit Nora Ephron. Ephron schrieb über die gescheiterte Ehe ihren Erstlingsroman «Heartburn», der mit Jack Nicholson - als Bernstein - und Meryl Streep verfilmt wurde. Woodward blieb bei der «Post» und wurde ein erfolgreicher Autor von über zehn Büchern über Geheimdienste und Präsidenten. Im 21. Jahrhundert wurde er wegen der Nähe zu Bush allerdings auch heftig kritisiert. Die Autorin Joan Didion bezeichnete seine Arbeit als «politische Pornografie», andere sagten, er sei das «Sprachrohr von Bush».

2005 wurde die mysteriöse Quelle «Deep Throat» enthüllt, die den Reportern damals entscheidende Tipps gegeben hatte. Sie hatten FBI-Vizedirektor W. Mark Felt Anonymität zugesichert und das Geheimnis über 30 Jahre lang gehütet. Nach der Enthüllung tourten Woodward und Bernstein 2005 noch einmal gemeinsam durch die TV-Talkshows, um über Felt und Watergate zu diskutieren. Die beiden genossen es sichtlich, nach so langer Zeit wieder vereint im Rampenlicht zu stehen.

Alicia C. Shephard Woodward & Bernstein. Wiley-VCH, Weinheim 2008. 339 Seiten.