50. GRÜNDUNGSTAG: Asean: Gerne ein bisschen mehr wie die EU

Die südostasiatische Staatengemeinschaft Asean wird 50. Mit der Europäischen Union kann sie noch lange nicht mithalten. Trotzdem ist sie zum Erhalt der Stabilität in der Region und auf der ganzen Welt heute wichtiger denn je.

Drucken
Teilen
Im Jubiläumsjahr der ASEAN (Association of South East Asian Nations) treffen sich Anfang August die Aussenminister auf den Philippinen in Manila. (Bild: FRANCIS R. MALASIG (EPA/EPA))

Im Jubiläumsjahr der ASEAN (Association of South East Asian Nations) treffen sich Anfang August die Aussenminister auf den Philippinen in Manila. (Bild: FRANCIS R. MALASIG (EPA/EPA))

Bis heute blickt der Westen herablassend auf die Asean-Staaten, betrachtet den Bund der zehn südostasiatischen Staaten Indonesien, Malaysia, Thailand, Singapur, Philippinen, Brunei, Vietnam, Kambodscha, Laos und Myanmar (Burma) als eine weitgehend handlungsunfähige Partnerschaft.

In der Tat: 625 Millionen Menschen leben zwar in der ­Region, erwirtschaften mit rund 3 Billionen US-Dollar rund 8 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Mehr als ein Drittel des weltweiten Schiffsverkehrs führt durch die Strasse von Malakka und das angrenzende Südchinesische Meer. Doch die Bilanz der Regierungsvertreter der zehn Staaten, die seit gestern in der philippinischen Hauptstadt Manila tagen und das 50-jährige Bestehen ihres Staatenbündnisses feiern, wird wenig erquicklich ausfallen.

Seit Ende 2015 gibt es einen gemeinsamen Binnenmarkt. Die Zölle sind weitgehend weggefallen. Doch viele Standards und Regeln bleiben uneinheitlich, es gibt weder gemeinsame Gesetze noch eine einheitliche Währung. Entsprechend gross ist das Einkommensgefälle: Das reiche Singapur etwa hat ein Pro-Kopf-Einkommen von 55 000 Dollar im Jahr. In Myanmar liegt es bei nicht einmal 1300 Dollar.

Unterschiedliche Staatsformen und Ziele

Und selbst in den Zielen sind sich die zehn Staaten äusserst uneins. Autoritär geführte Staaten wie Singapur, Brunei, Thailand unter der Militärdiktatur oder Vietnam rücken vor allem die wirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund. Bei zwischenstaatlichen und innenpolitischen Konflikten hingegen berufen sie sich auf das Prinzip der Nichteinmischung.

Demokratisch geführte Länder wie Indonesien oder Malaysia hingegen fordern auch die Achtung der Menschenrechte ein. Bis heute konnten sich die Asean-Staaten nicht einmal darauf einigen, von einem Verbund, vergleichbar etwa mit der Europäischen Union, zu sprechen. Sie sprechen weiter lediglich von einer «Kooperation».

Wichtiger Pfeiler für die Stabilität

Und trotzdem: Diese südostasiatische Gemeinschaft ist zum Erhalt der Stabilität in der Region und auf der ganzen Welt heute wichtiger denn je. Seit dem Erstarken Chinas sehen sich die Anrainer des Südchinesischen Meeres einem zunehmend selbstbewusst und aggressiv auftretenden Nachbarn gegenüber. China beansprucht die Spratly-Inseln, auf die auch verschiedene Asean-Länder Ansprüche anmelden. Dieser Konflikt hat sich längst zu einem gefährlichen Pulverfass entwickelt, der Auswirkungen auf die ganze Welt haben könnte. Auch den USA ist bewusst, wie wichtig dieser Seeweg für den weltweiten Handel ist – und ­Washington stichelt mit Militärmanövern gegen China.

Zu den jährlich tagenden Asean-Gipfeltreffen werden regelmässig auch die Regierungsvertreter von China, Japan und Südkorea geladen. Sie sind eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sämtliche Konfliktparteien an einem Tisch sitzen. Die USA sind mit einem Beobachterstatus vertreten. Sehr viel mehr diplomatische Kanäle, wie sie etwa in europäischen und transat­lantischen Zusammenhängen selbstverständlich sind, gibt es in Fernost ansonsten nicht.

Doch auch im Konflikt um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm sind die Asean-Staaten im Stande, eine förder­liche Rolle einzunehmen. Sie haben wenig ideologische Vorbehalte, auch mit einem Regime in Pjöngjang zu verhandeln – wenn auch bislang nicht mit allzu viel Erfolg. Nicht zuletzt bilden die Asean-Staaten ein wichtiges Bindeglied zwischen den sich notorisch misstrauenden Grossmächten China und Indien.

In der EU ist die Grundausrichtung klar

Aus europäischer Sicht mag das nicht nach allzu viel klingen. Doch eben dieser Blick auf Fernost macht zugleich deutlich, was in Brüssel mit der Europäischen Union in nahezu derselben Zeit alles erreicht wurde. Trotz Brexit verfügen die 28 EU-Staaten schon seit fast 30 Jahren über einen funktionierenden gemeinsamen Binnenmarkt, 19 von ihnen sogar über eine gemeinsame Währung. Territorialstreitigkeiten sind komplett beigelegt, ­ es herrscht Frieden in Europa. Aussenpolitisch ziehen die EU-Staaten zwar nicht immer an einem Strang. Aber in der Grundausrichtung sind sie sich einig: Demokratie und die Achtung der Menschenrechte.

Manchmal bedarf es des Blickes auf andere Regionen dieser Welt, um es zu schätzen, was auf dem eigenen Kontinent alles erreicht wurde. Die Asean-Staaten haben noch einen langen und mühseligen Weg vor sich, um sich auch nur annähernd mit ihrem Vorbild, der EU, vergleichen zu können. Trotz der vielen Differenzen sind die Staaten Südostasiens fest entschlossen, diesen Weg einzuschlagen. Brüssel sei Dank.

 

Felix Lee, Peking