Jubiläum
50 Jahre nach Willy Brandts historischer Geste in Warschau: Der Kniefall für die Ewigkeit

Willy Brandts Kniefall gilt noch heute, ein halbes Jahrhundert danach, als wichtigstes Symbol des Versöhnungsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg.

Michael Fischer und Doris Heimann, dpa
Drucken
Teilen
Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Key/AP

In den vergangenen Jahrzehnten haben etliche Bundespräsidenten, Kanzler und deutsche Aussenminister um Vergebung für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gebeten. Eine Geste jedoch stellt alles in den Schatten, was je über die deutsche Schuld und die Sühne für die Nazi-Gräuel gesagt wurde: Am 7. Dezember 1970 fiel der damalige Bundeskanzler Willy Brandt am Denkmal für die Helden des jüdischen Ghettos in Warschau auf die Knie, um der Millionen Opfer der Hitler-Diktatur zu gedenken.

Brandt betonte stets: Die Geste war spontan

Das Bild wurde zu einer Ikone der Nachkriegszeit, zum bis heute stärksten Symbol des Versöhnungsprozesses zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern. Es ist in Geschichtsbüchern weit über Deutschland und Polen hinaus zu finden. Am Montag jährt sich der Kniefall zum 50. Mal.

Von der Geste wurden selbst die engsten Berater Brandts überrascht. Egon Bahr, damals Staatssekretär im Kanzleramt, verpasste den Kniefall, obwohl er nur wenige Meter entfernt stand. Er sei erst darauf aufmerksam geworden, als es plötzlich still wurde und jemand flüsterte: «Er kniet», erzählte Bahr später.

Brandt selbst hat stets beteuert, dass die Geste spontan war. «Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen», schrieb er in seinen Erinnerungen. «Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.»

In Polen entfaltete die Geste allerdings zunächst kaum Wirkung. Das lag auch daran, dass die Staatsmedien sie ignorierten. Das kommunistische Parteiorgan «Trybuna Ludu», damals eine der auflagenstärksten Zeitungen in Polen, und andere polnische Medien erschienen am nächsten Tag ohne das Foto vom Kniefall. Später wurde es häufig so geschnitten, dass man nicht sehen kann, ob der Kanzler steht oder kniet.

Den Kommunisten kam die Geste ungelegen

«Brandts Geste kam der kommunistischen Führung nicht gelegen», erklärt der Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums der Universität Wroclaw (Breslau). Seit Kriegsende hätten die Kommunisten den Polen beigebracht, dass die bösen Deutschen im Westen seien - diese Propaganda habe man nicht von einem Tag auf den anderen umstellen können. Auch habe es der Führung nicht gepasst, dass Brandts Kniefall vor dem Denkmal am jüdischen Ghetto stattfand. Denn nach dem Sechstagekrieg im Nahen Osten verunglimpfte die kommunistische Partei in Polen ab 1967 die Juden als «imperialistisch-zionistische Kolonne» und zwang viele zur Emigration.

Der Kniefall stiess auch in Deutschland nicht nur auf Zustimmung. Die Entspannungspolitik Willy Brandts gegenüber Moskau, der DDR und den Staaten des Warschauer Pakts spaltete das Land. Nach einer Umfrage hielten 48 Prozent den Kniefall für überzogen und nur 41 Prozent für angemessen.

Inzwischen besteht eine grössere Einigkeit in Deutschland über die Bedeutung der Geste Brandts für die deutsche Nachkriegsgeschichte. «Dieser Kniefall von Willy Brandt ist tatsächlich die zentrale Geste, das zentrale Bild des Versöhnungsprozesses zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern», sagt der Berliner Historiker Paul Nolte.