Falkland-Krieg
6 Fragen zum wieder aufgebrochenen, aktuellen Falkland-Konflikt

Nachdem der Falkland-Konflikt in den Jahrzehnten nach 1982 in einer Art «Dornröschenschlaf» geruht war, hat der chronische Streit zwischen Britannien und Argentinien seit zwei Jahren wieder an dramatischer Aktualität gewonnen.

Christian Nünlist
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Die Briten wollen 2016 Erdöl aus der Tiefsee fördern - vermutet werden 60 Milliarden Barrel.

Die Briten wollen 2016 Erdöl aus der Tiefsee fördern - vermutet werden 60 Milliarden Barrel.

Keystone

Die Briten wollen 2016 Erdöl aus der Tiefsee fördern - vermutet werden 60 Milliarden Barrel. 2013 sollen die Inselbewohner in einem Referendum über die Nationen-Zugehörigkeit abstimmen, ein Grossteil der Inselbevölkerung möchte britisch bleiben. Argentinien versucht die Souveränität über die Falklandinseln auf dem Verhandlungsweg zu erreichen und verurteilte die angebliche Militarisierung der Inseln durch Grossbritannien Anfang Jahr in der UNO. Die Ölbohrungen britischer Firmen kritisierte die argentinische Präsidentin Cristina Fernández Anfang Juni als «illegal». Diese Ausgangslage sorgt weiterhin für Zoff um die Inselgruppe im Südatlantik.

Hat ein Land Anspruch auf die Falkland-Inseln? Wenn ja welches und aus welchen Gründen?

Beide Länder haben aus ihrer Sicht berechtigte Ansprüche auf das Gebiet. Argentinien hat die Malwinen-Inseln Anfang des 19. Jahrhunderts von der spanischen Krone geerbt und 1826 eine erste Siedlung errichtet. Die Siedler wurden dann 1831 von einem US-Kriegsschiff vertrieben. Argentinien beruft sich auch auf die geografische Nähe der Malwinen zum argentinischen Festland. Grossbritannien wiederum kontrolliert die Inseln (die sie Falkland-Inseln nennen) seit 1832, 1833 wurde ihre Souveränität ausgerufen. Britannien beruft sich auf ihre über 180-jährige Verwaltung und Administration der Inseln und auf das Prinzip der Selbstbestimmung der Inselbewohner, die fast ausschliesslich britischen Ursprungs sind und zu Grossbritannien gehören wollen. So ganz wohl war London aber nicht mit dieser Argumentation: 1936 hat zum Beispiel John Troutbeck, der Chef der Amerikaabteilung im britischen Aussenministerium, die Schwierigkeit der britischen Argumentation kritisiert: "Unsere Übernahme der Falklandinseln 1833 war so zufällig, dass wir unseren Besitz eigentlich nicht anders erklären können, als dass wir damals internationale Banditen waren". Die von den Streithähnen angerufene UNO hat das Territorium 1965 als "Kolonialproblem" designiert und beide Länder zu Verhandlungen aufgerufen.
Wie hätte man das Problem schon in der Vergangenheit lösen können? Welche Fehler wurden begangen?

Die UNO-Verhandlungen von 1965 bis 1982 waren der richtige Weg. Argentiniens Militärregierung beging 1982 den grossen Fehler, die Frage mit militärischen Mitteln ("Operation Rosario") lösen zu wollen. Grossbritannien suchte und erhielt die Unterstützung der Europäer (EWG) und der USA, welche London mit Handelssanktionen gegen Argentinien und Militärhilfe unterstützten. Der Krieg liess die Fronten unnötig verhärten. 20'000 Minen auf klar bezeichneten und abgesperrten Feldern waren bis vor kurzem immer noch Zeuge des Krieges von 1982.
Inwiefern verändern die vermuteten Erdölvorkommen nahe des Archipels die Situation?

Dieses Erdöl - das seit Februar 2010 von einer britischen Firma erforscht wird - verleiht dem alten Territorialstreit eine wirtschaftliche Dimension. Bisher dominierten Fischen, Schafzucht und Tourismus die Wirtschaft auf den Inseln. Es ist aber keine wirklich neue Entwicklung. Die britische Regierung erfuhr bereits 1969, dass die Falklandinseln über reiche Ölvorkommen verfügen könnten. Das damalige Kabinettsmitglied Richard Crossmann schrieb in sein Tagebuch: "Das britische Aussenministerium rät dazu, diese Vermutung zu verheimlichen und keine Testbohrungen zuzulassen." Die britische Regierung befürchtete, dass die Ölbohrungen den Disput mit Argentinien verschärfen würden. Was den Umfang der Erdölvorkommen betrifft, kursieren 60 Milliarden Barrel Öl. Aber laut dem Sprecher Ben Brewerton der britischen Firma Falkland Oil and Gas ist das eine "mythische Zahl". Realistischer seien 8 Milliarden Barrel im Süden und Osten der Inseln, so Brewerton. Eine Produktion ist frühestens ab 2015 möglich, aber die politischen Unsicherheiten schrecken die Investoren ab.
Wie sieht die Zukunft aus? Wer könnte den Konflikt lösen? Wie?

2010 hat Argentinien verfügt, dass Schiffe neu eine Bewilligung brauchen, wenn sie von Argentinien zu den Falklandinseln fahren oder durch argentinisches Territorium zu den Inseln fahren wollen. Das verteuert die Erforschung der Erdölvorkommen und macht die Ölbohrungen komplizierter. Grossbritannien hat daraufhin 2011 begonnen, Kriegspläne für einen möglichen Konflikt mit Argentinien zu erstellen, wie die „Daily Mail" am 22. Dezember 2011 enthüllte. Argentinien rechtfertigt das Vorgehen damit, dass es seine natürlichen Ressourcen schützen will. Im April 2010 hat Argentinien bei der UNO Anspruch auf 1.7 Millionen Quadratkilometer Meeresfläche um die Falklandinseln angemeldet, untermauert mit 800kg Dokumenten. Die UNO als Weltregierung hat die einzige Legitimität, den Konflikt zu lösen. Dabei kommt auch das UNO-Seerechtsabkommen von 1982 (UNCLOS) zur Anwendung.
Ist ein Eskalieren der Situation, wie 1982, heutzutage noch denkbar?

Eher nicht. Argentinien betont stets seinen Willen zu einer friedlichen Lösung. Aber 1982 hat gezeigt, dass sich das ändern kann, je nachdem, welche Persönlichkeiten in Argentinien und Britannien an die Macht kommen. Es gibt einige Unsicherheiten, gerade für die britische Position. Was würde passieren, wenn eine britische Regierung den politischen Willen aufgibt, die britischen Falklandinseln zu bewahren? Was, wenn die Mehrheit der Inselbewohner unabhängig werden wollen?

Wie realistisch ist die Möglichkeit einer Unabhängigkeit oder zumindest einer (noch) stärkeren Autonomie der Inseln?

Zur Zeit ist das wohl noch wenig realistisch. Aber die vermuteten Erdölvorkommen und der damit verbundene Reichtum und Wohlstand wird die Unabhängigkeits- und Autonomiewünsche der Inselbewohner wohl genauso verstärken wie das auf Grönland passiert ist (das sich wegen der vermuteten Ölvorkommen stärker von Dänemark abnabeln möchte).