7000 Coronafälle an einem einzigen Tag: Zweiter Lockdown und düstere Aussichten in Israel

In Israel explodieren die Coronazahlen. Die Regierung von Premier Netanjahu ist unter Druck. Es drohen scharfe Massnahmen.

Joëlle Weil aus Tel Aviv
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Morgengebet mit Maske: In Israel steigen die Coronafälle.

Morgengebet mit Maske: In Israel steigen die Coronafälle.

Bild: Oded Balilty/AP (Beni Brak, 21. September 2020)

Die Meldung am fünften Tag des zweiten Lockdowns hat gesessen: 6948 Coronafälle an einem Tag bei einer Positivitätsrate von etwas über 11 Prozent. Israel hat einen neuen, tragischen Rekord. Dass sich die Infizierten bereits vor dem Lockdown angesteckt haben, macht die aktuelle Situation nicht einfacher, denn die Baustellen in Bezug auf die Massnahmen sind zahlreich, die offiziellen Stimmen uneins, das Volk unzufrieden und die Prognosen düster.

Am Sonntagabend beginnt in Israel Yom Kippur, der wichtigste Fastentag des Judentums. Ein Tag, an dem nicht nur Ultra-Orthodoxe, sondern auch modern religiöse und traditionelle Juden normalerweise zum Gebet in einer Synagoge erscheinen. Bereits vor dem Neujahrsfest letzte Woche wurden die Diskussionen darüber, in welcher Form gemeinsam gebetet werden darf, in der Regierung und der Bevölkerung breitgeschlagen.

Der Druck der ultra-orthodoxen Parteien

Die Erlaubnis, zu Zehnt drinnen und zu Zwanzigst draussen beten zu dürfen, stiess vielen sauer auf: Säkulare Israelis fanden so den Sündenbock für die hohen Infektionszahlen bei den Ultra-Orthodoxen und die Ultra-Orthodoxen fanden den Sündenbock bei jenen, die zu Tausenden wöchentlich in Jerusalem gegen Premier Benjamin Netanjahu demonstrieren. Keiner möchte auf sein Gut verzichten, wenn der andere mit seinem weitermachen darf. Und während Gebete und Demonstrationen noch immer stattfinden, haben Kindergärten und Schulen geschlossen und stellen so jenen Eltern das Bein, die für ihre Arbeit auf Kinderbetreuung angewiesen sind und so unfreiwillig zuhause bleiben müssen.

Die Situation ist beklemmend und schreit förmlich nach einem noch radikaleren Schritt, nämlich der Ausgangssperre für alle. Ronni Gamzu, Projektleiter der Regierung in Sachen Corona, plädiert öffentlich seit Tagen für konsequentere Massnahmen in Bezug auf den Lockdown, doch die Regierung um Netanjahu will es sich mit ihren wichtigsten Koalitionspartnern, den ultra-orthodoxen Parteien, nicht verspielen. Sie sucht deshalb nach Möglichkeiten, Gottesdienste während der hohen Feiertage zu ermöglichen.

Zu viele Kranke, zu wenig Personal

Der zweite Lockdown lässt generell mehr Spielraum als der erste: Man darf sich im Radius von einem Kilometer von zuhause bewegen, für die Arbeit gar unbegrenzt. Büros haben grösstenteils auf, Läden jedoch zu. Bildungsinstitutionen sind ganz geschlossen und gleichzeitig tummeln sich auf Spielplätzen, die während des ersten Lockdowns geschlossen waren, Duzende von spielenden Kindern. Die lockereren Regeln hätten die Gemüter der Bevölkerung beschwichtigen sollen, werfen stattdessen aber Fragen auf und schaffen viel Unmut.

Als wäre das alles nicht genug, melden zwei grosse Krankenhäuser in Israel den Aufnahmestopp von Coronapatienten wegen Platzmangel. Die übrigen Krankenhäuser im Land kämpfen um die Versorgung ihrer Patienten. Über 600 Coronakranke sind laut Gesundheitsministerium in schlechter Verfassung. Die Coronaabteilungen hätten laut Angaben der meisten Krankenhäuser zwar noch Platz, doch gebe es einen ernsten Personalmangel, wenn sich diese Abteilungen weiter füllen.

Laut Ronnie Gamzu wird die Zahl der hospitalisierten Coronapatienten bis zum Wochenende auf über 800 ansteigen. Netanjahu wird weitere Schritte einleiten müssen. Und es müssen Entscheidungen sein, die allen, auch seinen Koalitionspartnern, vor den Kopf stossen. Denn ein Lockdown mit allzu vielen Kompromissen dürfte am Ende nur der Wirtschaft und den Menschen schaden.