Auschwitz-Prozess
«93-jähriger ex-KZ-Mann sollte seine ganze Schuld anerkennen»

Christoph Heubner vom Auschwitz-Komitee fordert, dass der ex-KZ-Mann Oskar Gröning bei seinem Schuldeingeständnis noch viel weiter hätte gehen müssen. Und er sagt, wieso der Prozess für die Auschwitz-Überlebenden so wichtig ist.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Der frühere SS-Mann Oskar Gröning vor dem Gericht in Lüneburg. Ronny Hartmann/keystone

Der frühere SS-Mann Oskar Gröning vor dem Gericht in Lüneburg. Ronny Hartmann/keystone

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Warum muss sich der ehemalige SS-Rottenführer Oskar Gröning erst jetzt vor Gericht für seine Zeit in Auschwitz verantworten?

Christoph Heubner: Weil die deutsche Justiz ihre Aufgabe nicht erledigt hat. Es bestand für die Dauer von sieben Jahrzehnten kein wirkliches Interesse daran, SS-Männer zu verfolgen und vor Gericht zu bringen. Die meisten der in den Konzentrationslagern tätigen SS-Leute sind nie vor Gericht gestanden. Nur etwa 0,5 Prozent aller Täter wurden jemals verurteilt. Die neue Rechtsprechung nach dem Urteil gegen den KZ-Wachmann John Demjanjuk 2011, wonach ein Holocaust-Beteiligter auch ohne konkret nachgewiesene Einzeltat bestraft werden kann, hat neue Verfahren noch einmal angestossen. Aber Fakt bleibt: Man hätte in den Jahrzehnten davor mit viel grösserem Aufwand und realistischeren Aussichten auf Erfolg ehemalige KZ-Täter verfolgen können. Doch das wollte Deutschland nicht, weil die Justiz in die Mitte der eigenen Gesellschaft hätte zielen müssen. Dieser Umstand ist und bleibt ein schmutziger Fleck auf der Visitenkarte Deutschlands.

Zur Person Christoph Heubner (66) ist Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees in Berlin.

Zur Person Christoph Heubner (66) ist Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees in Berlin.

Zur Verfügung gestellt

Der Angeklagte Oskar Gröning räumte eine «moralische Mitschuld» am Holocaust ein. Nehmen Sie ihm die Reue ab?

Jedes Zusatzwort zu dem Begriff «Schuld» ist in meinen Augen eine Relativierung. Hier soll «moralisch» heissen: Eine reale, juristische Schuld trage ich nicht. Auschwitz aber war ein Mordsystem, und Gröning hat in diesem System eine Funktion gehabt. Er war nötig, um dieses Verbrechersystem aufrechtzuerhalten.

Gröning stellt sich immerhin seiner Verantwortung, bestreitet die Vorwürfe nicht, plädiert nicht auf Prozessunfähigkeit – so wie viele andere. Gebührt ihm dafür vielleicht sogar – wenn man das so sagen darf – auch etwas Respekt?

Man darf Gröning Mut attestieren. Er hat sich, im Gegensatz zu den meisten anderen, mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Ich denke, seine Aussagen vor Gericht sind für die Auschwitz-Überlebenden, die für den Prozess nach Lüneburg gereist sind, sehr wichtig.

Inwiefern?

Es hilft den Opfern und ihren Angehörigen, dass sie in einem deutschen Gerichtssaal Auge in Auge mit einem ihrer Peiniger stehen können. Und dass diese Menschen erkennen, dass die Gerechtigkeit auch 70 Jahre später noch obsiegen kann.

Gibt es Gerechtigkeit in einem Fall, in dem es um Mord an 300'000 Menschen geht?

Es geht nicht darum, Gröning für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu sperren. Es geht darum, dass sich dieser Mann für seine damaligen Taten verantworten muss. Dass er vor der ganzen Welt Worte finden muss für das, was geschehen ist und für das, woran er beteiligt war. Das ist für die Angehörigen von Belang. Es gibt keine angemessene Strafe für das, was er getan hat. Gerade deshalb wäre es so wichtig, dass er den Weg der Selbstreflexion zu Ende gegangen wäre und seine ganze Schuld anerkennt.

Würde das für die Opfer einen Unterschied machen?

Mit Sicherheit. Grönings Eingeständnis lediglich einer moralischen Mitschuld kann man menschlich verständlich finden. Aber ich appelliere an ihn, noch einen Schritt weiter zu gehen. In Auschwitz waren nicht isolierte Mörder aktiv, sondern es war eine systematische Ermordung der KZ-Insassen, an der auch Gröning einen Anteil getragen hat. Gröning sagt, er habe den Juden bloss die Wertgegenstände abgenommen. Aber er hat eben die gleiche Schuld auf sich geladen wie derjenige, der die Dosen mit Zyklon B in die Gaskammern geleert hat. Folgt man Grönings Argument, könnte auch der Nächste kommen und sagen, er habe doch bloss Zyklon-B-Dosen geöffnet, die Juden selbst aber nicht getötet. Nein, Gröning hat gewusst, als er den Juden die Koffer abgenommen hatte, dass diese Menschen ihre Koffer nie wieder sehen werden.

Wie weit gilt das Argument, dass Gröning in eine Zeit der Indoktrinierung eines Verbrecher-Regimes hineingeboren wurde? Er wurde in der Hitler-Jugend getrimmt, ihm wurde eingetrichtert, dass die Juden schlecht sind.

Grönings Lebensweg beginnt nicht mit der Hitler-Jugend, sondern in einer intakten Familie. Er wurde konfirmiert, hatte Religionsunterricht. Natürlich wurde er später vom Regime indoktriniert. Aber wenn wir dies als Entschuldigung gelten lassen, was sagen wir denn den Jugendlichen heute mit Blick auf die Verführbarkeit durch Erziehung und Despoten?

Sie befinden sich gerade mit einer Gruppe von Auszubildenden in der Gedenkstätte Auschwitz. Auf welches Interesse stösst der Prozess am Ort von Grönings Taten?

Auf ein sehr grosses Interesse. Genau mit jenen Fragen, mit denen sich das Gericht nun auseinandersetzen wird, beschäftigen sich die jungen Menschen hier in Auschwitz: Wie gerät man in solche Situationen wie damals Gröning? Welche Möglichkeiten hatten die Menschen damals, Nein zu diesen Verbrechen zu sagen?

Glauben Sie, dass wir den letzten Auschwitz-Prozess erleben?

Das wird man sehen, es gibt noch weitere Verfahren. Aber ich gehe nicht davon aus, dass andere so sprechen werden wie Gröning. Die meisten halten sich an das Prinzip: Ich habe nichts gesehen, nichts gehört und nichts gewusst.

Immerhin geht vom aktuellen Prozess ein wichtiges Signal aus: Die Justiz vergisst auch nach Jahrzehnten nicht.

Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Die Justiz hat einen langen Atem und die Gerechtigkeit einen langen Arm. Auch heute werden Menschen systematisch umgebracht, es gibt Völkermorde. Die heutigen Täter müssen wissen: Ihr werdet nicht aus dem Licht der Gerechtigkeit herauslaufen können. Dieser Prozess in Lüneburg ist ein wichtiger Beitrag an zivilisatorischer Aufarbeitung. Er ist deshalb für die Opfer und die Gesellschaft von grosser Wichtigkeit.

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