Deutschland
Ab heute steht Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe vor Gericht

Heute beginnt in München der Prozess gegen die einzige Überlebende des Zwickauer Neonazi-Trios und vier weitere angeklagte Rechtsextreme. Ein Gutachten versucht die Jugend der heute 38-jährige Hauptangeklagten Beate Zschäpe zu erhellen.

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Beate Zschäpe muss sich vor Gericht wegen Mordes verantworten (Archiv)

Beate Zschäpe muss sich vor Gericht wegen Mordes verantworten (Archiv)

Keystone

Vor dem Oberlandesgericht München beginnt am Montag der mit Spannung erwartete Prozess gegen die mutmassliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe und vier Beschuldigte aus dem Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Der NSU-Prozess gilt als einer der wichtigsten und brisantesten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die rechtsextreme Terrorzelle soll in Deutschland zwischen 2000 und 2006 acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Einwanderer sowie 2007 eine Polizistin ermordet haben. Auch für zwei Bombenanschläge und etliche Banküberfälle wird der NSU verantwortlich gemacht.

Seit der NSU Ende 2011 aufgeflogen war, hat die Mordserie gewaltige Wellen geschlagen. Die Frage stellte sich, wie es möglich war, dass drei seit 1998 als Bombenbauer per Haftbefehl gesuchte Neonazis 13 Jahre lang mitten in Deutschland leben und Anschläge verüben konnten. Polizei und Geheimdienste hatten über Jahre falsche Spuren verfolgt und den rechtsextremen Hintergrund der Taten nicht erkannt.

Zschäpe einzige Überlebende

Zschäpe ist die einzige Überlebende des NSU-Trios. Ihre beiden Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden nach einem Banküberfall in Eisenach tot in einem Wohnmobil aufgefunden. Laut Bundesanwaltschaft hatte Mundlos zunächst Böhnhardt und dann sich selbst erschossen.

Zschäpe ist wegen Mordes angeklagt. Die Bundesanwaltschaft macht sie als Mittäterin verantwortlich, auch wenn wahrscheinlich nur Böhnhardt und Mundlos geschossen haben. Der frühere Funktionär der rechtsextremen Partei NPD, Ralf Wohlleben, und der Rechtsextremist Carsten S. sind der Beihilfe zum Mord angeklagt, zwei weiteren Angeklagten wird die Unterstützung der Gruppe vorgeworfen.

Am Wochenende sind erste Details aus der Anklageschrift öffentlich geworden, insbesondere die psychologischen Begutachtung Zschäpes. Demnach ist die 38-Jährige voll schuldfähig. Erstellt hat das Gutachten der Gerichtspsychiater Henning Sass aus Aachen. Er konnte den Bericht aber nur mit Hilfe des Aktenstudiums erstellen, wiel Zschäpe mit ihm nicht reden wollte. Die 38-Jährige schweigt auch gegenüber den Untersuchungsbehörden.

Schwierige Kindheit

Der Psychiater scheibt zwar laut der «Süddeutschen Zeitung» von einer schwierigen Kindheit. Zschäpe ist bei ihrer Grossmutter aufgewachsen. Ihr Mutter hatte sie kurz nach der Geburt in die Obhut ihrer Mutter gegeben. Später, als die Mutter aus Rumänien nach Deutschland zurückkehrte, kümmerte sich sich zwar um ihre Tochter. Zwischen den beiden Frauen soll aber nie ein gesundes Verhältnis entstanden sein. Die Mutter wurde in der Folge zu Trinkerin. Den Vater hat Zschäpe nie kennengelernt.

Dennoch sei Zschäpe «offenbar kontaktfreudig, selbstbewusst, unbefangen und tatkräftig», schreibt der Gutachter. In der von Männern geprägten rechten Szene scheine sie gleichberechtigt und akzeptiert gewesen zu sein.

Wie Zschäpe in den rechten Untergrund abrutschte, das wird der Prozess zu klären haben.

Prozess könnte zweieinhalb Jahre dauern

Für den Prozess hat das Oberlandesgericht München zunächst 85 Verhandlungstage bis Januar 2014 angesetzt. Nach Schätzungen könnte der Prozess aber möglicherweise zweieinhalb Jahre dauern.

Wegen einer Kontroverse um die Presseplätze war der ursprünglich für den 17. April vorgesehene Prozessbeginn um fast drei Wochen verschoben worden. Bei der Verteilung der Presseplätze im Gerichtssaal war zunächst kein türkisches Medium zum Zuge gekommen.

Das Bundesverfassungsgericht gab einer Klage der türkischen Tageszeitung "Sabah" statt und entschied, dass eine angemessene Zahl von Sitzplätzen Vertretern ausländischer Medien gegeben werden müsse.

Das Gericht verloste daraufhin die Presseplätze, wobei eigene Untergruppen für türkische und griechische Medien geschaffen wurden. Bei der Verlosung gingen etliche überregionale deutsche Tageszeitungen leer aus. Einigen gelang es aber zwischenzeitlich, durch Tausch mit anderen Verlagen doch noch Plätze zu bekommen.

Rund 500 Polizisten sollen am Montag einen störungsfreien Prozessauftakt garantieren. Die Polizei habe derzeit keine Erkenntnisse über eine konkrete Gefahr - weder von rechten noch von linken Gruppen, sagte ein Sprecher am Wochenende. (sda)