Ägypten
Abdel Fattah al-Sisi: Der Mann der Ägyptens Präsident stürtzte

Als Ägyptens frisch gewählter Präsident Mohammed Mursi vor einem Jahr dem relativ jungen General Abdel Fattah al-Sisi das Kommando über die Armee übertrug, schien das eine Zäsur zu sein. Am Mittwoch hat Sisi die Welt eines Besseren belehrt.

Dagmar Heuberger
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Strippenzieher in Kairo: General Abdel Fattah al-Sisi. keystone

Strippenzieher in Kairo: General Abdel Fattah al-Sisi. keystone

«Armee und Volk sind eins», riefen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo, als am Montagabend bekannt wurde, dass das Militär Präsident Mohammed Mursi ein 48-Stunden-Ultimatum gestellt hatte. Und: «Komm her, Sisi – Mursi ist nicht mein Präsident.» Ob die Menschen wussten, wem sie da zujubelten?

Dass Abdel Fattah al-Sisi Oberkommandierender der ägyptischen Streitkräfte und Verteidigungsminister ist, dürften sie wissen – vielleicht. General Sisi war nämlich bis im August 2012 ausserhalb militärischer Kreise kaum bekannt. Das änderte sich erst, als Mursi ihn vor einem knappen Jahr zum Verteidigungsminister ernannte.

«Gezittert wie ein Blatt im Wind»

Sisi wollte den Job zuerst nicht. Er habe «gezittert wie ein Blatt im Wind», als der Präsident ihm den Posten angeboten habe, berichtete eine ägyptische Zeitung. Denn der 58-jährige Sisi ist im ägyptischen Offizierskorps, das von alten Männern dominiert wird, einer der Jüngsten. «Sei ein Mann und nimm den Job», soll Mursi zu ihm gesagt haben. Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Sisis rund 20 Jahre älterer Vorgänger, wartete derweil in einem Nebenraum.

Diese Fakten dürften den jubelnden Massen auf dem Tahrir-Platz bekannt gewesen sein. Aber war ihnen auch klar, welche Überzeugungen ihr Held vertritt? Kaum, ist doch das, was über den neuen starken Mann in Kairo bekannt ist, widersprüchlich und opak. Das Bild schwankt zwischen dem Karrieresoldaten Sisi mit besten Beziehungen zu den USA und dem streng gläubigen Moslem Sisi, dem immer wieder Nähe zu den islamistischen Muslimbrüdern nachgesagt wird.

Sisi, der Karriere-Soldat

Abdel Fattah al-Sisi, am 19. November 1954 in Kairo geboren, hat eine typische Laufbahn als Berufsmilitär hinter sich. Er absolviert die Militärakademie in Kairo, dient in einer Infanterie-Einheit, hat aber – anders als etwa sein Vorgänger Tantawi – keine Kriegserfahrung. Dennoch macht er Karriere: Er kommandiert ein mechanisiertes Infanteriebataillon, führt die Informations- und Sicherheitsabteilung im Verteidigungsministerium und dient als Militärattaché in Saudi-Arabien. Danach wird er Stabschef und Kommandant der nördlichen Militärzone mit Sitz in Alexandria. Und schliesslich ist er Chef des militärischen Geheimdienstes. Nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar 2011 ist Sisi das jüngste Mitglied des Obersten Militärrats, der bis zur Amtseinsetzung Mursis die politischen Geschicke Ägyptens lenkt.

Sisi, der gläubige Moslem

In Kontrast dazu steht Sisis religiöse Überzeugung: Er ist praktizierender Moslem, seine Frau trägt den Gesichtsschleier. Einer seiner Instruktoren am «US Army War College» in Pennsylvania, wo Sisi ein Jahr lang studierte, bezeichnete ihn als «warmherzig, introvertiert und eindeutig strenggläubig». Wohl deshalb werden ihm immer wieder Beziehungen zur Muslimbruderschaft nachgesagt. «Die Muslimbrüder vertrauen Sisi. Für sie war er stets die erste Wahl», sagt Robert Springborg, Experte für die ägyptischen Streitkräfte an der Marineschule in Monterey (Kalifornien).

Als Sisi Islamisten zur Offiziersausbildung zuliess, hagelte es Kritik. Noch höher schlugen die Wellen des Protests, als er im April 2012 Jungfräulichkeitstests an festgenommenen Demonstrantinnen durchführen liess. Die Tests, rechtfertigte sich Sisi, dienten sowohl dem Schutz der Frauen vor Vergewaltigung als auch dem Schutz der Soldaten vor Vergewaltigungsvorwürfen. Nach einem Entrüstungssturm liess er die Tests einstellen.

Auch wenn Sisi Sympathien für die Muslimbrüder hegt – und sie für ihn – bedeutet das nicht, dass er Mitglied der Islamistenorganisation ist. Mehr noch: Unter der Herrschaft Mubaraks hätte er als Muslimbruder niemals eine solch steile militärische Karriere machen können. Und nicht zuletzt ist Sisi – wie alle ägyptischen Militärs – ein glühender Verehrer des panarabischen nationalistischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser (1918–1970).

Allen Widersprüchen zum Trotz: Der Armeechef hat sich von Mursi abgewandt. Das deutet darauf hin, dass seine Loyalität zu den Streitkräften, die sich stets als Retter der Nation verstanden, ihm wichtiger ist als seine religiöse Überzeugung. Und dass er, indem er sich auf die Seite der Demonstranten stellt, den angeschlagenen Ruf der Armee wiederherzustellen versucht.