Terror in Paris
Abdelhamid Abaaoud: Der 27-jährige Belgier soll hinter den Anschlägen stecken

In Molenbeek aufgewachsen, in Syrien radikalisiert: Der belgische IS-Kämpfer Abdelhamid Abaaoud soll der Drahtzieher der Pariser Attentaten sein.

Annika Bangerter
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Der Terrorist Abdelhamid Abaaoud wird derzeit in Syrien vermutet.HO

Der Terrorist Abdelhamid Abaaoud wird derzeit in Syrien vermutet.HO

Er gilt als der meistgesuchte Islamist Belgiens: Abdelhamid Abaaoud. Gestern haben ihn die französischen Ermittler als mutmasslichen Drahtzieher der Pariser Anschläge bezeichnet. Er soll die Attentäter aus dem Hintergrund dirigiert haben. Die bereits identifizierten Täter sind Franzosen und Belgier mit arabischen Wurzeln, zwischen 20 und 31 Jahre alt, die in den Vororten von Paris und Brüssel lebten. Mindestens drei von ihnen sind für mehrere Monate nach Syrien gereist. Dort vermuten die Ermittler auch den 27-jährigen Drahtzieher. Wer ist dieser Mann, der das Todeskommando plante?

Abdelhamid Abaaoud wuchs als Sohn eines marokkanischen Einwanderers im Brüsseler Stadtteil Molenbeek (siehe Text links) mit fünf Geschwistern auf. Vor rund zwei Jahren hat er sich dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen – als einer der ersten Belgier überhaupt. In den Reihen der Terrormiliz stieg er unter dem Namen Abu Omar al-Baljiki – «der Belgier» – als berüchtigter Henker auf. Abaaoud selbst machte aus seinem Extremismus keinen Hehl: In einem Propagandavideo ruft er zum Töten von Ungläubigen auf; ein anderer Filmbeitrag zeigt ihn als Lenker eines Autos, das verstümmelte Leichen hinter sich her zieht.

Nur knapp entkommen

In Europa plante Abaaoud bereits Anfang dieses Jahres Attentate. Den Terrorfahndern entging er dabei nur knapp: Im Januar 2015 stürmten Sicherheitskräfte im belgischen Verviers das Versteck einer dreiköpfigen Dschihadistenzelle. Ihr Anführer: Abdelhamid Abaaoud. Gemeinsam mit zwei Komplizen wollte er belgische Kioske angreifen, die nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» das Satiremagazin verkauften. Doch der Plan des Trios flog auf. Bei der Razzia starben seine Komplizen im Schusswechsel mit der Polizei. Abdelhamid Abaaoud befand sich nicht in der Wohnung, er konnte nach Syrien fliehen.

Davon erzählt er im «Dabiq» – dem englischsprachigen Propagandamagazin des IS. Im Interview bezeichnet er Belgien als Mitglied der «Koalition der Kreuzritter», die Muslime im Irak und Syrien attackiere. Diese Länder gelte es mit Terror einzuschüchtern, sagt Abaaoud. Weiter brüstet er sich, wie die Geheimdienste aus ganz Europa es nicht geschafft haben, ihn zu schnappen: «Sie verhafteten Muslime in Griechenland, Spanien, Frankreich und Belgien, um mich zu fassen. Dabei waren diese gar nicht in unsere Pläne eingeweiht», sagt er.

Verurteilt als IS-Rekrutierer

Abaaoud befand sich auf der Flucht, als die belgische Polizei ein Strafverfahren gegen ihn einleitete. Vor vier Monaten dann verurteilte das Gericht ihn – in seiner Abwesenheit – zu 20 Jahren Haft. Die Richter begründeten ihren Entscheid damit, dass Abaaoud der wichtigste belgische Rekrutierer für den IS sei. Auch seinen 13-jährigen Bruder Younes hat er 2014 nach Syrien gelockt. Im Internet kursieren Fotos des Jungen, der mit Waffen vor der Kamera posiert. Er soll einer der jüngsten Krieger sein, die bislang für die Terrormiliz kämpften.

Nach den verhinderten Attentatsplänen seines älteren Sohnes zeigte sich der Vater in einem Interview mit der belgischen Boulevardzeitung «La Dernière Heure» im Januar 2015 erschüttert: «Abdelhamid hat Schande über unsere Familie gebracht.» Die Familie schulde Belgien alles. Nachdem Abdelhamid Abaaoud ins Bürgerkriegsland Syrien zurückgereist war, wurde es ruhiger um ihn. Zu ruhig, wie es sich am Freitagabend in Paris herausstellte.