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ABGASTEST: «Das ist nicht nur ein VW-Problem»

Die Tricksereien von VW haben ihn erstaunt, sagt Christian Bach von der Forschungsanstalt Empa. Er glaubt, dass bald auch andere Hersteller in den Fokus der ­US-Justiz geraten werden.
VW-Chef Martin Winterkorn muss derzeit unten durch. Das Bild zeigt ihn mit prüfendem Blick unter ein Fahrzug während des Genfer Autosalons. (Bild: EPA/Marijan Murat)

VW-Chef Martin Winterkorn muss derzeit unten durch. Das Bild zeigt ihn mit prüfendem Blick unter ein Fahrzug während des Genfer Autosalons. (Bild: EPA/Marijan Murat)

Christian Bach, Ihre Abteilung führt selber Abgasuntersuchungen durch. Wie ist das möglich, dass die Manipulation von VW erst jetzt ans Tageslicht kommt? Offenbar sind ja über 11 Millionen Fahrzeuge betroffen.

Christian Bach*: Bisher war es schwierig, einen sauberen Vergleich der Emissionen auf der Strasse und im Labor zu machen. Neue, sogenannte mobile Messsysteme erlauben es heute, Abgasmessungen auf der Strasse durchzuführen und diese Werte mit den Labormessungen zu vergleichen. Diese Geräte sind aber in der erforderlichen Qualität noch nicht lange auf dem Markt.

Die Abgasprüfungen sind genau vorgeschrieben. Dürfen die Hersteller ihre Fahrzeuge auf die Tests ausrichten?

Bach: Die Hersteller müssen die offiziellen Prüfverfahren einhalten. Darauf legen sie ihre Motoren und Abgasnachbehandlungssysteme aus. Im Falle von VW sind aber nicht hohe Abgaswerte ausserhalb dieser Prüfbedingungen, sondern ein sogenanntes «Defeat Device», also eine Vorrichtung, die den Betrieb des Motors oder der Abgasnachbehandlung im Labor anders gestaltet als auf der Strasse, das Problem. Solche Defeat Devices sind ganz eindeutig verboten. Die amerikanische Behörde konnte offensichtlich genügend klar nachweisen, dass dies bei VW der Fall war.

Können Sie die Manipulationen von VW einfach erklären?

Bach: Die Abgasnachbehandlung bei Dieselmotoren ist sehr aufwendig. Was genau bei VW manipuliert wurde, weiss ich nicht. Es ist aber denkbar, dass der Motor bei den Laborversuchen etwas weniger wirkungsgradoptimal betrieben wurde als auf der Strasse, um die Emissionen zu senken. Solche Manipulationen unterscheiden sich von anderen Tricks zur Verbrauchssenkung, wie beispielsweise schmalen Reifen bei Testfahrzeugen oder das Laden der Batterie erst nach dem Testzyklus, in dem sie eben klar verboten sind.

Waren Sie überrascht, dass ausgerechnet VW beschissen hat?

Bach: Ja. Die Fahrzeuge im VW-Konzern basieren allgemein eher auf höherwertigen Technologien. Ich hätte Tricksereien eher in niedrigpreisigen Segmenten erwartet.

Wieso hat VW getrickst?

Bach: Die Gründe kenne ich nicht. Eine Erklärung – jedoch keine Rechtfertigung – könnten die hohen Herausforderungen für das Einhalten der Vorschriften in den USA sein. Die Vorschriften sind deutlich strenger und somit schwieriger einzuhalten als in Europa. Andererseits sind die Konsequenzen schärfer, wenn Grenzwerte nicht eingehalten werden.

Wie sind denn die Konsequenzen?

Bach: Fahrzeuge müssen in Europa die Abgasgrenzwerte während 100 000 Kilometern einhalten und in den USA bis 240 000 Kilometer. Das Einhalten der Abgasgrenzwerte ist in den USA zudem fast eine garantieähnliche Leistung, während dies in Europa lediglich eine Zulassungsanforderung darstellt.

Weshalb hat sich VW zum Tricksen entschieden?

Bach: Das weiss ich nicht – ich kann nur mutmassen. Vielleicht haben sie gemerkt, dass ihre Technologie für die entsprechenden Grenzwerte nicht genügend effizient funktioniert, oder sie haben festgestellt, dass ihr System zu schnell altert und die Grenzwerte nicht während der ganzen Lebensdauer eingehalten werden.

Ist VW ein Einzelfall?

Bach: Ich glaube nicht, dass es ein VW-Problem ist. Die US-Justiz hat bereits angekündigt, auch die Dieselfahrzeuge anderer Hersteller unter die Lupe zu nehmen.

Wieso sind es gerade Dieselfahrzeuge?

Bach: Dieselfahrzeuge weisen dann die höchsten Emissionen auf, wenn sie am effizientesten betrieben werden. Effiziente Dieselmotoren benötigen deshalb auch ein sehr effizientes Abgasnachbehandlungssystem. Das ist das Dilemma der Hersteller.

Was bedeutet dies für den Absatz von Dieselfahrzeugen in den USA?

Bach: Der Reputationsschaden ist sicher da. Deshalb erstaunt mich die VW-Manipulation so sehr. Seit über 10 Jahren versuchen die Automobilhersteller mit grossen Anstrengungen, Dieselfahrzeuge in den USA salonfähig zu machen. Diese Strategie hat nun gelitten. Dabei haben Dieselmotoren auch viele Vorteile und sind in gewissen Bereichen schlicht unverzichtbar.

Werden diese Manipulationen auch auf dem europäischen Markt auftauchen?

Bach: Das kann man aus den Vorfällen in den USA nicht automatisch schliessen – das Gegenteil aber auch nicht. Ich denke dennoch nicht, dass dieselben Manipulationen in Europa auftauchen werden. In Europa sind bei der Zulassung weniger die Stickoxyde im Fokus, sondern der CO2-Ausstoss.

Interview Roman Schenkel

Hinweis

*Christian Bach ist Leiter der Abteilung Fahrzeugantriebssysteme bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Er kennt die US-Abgasgesetzgebung aufgrund von Forschungsaufenthalten beim Haagen Smith Laboratory des California Air Resources Board.

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