Nachruf
Abschied vom letzten Gründervater Shimon Peres: «Es gibt noch immer eine Welt zu heilen»

Zuletzt stand er für Versöhnung und Frieden, früher förderte er Israels Atombewaffnung. Der 93-Jährige erlitt vor zwei Wochen einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb am Mittwoch im Tel Aviver Krankenhaus Tel Hashomer.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Als Elfjähriger kam er nach Palästina, Schimon Peres starb mit 93 in Israel.

Als Elfjähriger kam er nach Palästina, Schimon Peres starb mit 93 in Israel.

KEYSTONE/AP/DAN BALILTY

Israel nimmt Abschied von dem letzten der Gründerväter. Shimon Peres war einer von denen, die aus der Diaspora kamen und ihr Leben lang Hebräisch mit Akzent sprachen. Er gehörte zu den Zionisten, die den Traum vom eigenen Staat für die Juden von der ersten Stunde an mitgestaltete. Es gibt kein wichtiges Regierungsamt, das Peres nicht irgendwann besetzt hätte. Er war Regierungschef, Staatspräsident und Nobelpreisträger. Seinen Traum vom Frieden mit den Palästinensern konnte er sich nicht erfüllen. «Es gibt noch immer eine Welt zu heilen», sagte Peres in seiner Abschiedsrede vor zwei Jahren als Staatspräsident. Der 93-Jährige erlitt vor zwei Wochen einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb am Mittwoch im Tel Aviver Krankenhaus Tel Hashomer.

Am 21. August 1923 erblickte er als Sohn der Eheleute Persky im weissrussischen Wischnewa, einem jüdisches Shtetl mit nur 1500 Einwohnern, das Licht der Welt. In seinen 1995 auf deutsch erschienenen Memoiren mit dem Titel «Shalom» («Frieden») erinnert sich Peres an das Talmudstudium bei seinem Grossvater und die frühe Erkenntnis, «dass nichts auf der Welt nur eine Seite hat». Das Kind war gottesfürchtig und stritt heftig mit seinen Eltern, als sie ausgerechnet an einem Sabbat ihren eben erstandenen «Radioapparat» anschalteten.

Mit dem Zug bis nach Istanbul und weiter auf einem polnischen Dampfer erreichte Peres als Elfjähriger Tel Aviv, besuchte dort das Gymnasium und ging anschliessend auf ein landwirtschaftliches Internat in Ben Schemen. Kühe melken, Weizen aussähen und Ernten stand auf dem Lernprogramm und wie man mit einer Pistole umgeht. In Ben Schemen lernte Peres, Verantwortung zu übernehmen, für das Kollektiv zu denken, er las «Das Kapital» von Karl Marx und traf seine spätere Frau Sonia, mit der er eine Tochter und zwei Söhne haben sollte. Der fromme Shtetl-Jude verwandelte sich in einen zionistischen Sozialdemokraten.

David Ben Gurion, Israels erster Regierungschef, wurde auf den jungen Parteigenossen von der Mapai (Vorläufer der Arbeitspartei) aufmerksam, der inzwischen aus dem polnischen Persky ein hebräisches Peres gemacht hatte, und nahm ihn unter seine Fittiche. Die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb und ein Leben lang, was nicht unbedingt typisch für Peres ist. Mit Golda Meir, die Jahre später Regierungschefin wurde, und auch mit Yitzhak Rabin war sein Verhältnis schwieriger. Einen «ewigen Intriganten» schimpfte Rabin einst seinen Parteigenossen, mit dem er jahrzehntelang Machtkämpfe ausfocht.

Eine der ersten Aufgaben des jungen Peres war die Waffenbeschaffung. Er selbst war zwar nie ein grossartiger Soldat, aber er verstand sich darauf, Israels Sicherheitspolitik vom Schreibtisch aus voranzutreiben. Paradoxerweise hinterliess der Politiker, dem wie keinem anderen der Ruf anhängt, um Versöhnung mit den arabischen Nachbarn zu ringen, seine tiefsten Spuren in der Zeit als Staatssekretär und Minister für Verteidigung. Peres gilt als Vater des israelischen Atomwaffenprogramms. «Die Araber sind nicht unsere Feinde, aber die Politik des Mordes ist es», rechtfertigte er Jahre später seine Haltung zur israelischen Sicherheitspolitik.

Nur eine Wahl gewonnen

Ob es die militärischen Orden waren, die Peres nicht bieten konnte, oder seine Selbstüberschätzung, dass er Kampagnen nicht nötig habe – Tatsache ist, dass er sich bei Wahlen nur ein einziges Mal durchsetzen konnte. Erst 2007 ernannte ihn das Parlament zum Staatspräsidenten. Schon sieben Jahre zuvor hatte Peres für das höchste Amt im Staat kandidiert und den Kürzeren ziehen müssen. Die Abgeordneten entschieden sich damals überraschend für den wenig charismatischen Mosche Katzaw vom Likud.

«Ich bin ein Versager?», rief Peres im Mai 1997 von der Bühne vor dem Parteitag. «Jaaa!», antworteten die Genossen im Chor. Peres war der ewige Zweite, auch in der eigenen Partei. Als Nummer 2 funktionierte Peres besser, vor allem unter Yitzhak Rabin, der seinem Aussenminister freie Hand liess bei den geheimen Verhandlungen mit der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation). Im September 1993 reichten PLO-Chef Jassir Arafat und Israels Regierungschef Rabin einander zum ersten Mal die Hand. Sie vereinbarten die Osloer Prinzipienerklärung über das gemeinsame Streben nach zwei Staaten für die zwei Völker. Arafat, Rabin und Peres sind kurz darauf mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Rabin zahlte mit seinem Leben.

Nur wenige Monate nach dem Mordanschlag blieb die Arbeitspartei unter Peres, der die Nachfolge Rabins antrat, bei den Parlamentswahlen knapp hinter dem Likud unter Benjamin Netanjahu. Peres hat sich die schwindende Popularität im Volk und in der Partei selbst zuzuschreiben. Kaum ein halbes Jahr lag zwischen dem Tod Rabins und Neuwahlen. Zeit genug für ihn, um zwei fatale Fehler zu begehen.

Er gab dem Drängen der Geheimdienste nach, die den damals meistgesuchten Terroristen Jachije Ajasch exekutieren wollten. Eine im Telefonhörer versteckte Sprengstoffladung riss dem berüchtigten Ajasch kurz darauf den Kopf ab. Die Hamas rächte sich mit einer Serie von Terrorattentaten. Dutzende Zivilisten, darunter viele Kinder, starben bei Sprengstoffexplosionen in Tel Aviv und Jerusalem. Jede Bombe trieb die Wähler weiter nach rechts in die Arme des konservativen Likud. Spitzenkandidat Benjamin Netanjahu lockte mit dem Versprechen für mehr Sicherheit. Die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern lagen auf Eis.

Beinah noch schlimmer war die Fehlentscheidung bei der Operation «Früchte des Zorns» und die Angriffe auch auf zivile Ziele im Libanon. Bei einem fehlgeleiteten israelischen Luftangriff auf das Dorf Kana im Südlibanon starben über hundert Zivilisten. Die Stimmen der arabisch-israelischen Staatsbürger hatte Peres verspielt. Die Araber boykottierten den Urnengang. Mancher hat es ihm bis heute nicht verziehen.

Die Zweistaatenlösung

Im Ausland mehr als unter den eigenen Landsleuten genoss Peres, der Bücherwurm, der stets ein passendes Zitat oder eine Volksweisheit parat hielt, der Visionär des neuen Nahen Ostens grosses Ansehen. Wenn Peres von der Notwendigkeit sprach, Israel als jüdischen Staat zu definieren, klang es überzeugender als aus dem Munde eines Netanjahu – vor allem in den Ohren seiner bei der Sozialistischen Internationale gewonnenen zahllosen Freunde. Peres liebte die Anerkennung und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Seinen 90. Geburtstag feierte er grossartig im Beisein von Hunderten geladenen Gästen, darunter Ex-US-Präsident Bill Clinton, Robert De Niro und Barbra Streisand.

In den sieben Jahren als Staatspräsident gewann Peres auch unter seinen Landsleuten an Sympathie. Eine seiner letzten wichtigen Amtshandlungen war die Unterschrift als Präsident unter die Begnadigung von über eintausend Palästinensern, die Israel im Geiselaustausch für den entführten Soldaten Gilad Shalit aus der Haft entliess. Ohne politische Lösung werde ein Frieden niemals möglich sein. Peres warnte stets davor, die Arabische Initiative zu ignorieren. Am Ende müsse Israel Seite an Seite mit dem «arabischen Staat Palästina» existieren. Das noch zu Lebzeiten gegründete Shimon-Peres-Friedenszentrum in Tel Aviv soll seine Arbeit solange fortsetzen, bis dieses Ziel erreicht ist.