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ABTREIBUNGEN: «Sie töten ihre Töchter im Mutterleib»

In Indien müssten eigentlich 63 Millionen Frauen und Mädchen mehr leben. Doch weil Eltern Söhne wollen, werden Millionen weiblicher Föten abgetrieben. Das ungünstigste Geschlechterverhältnis des Landes hat das Dorf Bahrana.
Ulrike Putz, Bahrana
Die Kampagne «Save the Girl Child» von Ministerpräsident Narendra Modi ist omnipräsent, der Erfolg blieb bis jetzt aus. (Bild: Ulrike Putz (Bahrana, 23. März 2018))

Die Kampagne «Save the Girl Child» von Ministerpräsident Narendra Modi ist omnipräsent, der Erfolg blieb bis jetzt aus. (Bild: Ulrike Putz (Bahrana, 23. März 2018))

Ulrike Putz, Bahrana

Mukesh wirkt in diesen Tagen niedergedrückt: Ihr im siebten Schwangerschaftsmonat angeschwollener Bauch ist eine Last, der die Feldarbeit bei brütender Hitze noch mühsamer macht. Schwerer jedoch wiegt die bange Frage, welches Geschlecht das Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt, wohl hat. Mukesh hat schon zwei Töchter zur Welt gebracht, und ihre Schwiegermutter hat ihr klar gemacht, dass das dritte Kind ein Sohn zu sein hat. «Ich versuche, einen Jungen zu bekommen», beteuert die 33-Jährige, die wie viele Inder keinen Nachnamen führt.

Doch wie auf Bestellung Söhne zu gebären, ist im Dörfchen Bahrana nicht mehr so einfach: Vor zwei Jahren kam die Polizei dem Arzt auf die Schliche, der mit seinem Ultraschallgerät die in Indien illegale vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung vornahm und den Schwangeren dann half, die weiblichen Föten abzutreiben. Seitdem haben arme Frauen wie Mukesh ein Problem: Natürlich gibt es in der nächsten grösseren Stadt immer noch korrupte Ärzte und die Möglichkeit, Mädchen wegmachen zu lassen. Doch Tagelöhner wie Mukesh können sich die Fahrt dorthin nicht leisten. Damit haben Mädchen in Bahrana zum ersten Mal seit langem wieder bessere Chance, tatsächlich geboren zu werden.

Nur 70 Kilometer westlich von Neu-Delhi liegt die 7000-Seelen-Gemeinde Bahrana inmitten von Senf- und Weizenfeldern. Ein weit ausladender Banyan-Baum beschattet den Dorfplatz, vor dem bunt gestrichenen Hindutempel dösen Strassenhunde. In engen Gassen wandern schwarze Büffel herum: Sie liefern den Bauern Milch, Käse und Kuhfladen für ihre Herdfeuer. Bahrana ist ein Dorf wie unzählige andere in der fruchtbaren nordindischen Tiefebene. Und wie überall sonst wollen die Bauern hier nur eins: bloss keine Töchter.

Die indische Tradition sieht vor, dass die Eltern der Braut ihrer Tochter eine ruinöse Mitgift mit in die Ehe ­geben. Eine Tochter gilt deshalb als schlechtes Geschäft: Nicht nur, dass man das Mädchen für viel Geld gross- zieht, nur um sie dann für noch mehr Geld an den Mann zu bringen. Bauern geht mit der Eheschliessung zudem noch eine Gratis-Arbeitskraft flöten, denn die Tochter schuftet vom Hochzeitstag an nur noch auf den Feldern der Schwiegereltern.

Diese Sitten seien es, die die Menschen dazu brächten, «ihre Töchter noch im Mutterleib zu töten», sagt Nirmala, die seit 30 Jahren Sozialarbeiterin in dem kleinen Frauenzentrum von Bahrana ist. Die schlichte Hütte mit dem Lehmfussboden und ein paar Plastikhockern ist ein Zufluchtsort, in der Mukesh und Nirmala es wagen, etwas Licht in die Zustände im Dorf zu bringen. «Wenn die Männer die Mitgift mit in die Ehe bringen müssten, käme hier kein Bube mehr zur Welt», sagt Nirmala. Natürlich würde niemand zugeben, Mädchen abzutreiben, aber die Fakten sprächen für sich. «Im letzten Jahr habe ich die Geburt von 40 Jungs, aber nur 27 Mädchen registriert. Das ist mit Sicherheit kein Zufall.»

Dass die Einwohner Bahranas tatsächlich so skrupellos sind, wie Nirmala sagt, ist spätestens seit 2011 bekannt. Damals wurden die Ergebnisse der letzten indischen Volkszählung veröffentlicht – und Bahrana geriet landesweit in die Schlagzeilen. Nirgendwo sonst in diesem riesigen Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern ist das Geschlechterverhältnis so aus dem Gleichgewicht geraten wie in dem Marktflecken im Bundesstaat Haryana. Bei den Kindern unter sechs Jahren ermittelten die Volkszähler einen Geschlechterquotienten von nur 378 Mädchen auf 1000 Jungen.

Von Natur aus müssten in Bahrana ziemlich genau gleich viele weibliche wie männliche Babys geboren werden. Die fehlenden Mädchen wurden entweder abgetrieben oder nicht geboren, weil ihre Eltern nach dem ersten Sohn kein weiteres Kind mehr wagten – es könnte ja ein Mädchen sein. Wieder andere Mädchen wurden zwar geboren, aber nicht alt: Auch die bewusste Vernachlässigung von weiblichen Säuglingen ist eine gängige Methode, sich ungewollter Töchter zu entledigen.

Jedes Jahr verschwinden zwei Millionen Frauen

Das Ergebnis aller dieser Machenschaften ist ein enormes Frauendefizit. Der im Januar veröffentlichte jährliche nationale Wirtschaftsbericht gab an, dass in Indien 63 Millionen Frauen zu wenig leben. Landesweit liegt der Geschlechterquotient bei 943 Frauen zu 1000 Männern. Jedes Jahr verschwinden zwei Millionen Frauen, weil die alten wegsterben, aber nicht genug neue nachgeboren werden. 21 Millionen Mädchen müssten als ungewollt eingestuft werden. «Die Gesellschaft muss es sich zum Ziel setzen, dass diese verabscheuungswürdigen Kategorien bald Geschichte sind», schreiben die Autoren des Berichts.

Doch alle Versuche, das Verhalten zu ändern, liefen ins Leere, sagt Rebecca Reichmann Tavares, die Leiterin der Büros der Frauenorganisation der Vereinten Nationen in Neu-Delhi. «Es verstösst gegen das Gesetz, das Geschlecht eines Fötus zu bestimmen, dennoch ist die Praxis weit verbreitet. Und in Bundesstaaten, in denen die Leute gebildeter sind und höhere Einkommen haben, ist es sogar noch schlimmer.» Massnahmen wie die Initiative des Premierministers Narendra Modis, der 2015 die Kampagne «Rettet die Mädchen» startete, gingen nicht weit genug.

Die Bevorzugung von Söhnen fusse auf der geringen Wertschätzung von Frauen in der indischen Kultur, sagt Sanjay Srivastava, Soziologe an der Universität Delhi. «Frauen gelten nicht als gleichwertige Menschen. Wenn Eltern es ihren Töchtern heute gestatten, eine Ausbildung zu machen, dann nicht, damit sie unabhängig werden und sich selbst verwirklichen», so Srivastava. Die Investition in die Bildung für Mädchen ziele nur darauf ab, sie zu besseren Müttern zu machen.

Vertreter des von dem Soziologen beschriebenen Patriarchats weisen solche Vorwürfe weit von sich. «Die Götter meinen es gut mit uns, deshalb werden hier so viele Jungen geboren», behauptet Grossbauer Manoj Ahlawat, der in Bahrana dem lokalen Wohltätigkeitsverein vorsitzt. Auch die viele Büffelmilch, die die Dörfler konsumieren, sorge dafür, dass es so schön wenig Mädchen gebe. Die Zensus-Beamten hätten sich schlicht verzählt, schwadroniert Ahlawat bei einem Rundgang durchs Dorf. Und im Übrigen sei der Arzt, der die Abtreibungen vorgenommen habe, ja nun aus dem Verkehr gezogen.

Ultraschallgeräte haben die Problematik verschärft

Tatsächlich sorgten die Negativschlagzeilen nach 2011 dafür, dass sich im Bundesstaat Haryana zumindest vordergründig einiges geändert hat. Anju und Rakesh Gargs Ultraschallgerät schickt eine SMS an das Gesundheitsamt in der Kreisstadt Jhajjar, sobald es eingeschaltet wird. «Ärzte werden inzwischen engmaschig überwacht», so Rakesh Garg. Die Gargs – er Orthopäde, sie Frauenärztin – sind sich jedoch einig, dass solche Massnahmen vor allem Kosmetik seien. Wer eine Geschlechtsbestimmung machen wolle, ginge ohnehin nicht zu einem niedergelassenen Arzt, sondern zu einem Engelsmacher, sagt Garg. Diese hätten natürlich nicht registrierte Geräte.

Die Ultraschall-Technologie wurde in Indien in den 1990ern populär. Der durch sie verursachte Frauenmangel werde weitreichende gesellschaftliche Folgen haben, warnt der Soziologe Srivastava. Immer mehr junge Männer hätten Schwierigkeiten, eine Frau zu finden. Doch habe der Mangel den Wert der Frau paradoxerweise nicht gesteigert, sondern die Lage vieler Frauen weiter verschlechtert, sagt Srivastava. Eine innerindische Migration sei in Gang gekommen, bei der Frauen aus ärmeren Gegenden über Kuppler an Männer in reicheren Gliedstaaten vermittelt würden. Diese Bräute – viele von ihnen selbst ungewollte Töchter – seien praktisch rechtlos. Gekaufte Ehefrauen, die nur eine Aufgabe hätten: möglichst viele Söhne zu gebären.

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