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ÄGYPTEN: Die blutige Rache der Beduinen

Gemäss Günter Meyer, Orientwissenschafter an der Universität Mainz, ist die Drahtzieherin hinter dem Terroranschlag in Bir al-Abed nicht die Terrormiliz IS. Die Täter sind beduinische Stämme, die sich gegen eine jahrzehntelange Diskriminierung wehren.
Michael Wrase, Limassol
Ein Mann sammelt Schuhe von Opfern des Anschlags in Bir al-Abed. (Bild: Ahmed Hassan (25. November 2017))

Ein Mann sammelt Schuhe von Opfern des Anschlags in Bir al-Abed. (Bild: Ahmed Hassan (25. November 2017))

Michael Wrase, Limassol

Mit massiven Bombardements hat die ägyptische Luftwaffe auf den Terrorangriff vom Samstag auf eine Moschee in Bir al-Abed reagiert. In der Sinai-Kleinstadt kamen mindestens 305 Menschen ums Leben. Die Kairoer Führung macht die Terrormiliz Islamischer Staat für den entsetzlichen Angriff verantwortlich.

Tatsächlich handle es sich dabei aber «um die Rache von Angehörigen der beduinischen Stämme gegen jahrzehntelange Diskriminierung, Unterdrückung, oft willkürliche Verfolgung sowie eine in jüngster Zeit vom ägyptischen Regime prak­tizierte Politik der verbrannten Erde gegen die einheimische Bevölkerung auf der Sinai-Halbinsel», betont der Orientwissenschafter Günter Meyer im Gespräch mit dieser Zeitung.

Konflikt eskaliert seit den 70er-Jahren

Der an der Universität von Mainz lehrende Wissenschafter konnte im Rahmen einer wirtschafts-und sozialgeografischen Langzeitstudie die Entwicklung auf der Sinai-Halbinsel seit den 1970er-Jahren beobachten und mit Hunderten von Angehörigen der lokalen Stämme sprechen. Diese würden die israelische ­Besatzung des Sinais nach dem Sechstagekrieg von 1967 noch heute als eine «goldene Zeit» charakterisieren, sagt Meyer. Die Beduinen hätten damals nicht nur von israelischen Touristen, sondern auch von infrastrukturellen Verbesserungen im Bereich der medizinischen Versorgung sowie Arbeitsmöglichkeiten, welche die Militärverwaltung bot, profitiert. «Die Rückkehr der Ägypter 1982 empfanden die Beduinen als neue, wesentlich drückendere Form der Besatzung, verbunden mit der Angst vor dem Verlust ihrer Ländereien.»

Viele Ägypter hätten die Sinai-Beduinen als Vaterlandsverräter, Drogendealer und den «ungebildeten Abschaum der Gesellschaft» abgestempelt, erinnert Meyer. Entsprechend herablassend und diskriminierend seien sie auch behandelt worden.

Während die Stämme im Süd-Sinai von Tourismus im Golf von Akaba profitierten, eskalierte im Norden der Halbinsel die Gewalt. Ägypter aus dem Niltal verdrängten einheimische Unternehmen und dominierten fortan die Wirtschaft. Zugezogene ­Siedlerfamilien profitierten von ­neuen Bewässerungsprojekten, während die einheimischen Familien ihre fruchtbaren Ländereien verloren und dafür sandige Flächen zugeteilt bekamen.

Mit dem Beginn des Arabischen Frühlings und dem Sturz Mubaraks 2011 habe sich die ­ohnehin schon angespannte Sicherheitslage im Nord-Sinai weiter verschärft, analysiert Meyer, der an der Universität von Mainz auch noch das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt leitet: «Radikale Stammeskämpfer nutzen die innenpolitischen Unruhen zu Angriffen auf die Sicherheitskräfte, die mit immer härteren militärischen Einsätzen zurückschlugen.»

«Die nächste Eskalationsstufe», so Meyer, sei erreicht worden, als sich 2014 Anhänger einer der stärksten beduinischen Gruppen dem IS anschlossen und vor allem von Libyen mit Waffen versorgt wurden. Fortan habe die ägyptische Führung jeden Anschlag mit der Bombardierung angeblicher Terrorcamps sowie dem Panzerbeschuss von ganzen Siedlungen beantwortet.

Meyer spricht in diesem Zusammenhang von einer «Politik der verbrannten Erde», welche zu zahllosen Opfern unter der beduinischen Zivilbevölkerung geführt habe, von den Staatsmedien aber verschwiegen werde.

«Je mehr Menschen ihre Familienangehörigen, ihre Häuser und damit ihre wirtschaftliche Existenz verlieren, desto eher sind sie bereit, sich aus Rache den dschihadistischen Terroristen ­anzuschliessen, deren Ideologie zu übernehmen und gegen die ‹ägyptischen Besatzer› vorzugehen», sagt Meyer.

Regierung muss verhandeln

Dies werde sich auch nach dem Terroranschlag vom letzten Freitag nicht ändern, befürchtet der Professor. Das vom ägyptischen Staatspräsidenten al-Sisi angekündigte noch härtere Vorgehen gegen die Terroristen mit noch mehr Bombardierungen wird ­sicherlich zu noch mehr Toten unter den Beduinen führen und ist deshalb kaum geeignet, eine Befriedung der Sinai-Halbinsel zu erreichen.

Ein Durchbrechen dieses Teufelskreises von Gewalt und Gegengewalt könne nicht mit militärischen Mitteln, sondern nur durch politische Verhandlungen zwischen der Regierung und den Stammesführern erreicht werden. Die Voraussetzung dafür sei, betont Meyer abschliessend, dass die Beduinen endlich als gleichberechtigte Verhandlungspartner akzeptiert würden.

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