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ÄGYPTEN: Droh-Video gegen Christen: «Wir werden Kairo befreien»

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat christlichen Kopten den Krieg erklärt. Bereits kam es zu zahlreichen Gewaltexzessen. Die religiöse Minderheit soll aus dem Land vertrieben werden.
Martin Gehlen, Kairo
Eine Nonne in der koptischen Kirche in Kairo, auf die im Dezember ein Anschlag verübt worden ist. (Bild: David Degner/Getty (11. Dezember 2016))

Eine Nonne in der koptischen Kirche in Kairo, auf die im Dezember ein Anschlag verübt worden ist. (Bild: David Degner/Getty (11. Dezember 2016))

Nach Einbruch der Dunkelheit stürmten Maskierte das Haus und knallten den Vater vor den Augen seiner entsetzten Familie ab. Einen Schuster traf es am helllichten Tag bei der Arbeit auf einem belebten Markt, einen Tierarzt vor der Tür seiner Praxis. Ein weiteres Opfer wurde bei lebendigem Leib verbrannt. Eine schwangere Frau musste mitansehen, wie der Eindringling erst ihren Mann exekutierte, dann seelenruhig eine Pepsi trank, bevor er wieder verschwand.

Sieben koptische Christen wurden in den letzten Tagen auf dem Nordsinai durch Extremisten des Islamischen Staates ermordet. Seitdem herrscht Panik unter der Minderheit, die sich von Polizei und Militär im Stich gelassen fühlt. «Niemand ist mehr sicher, lautet die Botschaft der Täter», sagt Mina Thabet, der für die angesehene Menschenrechtsorganisation «Egyptian Commission for Rights and Freedoms» arbeitet. «Ich werde nicht untätig auf meinen Tod warten – ich mache dicht und gehe», erklärte eine Koptin, die in der Provinzhauptstadt El Arish ein kleines Restaurant besitzt. Seit Tagen läuft nun der Exodus der Christen in Richtung Niltal, darunter auch rund 200 Studenten. Allein in der anglikanischen Pfarrei der Suez-Stadt Ismailia suchten bisher 250 Kopten Schutz. Hunderte weitere kamen bei Verwandten in Kairo unter.

Grösste christliche Minderheit in der Region

Mit neun Millionen Gläubigen sind die ägyptischen Kopten die grösste christliche Minderheit im gesamten Nahen Osten. Regelmässig kommt es zu Übergriffen wie Kidnapping gegen Lösegeld, Überfällen oder Brandanschlägen – und das vor allem in Mittelägypten. Eine systematische Vertreibung der Christen aus ihren Wohngebieten, wie zuvor bereits im Irak und in Syrien, hat es dagegen bisher nicht gegeben. «Niemals hätte ich geglaubt, dass dies einmal in Ägypten passiert», twitterte der bekannte Blogger «Big Pharao».

«Haut ab oder ihr werdet sterben»

In einem 20-minütigen Video mit dem Titel «Kampf allen Götzenanbetern», auf dem auch Papst Tawadros II. und andere Kirchenführer zu sehen sind, kündigte die IS-Terrorfiliale Ansar Beit Al-Maqdis an, man werde künftig alle Christen attackieren und «Kairo befreien». In El Arish und im Internet zirkulieren bereits Todeslisten von Christen. «Haut ab oder ihr werdet sterben», heisst es in den Droh-Pamphleten der Gotteskrieger.

Vor zwei Monaten hatte sich in Kairo ein Fanatiker in der Kirche St. Peter und Paul unmittelbar neben der Papst-Kathedrale während eines Gottesdienstes in die Luft gesprengt und 29 Menschen mit in den Tod gerissen. «Ihr Kreuzfahrer in Ägypten, dieser Angriff ist nur der erste von vielen, die noch kommen werden», wütete ein maskierter Mann in dem IS-Video, der angeblich der Attentäter sein soll.

Die vertriebenen Kopten übten im Fernsehen ungewöhnlich scharfe Kritik an Polizei und Militär. «Die tun überhaupt nichts. Es gibt keine Sicherheit auf dem Sinai, die können nicht einmal sich selber schützen», schimpfte einer der Geflohenen. Ausgerechnet ein Offizier habe seiner Familie geraten zu fliehen. Präsident Abd al-Fattah al-Sisi besprach die brisante Lage am Samstag mit seinem Kabinett. Er schwor, «den Terrorismus auf dem Sinai komplett auszurotten», und wies die Behörden an, den fliehenden Christen mit Unterkünften zu helfen.

Ägypten führt seit vier Jahren einen brutalen Krieg gegen den IS auf der Halbinsel, dem schon Hunderte Soldaten und Polizisten zum Opfer gefallen sind. Medien und internationalen Beobachtern ist die Fahrt auf den Nordsinai verboten, so dass das Ausmass der Kämpfe im Dunkeln bleibt. Sisi erklärte kürzlich, inzwischen seien 25000 Soldaten im Einsatz. Trotzdem gelingt es den Streitkräften nicht, die Lage in den Griff zu bekommen. In den letzten Wochen feuerten Dschihadisten zweimal Raketen in Richtung Israel ab. Die Geschosse landeten in der Umgebung von Eilat, ohne Schaden anzurichten. Seit kurzem sind auf dem gesamten Nord- und Zentralsinai Motorräder verboten, die oft bei Attentaten benutzt werden.

Martin Gehlen, Kairo

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