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ÄGYPTEN: Zwei Jahre Gefängnis für laszives Musikvideo

Mit der Verfolgung von aus religiöser Sicht unmoralischem Verhalten versucht die Regierung von der wirtschaftlichen Misere abzulenken. Leidtragende sind vor allem Frauen und Homosexuelle.
Martin Gehlen, Tunis
Homosexuelle werden in Ägypten seit Jahren verfolgt. (Bild: Hassan Ammar/AP (Kairo, 1. November 2014))

Homosexuelle werden in Ägypten seit Jahren verfolgt. (Bild: Hassan Ammar/AP (Kairo, 1. November 2014))

Martin Gehlen, Tunis

Shyma Ahmed träumte von einer Karriere als Popsängerin. Und so stellte die attraktive Ägypterin ein Musikvideo ins Internet, auf dem sie leicht bekleidet an einem roten Apfel leckt und in Zeitlupe in eine Banane beisst, während ihr im Gegenschnitt junge Kerle mit aufgerissenen Augen zusehen. Der 21-Jährigen brachte ihr laszives Video jetzt zwei Jahre Gefängnis und 500 Euro Geldstrafe ein. Mit ihrem Auftritt habe sie zur Unzucht angestiftet, befand das Gericht in Kairo. Das gleiche Strafmass erhielt auch der Regisseur des Streifens, welchen die ägyptische Regimepresse lautstark als Beweis für die Verdorbenheit der Jugend anprangerte.

Und so soll das drastische Urteil ein Exempel statuieren, genauso wie zuvor im Fall von Doaa Salah, einer Moderatorin des TV-Senders al-Nahar. Sie empfahl in ihrer Show Sex vor der Ehe und erklärte, eine Frau könne auch ohne Mann ein Kind aufziehen. Jungen Frauen legte sie nahe, sie könnten einen Mann lediglich heiraten, damit er ihnen ein Kind zeugt, und sich dann wieder von ihm scheiden zu lassen. Ein ägyptisches Gericht konnte diesen Ratschlägen nichts abgewinnen und verurteilte Salah «wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses» zu drei Jahren Gefängnis.

Grosser Spielraum für die Behörden

Mit solchen Strafen gegen angebliche Unmoral will das Regime von Abdel Fattah al-Sisi bei der Bevölkerung Punkte machen und von der wachsenden wirtschaftlichen Misere ablenken. Weite Teile der Gesellschaft, egal ob Muslime oder koptische Christen, haben in puncto Sexualität und Geschlechterrollen sehr konservative Vorstellungen. Zudem hoffen der Ex-Feldmarschall und seine Getreuen, auch die streng islamische Anhängerschaft der unterdrückten Muslimbrüder milder zu stimmen, wenn sie hart durchgreifen und für eine Gesellschaft nach strengen Moralvorstellungen sorgen. Das Regime stützt sich dabei auf einen Reigen von Gummiparagrafen, wie «Verletzung der Lehren des Islam» oder «Gefahr für die öffentliche Moral», der den Justizbehörden grosse Spielräume erlaubt.

So läuft seit Monaten auch eine Kampagne der Sicherheitsbehörden gegen Homosexuelle, obwohl schwule Beziehungen bisher nicht strafbar sind. Trotzdem wurden letzte Woche 14 Männer wegen «ihrer abnormen sexuellen Beziehungen» zu je drei Jahren verurteilt. Gegen eine Kaution kamen sie vorerst frei.

Ausgelöst wurde die jüngste Verhaftungswelle, die insgesamt mehr als 50 Menschen hinter Gitter brachte, durch ein Konzert der libanesischen Band Mashrou ­Leila in Kairo. Deren Sänger ist schwul, einige seiner Fans schwenkten in der Arena die LGBT-Regenbogenflagge der Schwulen- und Lesbenbewegung. Nach Angaben von Human Rights Watch wurden die Fest­genommenen demütigenden Zwangsuntersuchungen im Analbereich unterzogen.

Insgesamt spricht die Menschenrechtsorganisation von einer scharfen Eskalation gegenüber Homosexuellen, zumal der Abgeordnete Riad Abdel Sattar von der säkularen Partei der Freien Ägypter kürzlich einen Gesetzentwurf im Parlament einbrachte. Dieser sieht vor, Homosexuelle künftig mit bis zu drei Jahren Gefängnis zu bestrafen genauso wie alle Bürger, die sich öffentlich für Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben einsetzen.

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