Ärzteexport, Drogendeals und Stossgebete: Lateinamerika reagiert mit teils absurden Massnahmen auf die Coronaepidemie

Die Coronapandemie trifft Lateinamerika mit voller Wucht. Doch manche Regierungschefs rufen lieber nationael Bettage aus – oder treffen sich mit den Müttern verhafteter Drogenbosse.

Sandra Weiss aus Puebla
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Unsere Lateinamerika-Korrespondentin Sandra Weiss lebt selber in Mexiko und staunt darüber, wie der Weltteil mit der Krise umgeht. 7 Antworten auf 7 drängende Fragen.

Bedeutet die Coronakrise das Ende von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro?

Das Virus sei eine imperialistische Verschwörung, sagte Maduro, um vom Zustand des Gesundheitssystems abzulenken. Zur Sorge um den Gesundheitskollaps und den sinkenden Ölpreis haben die USA jetzt auch noch ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und bezeichnen ihn als Anführer eines Drogenkartells. Gleichzeitig haben die Amerikaner ein Angebot gemacht: Tritt Maduro zurück, gibt es humanitäre Hilfe und Kredite. Venezuela hätte das dringend nötig, doch Maduro bleibt hartnäckig.

Wird Guayaquil in Ecuador zum neuen Corona-Epizentrum?

Die Situation in der Hafenstadt könnte gar noch deutlich schlimmer werden. Fotos machen die Runde von Leichen auf Parkbänken und mitten auf den Strassen. Das Gesundheitssystem ist kollabiert, die Kapazitäten der Leichenhallen sind erschöpft. Viele Ärztinnen und Krankenpfleger sind selber am Virus erkrankt. Die Stadtverwaltung stellt jetzt Pappsärge und Polizeiautos zum Abtransport der Leichen zur Verfügung.

In Guayaquil, Ecuador, werden die Leichen in Pappsärgen eingesammelt.

In Guayaquil, Ecuador, werden die Leichen in Pappsärgen eingesammelt.

Bild: AP

Hat Kuba eine Geheimmedizin? Oder wieso schickt das Land Ärzte zur Virenbekämpfung rund um den Globus?

Kuba hat eine der höchsten Ärztedichten weltweit. Acht Ärzte kommen auf 1000 Einwohner, doppelt so viele wie in der Schweiz. Die entsandten Ärzte sind der wichtigste Devisenbringer des sozialistischen Landes, wichtiger sogar als der Tourismus. Von den Einkünften für die Dienstleistungen behält der kubanische Staat 75 Prozent für sich. Die Ärzte bekommen rund 200 US-Dollar im Monat, also rund das Zehnfache des kubanischen Durchschnittslohnes.

Wieso trifft Mexikos Präsident mitten in der Gesundheitskrise die Mutter des Drogenbosses «El Chapo» Guzmán?

In Mexiko sterben sehr viel mehr Menschen durch Kugeln als durch das Coronavirus. 95 Morde geschehen an einem durchschnittlichen Tag, während an Coronavirus bislang weniger als 20 Menschen täglich sterben. Statt um das Virus kümmert sich Mexikos Präsident Andres Manuel López Obrador deshalb weiterhin vorrangig um die Gewaltkriminalität. Kürzlich reiste er dazu in die Drogenhochburg Sinaloa und schüttelte dort der Mutter des berühmten Drogenbosses «El Chapo» Guzmán die Hand. Offiziell war es ein «zufälliges Treffen», bei dem Consuelo Loera den Präsidenten darum bat, ihren in den USA zu lebenslanger Haft verurteilten Sohn nach Mexiko zurückzuholen – wo er schon zweimal aus Gefängnissen ausgebrochen war. Was López Obrador mit dem Treffen bezweckte, ist unklar. Man spekuliert über eine Waffenruhe zwischen Staat und Kartell.

Wie kämpft Nicaraguas Machthaber gegen das Virus?

Mit Massenaufmärschen unter dem Motto «Liebe in Zeiten von Covid-19». Allerdings organisiert Daniel Ortega die nicht selbst, sondern schickt seine Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo vor. Sie erteilt im Staatsrundfunk esoterische Tipps und erklärt, die Gesundheitsbrigaden hätten alles im Griff. Bis zu den Osterferien liefen Schulunterricht und Veranstaltungen völlig normal weiter. Allerdings ohne die Präsidentenfamilie, die sich in ihrem Anwesen in Managua verschanzt hat. Der unter Lupus und Herzrhythmusstörungen leidende Ortega wurde seit drei Wochen nicht mehr gesehen. In ausländischen Medien kursieren Gerüchte über den angeblichen Tod des 74-Jährigen. Die Nicaraguaner sind es sich allerdings gewohnt, ihren Präsidenten wochenlang nicht zu sehen und nehmen es mit Humor. «Mach es wie Daniel, bleib zuhause», lautet ein Slogan in den sozialen Netzwerken.

Wieso verharmlost Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro das Virus noch immer?

Covid-19 sei ein «Grippchen», sagt Bolsonaro – und hat sich damit ins politische Abseits manövriert. Jeden Abend schlagen erboste Brasilianer auf Kochtopfdeckel, um ihren Missmut zum Ausdruck zu bringen. Auch das Militär hat sich von Bolonaros Rhetorik distanziert. Der Präsident will die Schuld für die kommende Rezession den gesundheitspolitischen Hardlinern in die Schuhe zu schieben.

Wer hat den absurdesten Plan gegen die Pandemie?

Absurd ist Jair Bolsonaros Vorschlag für einen Bet- und Fastentag, den er zusammen mit den evangelikalen Kirchen veranlasst hat, die übrigens weiterhin ihre Massen-Gottesdienste feiern dürfen. Auch Boliviens Interimspräsidentin Jeanine Añez hat Beten und Fasten empfohlen. Ins Knie geschossen haben sich auch die Präsidenten von El Salvador und Argentinien. Beide haben Ausgangssperren verhängt, mit dem Zahltag für Stützgelder aber lange Schlangen vor den Banken verursacht.