Deutschland
AfD-Mann lobt jetzt Allah: Wieso er nicht mehr Christ sein will – und trotzdem in der Partei bleibt

Seine Partei sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Arthur Wagner von der Alternative für Deutschland ist zum Islam konvertiert. Die christliche Kirche sei zu links und wolle dem Vaterland Schaden zufügen.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Arthur «Ahmad» Wagner ist jetzt Muslim.

Arthur «Ahmad» Wagner ist jetzt Muslim.

Keystone

Arthur Wagner hat sich elegant gekleidet. Medien gehen ein und aus, im Hinterzimmer wartet eine Reporterin des «Spiegels» auf den Mann, von dem die Republik bis vor kurzem keine Notiz genommen hat. Hemd, Krawatte, schicke Hose. Wagners braun-karierte Finken, die er an den Füssen trägt, passen gar nicht zum Rest der Erscheinung und fallen daher auf, wenn er da so sitzt auf seinem roten Sessel und von seiner Wandlung erzählt.

Wagner lobt jetzt nicht mehr Jesus, sondern Allah. Er liest nicht mehr die Bibel, sondern studiert die Suren im Koran. Arthur Wagner, 48, Russlanddeutscher und 1993 aus dem Ural nach Deutschland immigriert, nennt sich nun gelegentlich Ahmad Wagner. Seitdem er zu Allah gefunden hat, sagt er, «stehe ich frühmorgens auf wie ein glückliches Kind».

«Ob das die AfD will oder nicht»

Ein Leben für Allah. Eines nun ohne Alkohol wie früher, ohne Schweinefleisch, ohne Zigaretten. Die Geschichte von einem religiösen Wandel. Die nur deshalb erwähnenswert ist, weil Arthur Wagner mit Herz und Seele Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD) ist. Die AfD meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Sie will den Bau von Minaretten verbieten. Die Partei hat einen Björn Höcke in ihren Reihen, der kürzlich an einer Veranstaltung in die Menge rief, dass «am Bosporus mit den drei grossen M – Mohammed, Muezzin und Minarett – Schluss ist», wenn die AfD erst an der Macht sei. Beim politischen Aschermittwoch diese Woche fielen aus dem Munde von Andre Poggenburg, Vorsitzender der AfD Sachsen-Anhalt, ähnlich geschmacklose Worte.

Die Partei hat jetzt auch einen Arthur Wagner in ihren Reihen, der sich per Fernstudium in Ufa, Baschkirien, zum Imam ausbilden lässt und Sätze sagt wie diesen: «Ich liebe Allah mit ganzer Seele.» Der Islam werde sich in Europa langfristig festigen, «ob das die AfD will oder nicht», sagt der Mann, der in der Sowjetunion einige Semester Mathematik studiert habe, wie er sagt, und sich in Deutschland als Wirtschaftsinformatiker betätigt hatte. «Islam und AfD müssen künftig miteinander klarkommen.»

Als ehemaliger evangelischer Christ sei er prädestiniert, die Brücke zwischen den Nationalkonservativen und den Muslimen zu schlagen. Wagner schwebt eine deutsch-patriotische Variante muslimischer Einwanderer vor: «Minarette bauen und als Muslime leben mit der Bereitschaft, für meine deutsche Heimat mein Leben zu lassen», sinniert er.

Arthur «Ahmad» Wagner in seiner Wohnung in Falkensee.

Arthur «Ahmad» Wagner in seiner Wohnung in Falkensee.

Rudi-Renoir Appoldt

«Hört endlich auf Putin!»

Wagner ist als Konvertit möglicherweise übereifrig, er möchte seinen muslimischen Glaubensbrüdern beweisen, wie stark sein Glaube ist. Müsste er da nicht für Schutz und Hilfe seiner aus den Bürgerkriegsgebieten in Syrien, dem Irak oder dem Jemen flüchtenden Glaubensbrüdern in Deutschland einstehen, anstatt geschlossene Grenzen zu propagieren? «Wir müssen den Glaubensbrüdern in ihrer Heimat helfen. Die Kriege müssen mit Putins Hilfe beendet werden. Hört endlich auf Putin!» Die Flüchtlingskrise habe das deutsche Volk wachgerüttelt: «Die Deutschen haben sich daran erinnert, dass sie ihre Kultur und ihre Identität besser schützen müssen.»

Bis vor kurzem war Wagner Vize-Kreisvorsitzender der AfD in Havelland, Brandenburg. Ende Oktober des vergangenen Jahres ist er zum Islam übertreten, zunächst verschwieg er das seiner Partei. Seit Januar wissen sie in der AfD Bescheid über den wundersamen Werdegang von Arthur Ahmad Wagner. Die Partei würde den Konvertiten am liebsten loswerden. Das erzählt Wagner selbst. «Die AfD braucht mich. Ich bleibe in der AfD», sagt er trotzig. Der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz sagt: «Der Islam per se gehört nicht zu Deutschland, daran hat sich nichts geändert.» Kablitz versucht noch das Beste aus dem Fall Wagner für seine Partei herauszuholen: «Das macht sehr positiv deutlich, dass die AfD nicht intolerant ist.»

«Da haben Kinder zugeschaut»

Wagner will Brücken schlagen zwischen Muslimen und Konservativen. Es fällt einem schwer, zu glauben, dass ihm das gelingen wird. Bisweilen driften seine Ausführungen ins Bizarre ab. Etwa dann, wenn er erzählt, wie er als engagierter evangelischer Christ, der in Riga nach eigenen Angaben ein halbes Jahr Theologie studiert hatte und später in seiner Heimatgemeinde Falkensee bei Berlin Gemeindeleiter in der evangelischen Kirche war, vom Glauben an die Bibel abgekommen ist. Es sei alles aus dem Ruder gelaufen, sagt Wagner.
Zuerst war da die positive Wahrnehmung seiner Kirche der Ehe für alle gegenüber. Dann lief der Pfarrer aus seiner Gemeinde bei der Schwulen- und Lesbenparade am Christopher Street Day mit. «Da haben Kinder zugeschaut. Die Seelen der Kinder werden verunreinigt.» Wagners Stimme hebt sich: «Die Kirche ist eine linke, politische Organisation, die dem Vaterland Schaden zufügt.» Der Frage, ob er die Scharia über das deutsche Grundgesetz stelle, weicht er aus. «Mit Menschen, die nicht Muslime sind, darf ich noch nicht über die Scharia diskutieren.»

Wagner, Vater eines Sohnes, 20, und einer Tochter, 22, beide wie auch Wagners Ehefrau Nicht-Muslime, hat es eilig. Er zieht seinen schwarzen, dicken Wollmantel an, einen schwarzen Hut auf sein Haupt. Er möchte nun endgültig aus der Kirche austreten. Heute noch. Danach fährt er weiter nach Berlin in die Moschee. Zu seinen Glaubensbrüdern. «Dort fühle ich mich zu Hause.»