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AFGHANISTAN: Die verlorene Hoffnung am Hindukusch

Die Taliban und der IS breiten sich aus. Viele Afghanen verlassen das Land. Sie glauben nicht, dass sich die Lage verbessert, obwohl die Nato ihre Truppen aufstocken will.
Willi Germund, Bangkok
Afghanische Alltagsszene: Ein Junge spielt mit einem Reifen auf einem Friedhof in einem Kabuler Aussenquartier. (Bild: Rahmat Gul/AP)

Afghanische Alltagsszene: Ein Junge spielt mit einem Reifen auf einem Friedhof in einem Kabuler Aussenquartier. (Bild: Rahmat Gul/AP)

Willi Germund, Bangkok

Das Wort Frieden kennt Ferdous Hashimi nur vom Hörensagen. Die Hoffnung auf ein friedliches Leben begleitete den 50-jährigen Schneider in der afghanischen Hauptstadt Kabul während seines gesamten Lebens. «Es reicht jetzt!», sagt Hashimi, der seine kleine Schneiderei über Jahrzehnte über Wasser gehalten hat. «Wir gehen in die Türkei und wollen sehen, ob wir dann weiter nach Europa kommen.»

Hashimis Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation seines Landes durch die internationalen Truppen ist einem Gefühl von Hohn gewichen: «Jetzt wollen sie mit ein paar Soldaten mehr erreichen, was sie von 2001 bis 2014 nicht geschafft haben.»

Geplante Verstärkung der Nato-Truppe

So kommentiert der auswanderungswillige Schneider von Kabul die Ankündigung von letzter Woche durch US-Verteidigungsminister Jim Mattis und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, die verbliebenen 13 500 ausländischen Soldaten am Hindukusch um rund 3000 bis 5000 Mann zu verstärken. «Wir müssen unseren Job zu Ende bringen», begründete Mattis den Schritt.

Afghanen wie Ferdous Ha­shimi würden eher sagen, es gehe darum, zu retten, was noch zu retten ist. «Wie immer», sagt etwa der 60-jährige Amir Asalai aus Dschalalabad nahe der Grenze zu Pakistan und den Tora-Tora-Bergen, in denen sich Kämpfer der gefürchteten Terrormiliz IS breitgemacht haben.

Die verheerende Bilanz seit dem Abzug der meisten ausländischen Truppen Ende 2014 stimmt wenig zuversichtlich. Die Regierung unter Präsident Aschraf Ghani kontrolliert noch rund 60 Prozent des afghanischen Territoriums. Weitere 30 Prozent gelten als heftig umkämpft. Rund 700 000 Afghanen haben ihre Heimat bereits verlassen. Weitere 450 000 – hauptsächlich Bewohner der ländlichen Regionen – dürften noch im Laufe des Jahres ihre Dörfer aus Angst um ihr Leben verlassen. Es droht ein massiver Anstieg an Binnenflüchtlingen in einem Land, das sozial, wirtschaftlich und politisch schwächelt. Zum Beispiel das Bruttoinlandprodukt beträgt nur 2000 Dollar pro Kopf im Land mit seinen 33 Millionen Einwohnern.

Knapp 2200 Zivilisten wurden nach Angaben der UNO-Mission in Afghanistan allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres getötet oder verletzt. Nicht eingerechnet sind dabei jene 150 afghanischen Todesopfer und mehr als 400 Verletzten des Autobombenanschlags Ende Mai, bei dem unter anderem das Hauptgebäude der Deutschen Botschaft in Kabul verwüstet worden war.

Bessere Ausrüstung für die Luftwaffe

Rund 320 000 afghanische Soldaten und Polizisten hat der Westen bislang ausgebildet. Jetzt will die Nato wieder eigene Soldaten entsenden. General Dawlat Waziri, Sprecher des afghani- schen Verteidigungsministeriums, setzt aber auch weiterhin auf einheimische Sicherheitskräfte: «Unsere Kommandoeinheit soll verdoppelt werden.»

Die bislang rund 30 000 Mann starke Truppe aus Elitekämpfern befindet sich seit dem Nato-Abzug im Dauereinsatz, um die radikalislamischen Taliban aus den unzähligen Brennpunkten im Land zu vertreiben. Ausserdem soll Afghanistans Luftwaffe besser ausgerüstet werden. Die zusätzlichen US-Truppen und Nato-Soldaten werden aber auch mit Artillerie und Flugzeugen stärker in dem Konflikt eingreifen als bislang.

Eine destabilisierende Rolle spielt derweil Saudi-Arabien, das in Pakistan und Afghanistan grosszügig Gelder an sunnitische Extremisten verteilt. Diese versprechen im Gegenzug, Saudi-Arabien im Kampf gegen den schiitischen Iran zu unterstützen. Der heimliche Geldsegen wird nicht nur unabsehbare Folgen für Pakistan haben. Die Hazara, die Schiiten in Afghanistan, die rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, dürften noch stärker ins Visier der sunnitischen Extremisten geraten. Der fest am Hindukusch etablierte sogenannte Khorasan-Ableger des IS betrachtet Afghanistan schon länger als privates Jagdgebiet auf Schiiten.

Jagd auf Terroristen

Afghanistan und Pakistan werden gemeinsam mit Militäroperationen gegen islamistische Milizen in ihrem Grenzgebiet vorgehen. Ein entsprechendes Abkommen bestätigte gestern ein Sprecher des Präsidentenpalasts in Kabul. In den gebirgigen Arealen verstecken sich sowohl bewaffnete Islamisten, die Afghanistan angreifen, als auch extremistische Gruppen, die es auf den pakistanischen Staat abgesehen haben. Das Abkommen wurde vom US-Senator John McCain vermittelt. Das Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan ist extrem angespannt. Beide werfen einander die Unterstützung von Terroristen vor. (sda)

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