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AFGHANISTAN: «Ohne Drogen wäre dieser Krieg vorbei»

Die Taliban sind so stark wie seit Ausbruch des Krieges 2001 nicht mehr, sie scheinen militärisch unbesiegbar. Ihre Geheimwaffe im Kampf gegen Kabul und seine amerikanischen Verbündeten: Heroin.
Ulrike Putz, Singapur
Afghanische Bauern gewinnen Opium aus der Mohnblume. Die Drogeneinnahmen machen mittlerweile 60 Prozent des Budgets der radikalen Taliban aus. (Bild: Ghulamullah Habibi/EPA (Dschalalabad, 1. Mai 2014))

Afghanische Bauern gewinnen Opium aus der Mohnblume. Die Drogeneinnahmen machen mittlerweile 60 Prozent des Budgets der radikalen Taliban aus. (Bild: Ghulamullah Habibi/EPA (Dschalalabad, 1. Mai 2014))

Ulrike Putz, Singapur

Glaubt man dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, dann gibt es vor allem einen Grund, warum der Krieg in seinem Heimatland auch in seinem siebzehnten Jahr blutig weitertobt: «Heroin», sagte Ghani kürzlich. «Das ist der Treibstoff, der den Krieg vorantreibt. Ohne Drogen wäre dieser Krieg längst vorbei.»

Der Guerilla-Krieg der radikalislamischen Taliban gegen die Regierung und deren westliche Verbündete wird in grossen Teilen durch Rauschgifthandel finanziert. Opiumanbau macht Analysten zufolge weit über 60 Prozent des Budgets der Taliban aus, Tendenz steigend. Weil die Extremisten immer mehr Territorium unter ihre Gewalt brächten, würden immer grössere Flächen Afghanistans mit bunt blühendem Mohn bestellt, aus dessen Harz Opium hergestellt wird. Allein von 2016 auf 2017 sei die Anbaufläche von der botanisch Papaver Somniferum genannten Pflanze um 63 Prozent gestiegen, warnte die UNO im November. Der Ertrag habe sich dank moderner Anbautechniken – solarbetriebenen Wasserpumpen und importiertem Dünger – im selben Zeitraum um 87 Prozent erhöht. Mit 9000 Tonnen habe Afghanistan 2017 mehr Opium geerntet als jemals zuvor, so die UNO. In 24 der 34 Provinzen Afghanistans werde nun Mohn angebaut.

Ganze Produktionskette in der Hand der Taliban

Begnügten die Taliban sich lange damit, Schutzgeld von Mohnbauern zu erpressen, agieren die Radikalislamisten in­zwischen als eine Art Drogenkartell, das vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Export alle Phasen des blühenden Geschäfts kontrolliert. Wo noch vor wenigen Jahren das rohe Harz ins Ausland geschmuggelt wurde, betreiben Handlanger der Taliban heute Labors, in denen Opium zu Heroin und Morphium raffiniert wird. Über die Hälfte der Ernte wird inzwischen in Afghanistan selbst verarbeitet: Das steigert die Gewinne der Extremisten und sichert ihnen einen ­anschwellenden Geldfluss in die Kriegskasse. Der Drogensektor in Afghanistan erwirtschaftete im vergangenen Jahr rund 3 Milliarden Dollar – das sind 16 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Der Opium-Boom nahm mit dem Abzug vieler internationaler Truppen Ende 2014 Fahrt auf. Seitdem sind weite Teile des Landes de facto rechtsfreier Raum. Die BBC berechnete jüngst, dass die Taliban in über 65 Prozent des Landes offen und weitgehend ungestört agieren können. Die Hälfte der Bevölkerung lebe in von den Extremisten dominierten Gebieten. Die Taliban gingen aus den afgha­nischen Mudschaheddin hervor. Diese kämpften – unterstützt vom Westen – in den 1970er-Jahren gegen die russischen Besatzungstruppen in Afghanistans. Nach Abzug der Russen setzten sich die 1994 gegründeten Taliban in einem ­blutigen innerafghanischen Machtkampf durch und etablierten eine islamistische Diktatur. Ihre Herrschaft endete erst 2001, als die Amerikaner nach den Anschlägen vom 11. September in Afghanistan einmarschierten, um Osama bin ­Laden zur Strecke zu bringen.

472 Anschläge in einem Monat

Heute fragen sich viele Afghanen, was US-Soldaten sieben Jahre nach dem Tod bin Ladens noch am Hindukusch verloren haben. Die überaus schlechte Figur, die die als korrupt und unfähig geltende Regierung in Kabul abgibt, lässt viele an den Vorzügen der Demokratie zweifeln. Die Taliban, die sich als die tugendhafte, nationalistische Alternative zu dieser vom Westen verordneten Staatsform präsentieren, haben deshalb Zulauf.

Attraktiv werden die Radikalen auch dadurch, dass sie dank des Opiums das Geld haben, neuen Rekruten mehrere Hundert Franken Sold im Monat zu zahlen. In dem von einer Wirtschaftskrise gebeutelten Land ein grosser Anreiz, die Waffe in die Hand zu nehmen. Und so wächst die Zahl der Taliban mit dem Mohn: Gingen Beobachter 2014 von 20000 Kämpfern aus, wird die Truppenstärke der Islamisten heute auf über 60000 geschätzt. Die Taliban setzen das Drogengeld auch für politische Zwecke ein. Sie betreiben Religionsschulen für Buben und Spitäler und erkaufen sich bei den Bürgern Sympathien. Dass der Zentralstaat weder die Ausbildung der Jugend noch die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung garantieren kann, spielt ihnen dabei in die Hände.

Ziel der Taliban ist es, Afghanistan unregierbar zu machen und das System zum Einsturz zu bringen. Sie hoffen, sich nach dem Zusammenbruch wieder als islamische Herrscher etablieren zu können. Zu diesem Zweck überziehen sie das Land mit einer Welle der Gewalt, allein im Januar verübten sie 472 Anschläge. Bei einem Attentat in Kabul, bei dem ein Krankenwagen zur rollenden Bombe umgebaut wurde, kamen am 27. Januar über 100 Menschen ums Leben. Eine Woche vorher waren bei einem Überfall auf des Intercontinental Hotel 22 Menschen getötet worden. Über 18 000 Afghanen sind seit Anfang Jahr vor der Gewalt aus ihren Dörfern geflohen.

Geld oder Frieden?

Die Regierung steht angesichts dessen unter grossem Druck. Obwohl sie von 14000 US-Soldaten unterstützt werden, verlieren die Streitkräfte an Territorium. Das ohnehin schüttere Vertrauen der ­Bevölkerung in ihre Regierung schmilzt dahin. Vor zehn Tagen unterbreitete Präsident Ghani bei einer internationalen Friedenskonferenz in Kabul den Taliban deshalb das Angebot, ohne Vorbedingun­gen Friedensverhandlungen führen zu wollen. Bislang galt ein Gewaltverzicht der Taliban als Bedingung für Gespräche. Ghani offerierte den Radikal­islamis­ten nicht nur eine Waffenruhe und die Anerkennung als politische Partei, sondern schlug auch eine Amnestie und die Überarbeitung der Verfassung vor.

Die Taliban haben sich bislang nur indirekt, aber ablehnend zu dem Vorschlag geäussert. Die Islamisten sähen angesichts des Opium-Booms wenig Anreiz, die für sie gewinnbringende Situation zu ändern, sagte ein hoher afghanischer Regierungsbeamter kürzlich der «New York Times»: «Wenn ein lokaler Taliban-Kommandeur, der weder lesen noch schreiben kann, derzeit eine Million Dollar im Monat verdient, was kann der Frieden ihm dann bieten?»

Bild: Grafik: LZ

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