AFRIKA: «Bereits mit einem Lächeln ist viel getan»

Auma Obama? Genau: Die Frau ist verwandt mit dem US-Präsidenten. Sie will benachteiligten Kindern eine Stimme geben. Jenen, die für ihre Stiftung spenden, hat sie einen besonderen Rat.

Interview Simon Benz, Malta
Drucken
Teilen
Auma Obama empfindet ihren Nachnamen heute nicht mehr als Nachteil. «Der Nachname Obama öffnet mir Türen», sagt sie. (Bild: Getty)

Auma Obama empfindet ihren Nachnamen heute nicht mehr als Nachteil. «Der Nachname Obama öffnet mir Türen», sagt sie. (Bild: Getty)

Mit ihrer Stiftung Sauti Kuu gibt Auma Obama, die Schwester von US-Präsident Barack Obama, benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Kenia eine Stimme. Mit verschiedenen Projekten will sie deren Potenzial wecken und nachhaltig stärken. Im Rahmen der Generalversammlung des Schweizer Reise-Verbandes (SRV) auf Malta brachte Auma Obama den Vertretern der Reisebranche das Thema Nachhaltigkeit näher.

Auma Obama, Sie sind Botschafterin für Kenia und ganz Afrika. Was ist der Kern Ihrer Arbeit?

Auma Obama: In erster Linie möchte ich durch meine Arbeit die Entwicklung der Menschen vor Ort vorantreiben – vor allem die wirtschaftliche Entwicklung. Es geht um den gegenseitigen ehrlichen Umgang miteinander, die Menschen in Afrika und Europa müssen auf Augenhöhe miteinander reden. Mir ist die gemeinsame Verantwortung wichtig, unabhängig von der Herkunft der Menschen.

Was verstehen Sie unter «gemein­samer Verantwortung»?

Obama: Ich möchte nicht, dass sich die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, als Opfer sehen oder als solche gesehen werden. Andererseits möchte ich nicht, dass die Helfer und Mitarbeitenden ein schlechtes Gewissen haben, weil sie wohlhabender sind oder befürchten, dass ihre Arbeit nichts bringt. Diese Diskrepanz zwischen den vermeintlich Starken und Schwachen will ich abbauen, denn nur so kann man zusammenarbeiten.

Was wird Ihrer Meinung nach mehr benötigt – Aufbauarbeit in Kenia oder Aufklärungsarbeit im Westen?

Obama: Wir arbeiten auf beiden Seiten mit jungen Menschen und versuchen, ihre Mentalität gegenseitig zu sensibilisieren. Das sind langfristige, aber sehr wichtige Projekte, denn irgendwann sitzen diese Menschen gemeinsam an einem Konferenztisch oder bilden unsere Regierungen. Die Veränderungen in der Zukunft kommen nicht von alleine, wir müssen heute etwas dafür tun.

Wird Ihre Stiftung Sauti Kuu eigentlich auch von der kenianischen Regierung unterstützt?

Obama: Nein, und zwar weil wir diese Unterstützung derzeit nicht suchen. Die Regierung, aber auch viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) unterstützen Programme, die in den meisten Fällen stark von zeitlich wie auch finanziell befristeten Spenden abhängig sind. Unser Modell ist aber längerfristig ausgelegt. Wir arbeiten zum grossen Teil mit Partnern, die uns über längere Zeit begleiten. Obwohl das Geld wichtig ist, stellen wir es nicht in den Vordergrund. Im Vordergrund steht die Partnerschaft und die Zusammenarbeit auf Dauer. Nur so können unsere Programme nachhaltig sein.

Sie sind die Schwester von US-Präsident Barack Obama. Ist dies bei Ihrer Tätigkeit ein Vorteil oder eher eine Bürde?

Obama: Am Anfang wusste ich nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte, doch inzwischen sehe ich das als Segen. Der Nachname Obama öffnet mir Türen und verschafft mir Plattformen, wo ich stellvertretend für die, die keine solche Plattform haben, wichtige Themen anspreche. Ich kann somit Türen für andere öffnen. Ohne meinen Namen hätte ich diese Möglichkeit nicht gehabt. Ich weiss es heute sehr zu schätzen.

Sie traten vergangenen Freitag im Rahmen der Generalversammlung des Schweizer Reise-Verbandes vor den wichtigsten Akteuren der Schweizer Reiseindustrie auf. Haben Sie ihnen ins Gewissen geredet?

Obama: Ich habe das Gefühl, dass ich sie herausgefordert habe, darüber nachzudenken, welche Reisen sie ihren Kunden anbieten und wie diese Angebote in das Geschehen innerhalb der Zielgebiete integriert werden können. Innerhalb der Zielgebiete sind die Angebote oftmals austauschbar, zum Beispiel in der Hotellerie. Dabei geht es doch auf Reisen um das Aha-Erlebnis, welches die Gäste dazu animiert, das nächste Jahr wiederzu- kommen.

Werden sich die Veranstalter nun mehr Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit machen?

Obama: Ich denke schon – die Frage ist nur, wie, denn das ist gar nicht so einfach. Man muss geduldiger arbeiten, und es braucht viel Aufklärungsarbeit. Doch die Verantwortung beginnt ja nicht beim Veranstalter oder beim Reisebüro, sondern bei jedem Einzelnen. Mit jedem noch so kleinen interkulturellen Austausch, sei es nur ein Lächeln auf der Strasse, ist schon viel für die gegenseitige Integration getan.

Tut die Reiseindustrie genug für die von Ihnen angestrebte Nachhaltigkeit?

Obama: Ich spüre, dass man sich Gedanken darüber macht. Es geht letztlich darum, das Gleichgewicht zu finden zwischen dem, was man tun möchte und dem, was man tun kann. Die Reise­anbieter sollten aber vor allem ihre Angst vor dem Fremden abbauen, gerade in exotischen Ländern.

Aber am Ende des Tages fragt sich in der Wertschöpfungskette doch jeder: «Was liegt für mich drin»?

Obama: Ich finde es sehr gut, wenn diese Frage gestellt wird, denn sie steigert die Motivation, und man beginnt zu handeln. Das Schlimmste ist eine passive Haltung – und es gibt heute schon genug Menschen, die nichts tun und keine Lust oder Motivation haben, um etwas zu bewegen. Es ist unter anderem auch unsere Aufgabe, den Menschen zu zeigen, dass es sich lohnt, zu handeln. Wer heute zu einem Teil der Wertschöpfungskette werden will, darf nicht von Spenden abhängig sein, sondern muss mit seiner Arbeit auch Geld verdienen können. Dabei ist eine Frage ganz zentral: Was kann ich machen mit den Ressourcen, die ich habe?

Im Bereich Nachhaltigkeit wird viel mit Zertifizierungen gearbeitet. Ist diese Vorgehensweise Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Obama: Ein Stempel im Katalog an sich sagt nur wenig aus. Wichtig ist, für wen diese Zertifizierungen sind und was sie genau beinhalten. Ich hätte gerne, dass das einmalige Erlebnis, das Kennenlernen von Natur, Kultur und der Menschen vor Ort Teile solcher Zertifizierungen sind. Die Kriterien für Nachhaltigkeitsauszeichnungen dürfen nicht nur auf die Bedürfnisse der Europäer zugeschnitten sein.

Touristen wollen zwar ferne Länder bereisen, teilweise aber dennoch heimische Standards in den Hotelzimmern und beim Essen vorfinden. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Obama: Eine solche Entwicklung ist natürlich sehr schade. Wenn dies in der Branche eine Nachfrage ist, ergibt das für uns natürlich eine schwierige Situation. Wir müssen die Leute dazu animieren, mutig zu sein und etwas Neues auszuprobieren.

Was würden Sie der Schweizer Reisebranche gerne für die Zukunft mit auf den Weg geben?

Obama: Grundsätzlich möchte ich die Branche wie auch die Konsumenten zu engagierteren Reisen animieren. Sie sollen den Umgang mit den Menschen in den Ländern suchen, in denen sie reisen. Gegenüber dem Luxus sieht man (beim Vorbeifahren) auch viel Armut. Man kann sich auch im Urlaub engagieren, ein Projekt unterstützen. Allen Menschen, die uns mit Spenden helfen, sagen wir bei Sauti Kuu: Follow your money – macht Ferien in den Reisezielen, für welche ihr gespendet habt, und schaut, was mit eurem Geld gemacht wird.