Afrikas wirtschaftsstärkstes Land wählt einen neuen Präsidenten

Nigeria wählt diesen Samstag einen neuen Präsidenten. Die Lage ist nicht zuletzt wegen des Konflikts um die Gotteskrieger von Boko Haram angespannt. Beobachter fürchten im westafrikanischen Land Gewaltausbrüche.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Anhängerinnen des nigerianischen Oppositionsführers Atiku Abubakar bei einer Wahlveranstaltung in Lagos. (Bild: Sunday Alamba/AP (12. Februar 2019))

Anhängerinnen des nigerianischen Oppositionsführers Atiku Abubakar bei einer Wahlveranstaltung in Lagos. (Bild: Sunday Alamba/AP (12. Februar 2019))

Sie müssen draussen schlafen. Frauen, Kinder, ganze Familien. Wo sie den nächsten Schluck Wasser herbekommen, wissen sie nicht. Und auch um die medizinische Versorgung sieht es düster aus für jene 37 000 Nigerianer, die vor den Kämpfern der Terrormiliz Boko Haram ins benachbarte Kamerun geflohen waren. An diesem Samstag wählt Nigeria einen neuen Präsidenten. Während eine Rekordzahl von 84 Millionen Nigerianern ihre Stimmen abgeben, steht für die meisten Geflohenen fest: Sie bleiben im Nachbarland. In ihren Köpfen sind immer noch die Bilder von Leichen in den Strassen – und die Ungewissheit, wann das nächste Blutbad stattfindet.

«Afrikas grosser Bruder» wird Nigeria von manchem Beobachter genannt. Es ist der wirtschaftsstärkste und bevölkerungsreichste Staat am Kontinent. Jetzt geht es darum, wer in der regionalen Supermacht für die nächsten vier Jahre die Richtung vorgibt. Die Lage ist entsprechend angespannt. «In Nigeria sind Wahlen eine heikle und brutale Angelegenheit», sagt Sampson Kwarkye, Politologe am Institut für Sicherheitsstudien (ISS). Deshalb müsse man auf einen friedlichen Übergang hoffen. Obwohl kein Kan­didat als Unruhestifter gesehen werden wolle, könnte ein knappes Ergebnis zu Gewalt führen.

Fundamentalisten wollen Scharia einführen

Bereits in der Vergangenheit kam es nach Urnengängen zu mehreren hundert Toten. Im aktuellen Wahlkampf beschuldigt die Regierung die oppositionelle Demokratische Volkspartei (PDP), Anarchie zu schüren. Die grösste ­Oppositionsbewegung wiederum unterstellt dem regierenden Progressiven Kongress (APC), den Wahlausgang manipulieren zu wollen. Ins Rennen gingen diesmal – ungewöhnlich für Nigerias «Big Man»-Politik – etliche Exoten, etwa eine Bloggerin, ein Ex-Zentralbankdirektor oder ein Menschenrechtsaktivist. Jedoch haben sie kaum eine Chance gegen Präsident Muhammadu Buhari und dessen Rivalen Atiku Abubakar. Der Amtsinhaber und der Oppositionsführer machen das Rennen unter sich aus. Buhari regiert seit vier Jahren und hofft nun auf eine zweite Amtszeit. Abubakar ist Geschäftsmann und konnte bereits Erfahrung als Vizepräsident (1999–2007) sammeln.

Auf den künftigen Staatschef wartet eine Reihe politischer Brände. Der heisseste davon: die fragile Sicherheit in Teilen des Landes. Seit 2009 terrorisieren die Fundamentalisten der Boko Haram Nigeria. Die Miliz, deren Name «Westliche Bildung ist verboten» bedeutet, kämpft für die Einführung der Scharia. Im Nordosten kontrollieret sie weite Gebiete und hält die Bevölkerung als Geisel. Im vergangenen Monat griffen die Terroristen die Grenzstadt Rann an, brannten Häuser nieder, töteten mindestens 60 Menschen. Amnesty International sprach vom «tödlichsten Angriff bis dato».

Buhari war 2015 mit einem Vertrauensvorschuss an die Macht gekommen. Er hatte den konfliktmüden Nigerianern versprochen, die Terrormiliz zu besiegen. Bisher war seine Mission nicht von Erfolg gezeichnet. In den letzten Wochen verschwand Buhari dann von der Bildfläche, flog für eine Behandlung nach London. In der Hauptstadt Abuja brodelte bald darauf die Gerüchteküche: Lebt der Staatschef noch? Verschwörungstheoretiker waren überzeugt, der Präsident sei durch einen Doppelgänger ­ersetzt worden. Laut Sicherheitsexperte Kwarkye brauche es mehr Engagement, um die Terroristen zu besiegen. «Für eine Lösung muss die neue Führung über den Tellerrand schauen.»

Eng verbunden mit dem blutigen Gottesglauben ist Armut. Knapp jeder vierte Nigerianer hat keinen Job. Die Wirtschaft ist ­gezeichnet von hoher Jugendarbeitslosigkeit und Not. Das spielt Oppositionskandidat Abu­bakar als Geschäftsmann in die Hände. Vor allem im vernachlässigten Norden, dem Geburtsort der Boko Haram, gilt es für den nächsten Präsidenten, Arbeitsplätze zu schaffen. Denn Experten sind sich einig: Ohne Entwicklung, Bildung und wirtschaftliche Chancen bleibt die Boko Haram für junge Nigerianer eine attraktive Alternative.

Schwieriger Kampf gegen Korruption

Entsprechend muss Nigerias nächster Präsident auch gegen Korruption vorgehen, laut Präsident Buhrai «die schwierigste Aufgabe». Bestechung und Vetternwirtschaft greifen im Schwellenstaat weiter um sich, vom Polizisten bis in die höchsten politischen Ämter. Auch Abubakar soll während seiner Zeit als Vizepräsident Millionen veruntreut haben – eine Anschuldigung, für die er sich in Nigeria bislang nicht vor Gericht verantworten musste.

Armut, Gewalt, Flucht – und jetzt auch politisches Tauziehen. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) erlebt seit Jahren die Konsequenzen dieser Mischung mit. Nach dem Angriff auf die Grenzstadt Rann unterstützt sie die Vertriebenen mit Wasser und medizinischer Hilfe. «Die Arbeit von MSF im Nordosten ­Nigerias wird durch die prekäre Sicherheitslage und die Tatsache, dass viele Regionen für MSF und andere Organisationen nicht zugänglich sind, massiv erschwert», sagt MSF-Sprecherin Louisa Bühler. Auch die humanitären Helfer würden immer wieder Opfer der Gewalt. Aber den wahren Preis des Konflikts bezahle das Volk.

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