Afrikas Kampf gegen Plastik

Afrikas Mittelschicht wächst. Was sich positiv anhört, schafft gleichzeitig neue Probleme für die Umwelt. Gefährliche Begleiterscheinung des Aufschwungs: Tonnen an Plastikabfall. Doch es gibt Hoffnung.

Markus Schönherr, Kapstadt
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In Nairobi sucht eine Frau auf einem Abfallberg nach verwertbarem Plastik. (Bild: Daniel Irungu/EPA; 4. Juni 2019)

In Nairobi sucht eine Frau auf einem Abfallberg nach verwertbarem Plastik. (Bild: Daniel Irungu/EPA; 4. Juni 2019)

Anflug auf Dar es Salaam: Wer seit Samstag in der tansanischen Metropole landet, muss sich auf zusätzliche Kontrollen gefasst machen. Gesucht wird neben Drogen und Schmuggelware ab sofort auch – nach Plastiktüten. Besucher des Nachbarlands Ruanda kennen das Prozedere; in dem ostafrikanischen Staat sind Kunststoffbeutel schon seit zehn Jahren verboten. Der Bann ist Teil von Afrikas Kampf gegen Plastikabfall, den immer mehr Staaten am Kontinent aufnehmen.

Südafrika hat die zweitstärkste Wirtschaft am Kontinent. Trotzdem liegt der Plastikverbrauch seiner Bewohner mit 40 Kilo pro Jahr bei weniger als der Hälfte der Westeuropäer (100 Kilo). Klingt nach ausgeprägtem Umweltbewusstsein. Tatsächlich aber landet ein Grossteil des Kunststoffabfalls in der Natur, wo er Fischen, Vögeln, Walen und Schildkröten zum Verhängnis wird – und als Mikroplastik in die Nahrungskette gelangt.

In den Haushalten wird kaum recycelt

Gerade einmal 16 Prozent des Plastikabfalls werden in Südafrika recycelt. Damit ist die Kaprepublik am Kontinent nicht allein, erklärt Nhlanhla Sibisi, Klimaaktivist bei Greenpeace in Johannesburg. «Das Bewusstsein für Abfallmanagement ist in Afrika kleiner als in Europa oder den USA. Es beginnt an der Quelle, also den Haushalten, wo kaum jemand recycelt.» Die Folge ist ein stinkendes Mosaik aus Plastik, Metall und Bioabfall – dampfende Güselberge am Rande vieler Grossstädte, die Bewohner und Umwelt belasten.

Doch es gibt Hoffnung. «Afrika hat in den letzten Jahren aktiv daran gearbeitet, die Produktion und den Verbrauch von Einwegplastik einzuschränken. Das zeigt sich etwa daran, dass 34 Staaten Plastiktüten gesetzlich regulierten oder komplett verbannten», sagt Lorren de Kock, Expertin für Kunststoffverwertung beim WWF in Kapstadt. Ruanda, Südsudan, Burundi und seit 1. Juni auch Tansania – in Ostafrika scheint sich eine Allianz gegen Plastiktüten gebildet zu haben. Am rigorosesten geht Kenia vor: Wer hier Plastiktüten herstellt, verkauft oder auch nur damit erwischt wird, dem drohen bis zu vier Jahre Gefängnis oder eine Höchststrafe von 40 000 US-Dollar.

Kampagne in den sozialen Medien

Das verdanken die Kenianer diesem Mann: Der einheimische Fotograf James Wakibia wollte nicht länger mit ansehen, wie seine Heimatstadt Nakuru mit Plastik zugemüllt wird. 2015 startete er deshalb eine Kampagne in den sozialen Medien. «Dieser Plastiktütenbann ist der Weg der Zukunft», ist der 36-Jährige überzeugt.

Was trotz Tüten-Verbot bleibt, ist das Problem von Einwegplastik: auch Getränkeflaschen, Strohhalme und Plastikbesteck belasten Afrikas Küsten und die Weltmeere. Hier kommen Plastikpioniere wie Sam und Dom Moleta ins Spiel. Das junge Paar eröffnete im Frühjahr Johannesburgs ersten plastikfreien Supermarkt, nachdem sie selbst einen Monat komplett auf Plastik verzichtet hatten. Ihre Kunden sind aufgerufen, Becher und Glasflaschen mitzubringen, um die Waren im Laden selbst abzufüllen.

Am Kap hat ein Umdenken begonnen. Selbst die schicken Strandcafés setzen nun vermehrt auf Strohhalme aus Wachspapier und Supermärkte auf Recycling-Tüten. WWF-Expertin de Kock warnt dennoch vor einer tickenden Zeitbombe: «Afrika ist ein Entwicklungskontinent mit einer wachsenden Mittelklasse. Das führt dazu, dass immer mehr abgepackte Produkte in Supermärkten gekauft werden.» Von den Regierungen wünscht sie sich nicht ausschliesslich Verbote. Die hätten, etwa in Kenia, zu «Schwarzmärkten» für Plastiktüten geführt. Stattdessen brauche man raffinierte Lösungen.