Aids-Krise liefert Millionen Südafrikaner dem Corona-Virus aus

Nur neun Prozent der Südafrikaner sind älter als 60. Auf den ersten Blick sollte das die Risikogruppe für das Corona-Virus schmälern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Schuld daran ist die Aids-Epidemie, mit der das Schwellenland seit Jahrzehnten kämpft – und die nun acht Millionen Menschen erneut in Gefahr bringt.

Markus Schönherr aus Kapstadt
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Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize (mitte) vor unbekanntem Terrain: Wie reagieren die 8 Millionen HIV-Erkranken im Land auf das Corona-Virus?

Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize (mitte) vor unbekanntem Terrain: Wie reagieren die 8 Millionen HIV-Erkranken im Land auf das Corona-Virus?

Bild: AP

Südafrika betritt «Neuland», titelte diese Woche das südafrikanische Gesundheitsmagazin «Bhekisisa». Während das Corona-Virus derzeit die ganze Welt vor Fragen stellt, sei das Land am untersten Zipfel Afrikas das «erste Land, das mit dem neuen Virus und gleichzeitig einer grossen Belastung durch HIV und Tuberkulose kämpft.»

Knapp acht Millionen Südafrikaner leben mit dem HI-Virus. Das entspricht etwa jedem siebten Erwachsenen. Noch ist völlig unklar, wie eine derart grosse Bevölkerungsgruppe mit einem bereits geschwächten Immunsystem auf das Corona-Virus reagiert. Doch Experten schlugen in den vergangenen Tagen vermehrt Alarm.

Bisher war in der Kaprepublik nicht das Elend in den Townships, sondern die Mittel- und Oberschicht das Gesicht des Corona-Virus. Zunächst waren alle bestätigten Covid-19-Fälle in Südafrika aus Europa importiert. Die Erkrankten waren in den vergangenen Wochen nach Italien, Deutschland, Österreich, Portugal, in die Schweiz und die Türkei gereist, wo sie sich ansteckten. Seit dem Wochenende scheinen aber auch lokale Ansteckungen am Vormarsch.

Einreiseverbot aus Europa

Am Donnerstag gab es 62 Infizierte. Shabir Madhi, Experte für Infektionskrankheiten an der Universität Witwatersrand bei Johannesburg, nannte die Erwartung, dass von dem Virus nur Globetrotter betroffen blieben, «hoch optimistisch». Am Sonntag verkündete Präsident Cyril Ramaphosa die Schließung von Schulen sowie ein Einreiseverbot aus mehreren europäischen Ländern.

Wie HIV-Patienten auf das Virus reagieren, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) beschwichtigt: «Wir müssen hervorheben, dass es derzeit keinen eindeutigen Beweis dafür gibt, dass Menschen, die mit HIV leben, einem massgeblich höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, oder dass Infizierte einen schlechteren Ausgang zu befürchten hätten», so Direktorin Winnie Byanyima letzte Woche.

Dürfen wir vom Coronavirus etwas anderes erwarten? Die Antwort lautet leider Nein

Professor Madhi ist pessimistischer. Zwar unterstreicht auch er, dass es noch keinerlei Erfahrung mit dem Coronavirus in Kombination mit anderen Virenerkrankungen gebe. «Aber man kann eine wohl begründete Vermutung anstellen, basierend auf unserer Erfahrung mit Influenza», sagte er dem Radiosender «702». Ihm zufolge sei das Risiko eines HIV/Aids-Erkrankten, an einem Grippevirus zu sterben, 200-mal höher als das eines gesunden Menschen. Diese Zahl nehme deutlich ab, wenn der Patient seinen HIV-Status kenne und eine Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten starte. Doch selbst dann sei sein Sterberisiko 44-mal so hoch wie das eines Gesunden. «Dürfen wir vom Coronavirus etwas anderes erwarten? Die Antwort lautet leider Nein», wird Madhi zitiert.

40 Prozent kennen ihren Status nicht

Südafrika erzielte in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte im Kampf gegen die HIV/Aids-Epidemie. So hat der Schwellenstaat etwa das grösste Therapieprogramm der Welt; mehr als vier Millionen Südafrikaner erhalten kostenfrei Medikamente von der Regierung und Hilfsorganisationen. Ein Problem bleiben aber jene Südafrikaner, die ihren HIV-positiven Status nicht kennen und daher noch keine antiretrovirale Therapie begonnen haben. Laut Schätzungen der Regierung in Pretoria sind das immerhin 40 Prozent der Betroffenen.

Aids-Aktivisten riefen diese Woche daher vor allem Risikogruppen auf, sich angesichts der Corona-Pandemie einem HIV-Test zu unterziehen. Ian Sanne von der Gesundheitsorganisation Right to Care: «Jetzt ist es Zeit, seinen Status zu kennen und eine Therapie zu beginnen.»

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