AIDS: «Weit weg davon, Aids im Griff zu haben»

35 Millionen Menschen sind weltweit mit dem HI-Virus infiziert. Das ist kein Todesurteil mehr. Prävention und Therapien zeigen Wirkung.

Pirmin Bossart
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Passanten auf der Princess Bridge in Melbourne vor dem Logo der Aids-Konferenz 2014. Die Konferenz begann am Samstag und wird vom Flugzeugunglück über der Ukraine überschattet. Zahlreiche Konferenzteilnehmer waren in der abgestürzten Maschine. (Bild: Keystone)

Passanten auf der Princess Bridge in Melbourne vor dem Logo der Aids-Konferenz 2014. Die Konferenz begann am Samstag und wird vom Flugzeugunglück über der Ukraine überschattet. Zahlreiche Konferenzteilnehmer waren in der abgestürzten Maschine. (Bild: Keystone)

Als vor 30 Jahren die ersten Aids-Fälle auftraten und innert Kürze rasant zunahmen, standen die Fachleute vor einem Rätsel. Eine unheimliche und mysteriöse Krankheit, von der zunächst vor allem Homosexuelle betroffen waren, verbreitete sich zunehmend in der Bevölkerung. «Die Leute starben weg wie Fliegen», sagt Daniel Seiler, Geschäftsführer Aids-Hilfe Schweiz.

Verglichen mit den ersten Jahren, in denen sich das HI-Virus epidemieartig ausbreitete und überhaupt keine Medikamente zur Verfügung standen, ist die Situation heute wesentlich entschärft. In der weltweiten Optik ist die Ausgangslage aber noch viel zu heterogen und das Therapiegefälle zwischen armen und reichen Ländern viel zu gross, um bereits von einem absehbaren Ende der HIV-Infektion träumen zu können.

Trendwende

Trotzdem darf man in den letzten Jahren in der Bekämpfung von HIV/Aids von einer Trendwende sprechen: Sowohl bei den Ansteckungen wie auch bei den Todesfällen sind die Zahlen in der Tendenz rückläufig. Ende der 1980er-Jahre gab es in der Schweiz über 3000 Neuansteckungen pro Jahr, heute sind es noch 575. Und wer eine Therapie macht, kann mit dem Virus leben. «Das gibt Anlass zu Hoffnung», sagt Roger Staub, Leiter Sektion Aids beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Aber wir sind weit weg davon, deswegen Aids im Griff zu haben.»

35 Millionen Menschen sind weltweit mit dem HI-Virus infiziert. Fast 25 Millionen davon leben in Afrika südlich der Sahara. Nach UNO-Angaben wurden 2013 gut 70 Prozent aller weltweiten Neuansteckungen in dieser Region verzeichnet. Angestiegen sind die Neuinfektionen auch im Nahen Osten (seit 2005 wurden dort 66 Prozent mehr Todesfälle verzeichnet) und in Osteuropa. Ein Grossteil der Betroffenen lebt laut UNO-Angaben in der Ukraine und in Russland.

Verschärfend wirken sich in vielen Regionen, die von einer Zunahme der HIV-Infektion betroffen sind, die wachsenden Drogenszenen aus, wie sie etwa in Osteuropa zu beobachten sind. «Dort gibt es keine adäquate Drogenpolitik mit Spritzentausch, wie sie in der Schweiz seit den 1980er-Jahren erfolgreich eingeführt worden ist», sagt Staub. Das schlägt sich auch statistisch nieder: Eine Ansteckung über mehrfach gebrauchte Spritzen ist in der Schweiz praktisch nicht mehr existent.

Zugang zu Therapie

International ein grosses Problem, um Aids besser in den Griff zu bekommen, ist der ungenügende Zugang zur Therapie, sei es wegen der hohen Kosten, sei es weil man vielerorts noch kulturell bedingte Hemmungen hat, zum Arzt zu gehen, oder Gefahr läuft, als Aids-Kranker von der Gesellschaft stigmatisiert zu werden. Zwar werden auch hier Jahr für Jahr kleine Verbesserungen erreicht, aber von den 35 Millionen Menschen mit einer HIV-Infektion haben laut der aktuellen UNO-Statistik nur 22 Millionen Zugang zu notwendigen Medikamenten. Die Zahl der Aids-Toten und der Neuinfektionen ist in den letzten zehn Jahren um einen Drittel zurückgegangen. Nach UNO-Angaben wurden vor allem auch bei Kindern Neuinfektionen verhindert. 2002 steckten sich 580 000 Kinder mit dem Virus an, letztes Jahr waren es noch 240 000 Kinder. Das hat damit zu tun, dass die antiretroviralen Medikamente gerade für HIV-infizierte Schwangere in einigen afrikanischen Ländern besser verfügbar geworden sind.

Therapie = Leben

Für Daniel Seiler, Geschäftsführer Aids-Hilfe Schweiz, sind diese Medikamente, die seit Mitte der 1990er-Jahre auf dem Markt sind, die wesentlichste Veränderung im Kampf gegen Aids. «Mit diesen Medikamenten lässt sich die Infektion mit dem HI-Virus zwar nicht heilen, aber sie ermöglichen HIV-positiven Menschen eine gleiche Lebenserwartung, wie sie Menschen ohne dieses Virus haben. Wer die Therapie macht, ist unter gewissen Umständen auch nicht mehr ansteckend.»

Einschränkend bliebe höchstens festzuhalten, dass über die Langzeitwirkung dieser Medikamente noch nichts bekannt ist. «Wie sie nach 30 oder 40 Jahren regelmässiger Einnahme funktionieren, weiss heute noch niemand», sagt Roger Staub, Leiter Sektion Aids beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Es wäre wunderbar, wenn HIV-Infizierte die gleiche Lebenserwartung hätten wie alle andern, aber man kann das zum heutigen Zeitpunkt streng genommen noch nicht belegen.»

Für die Betroffenen sind die Therapieaussichten dennoch ein Geschenk. Dass nun die Präventionskampagnen heruntergefahren werden könnten, weil ja Aids zumindest in den Wohlfahrtsstaaten seine Bedrohung verloren hat, wäre aber blauäugig, wie die Fachleute betonen. Für Seiler ist klar, dass sowohl die allgemeine Bevölkerung (Love-Life-Kampagne) als auch die Risikogruppen (Männer, die Sex mit Männern haben, Migranten aus Ländern mit hoher HIV-Rate sowie Prostituierte) weiterhin und konstant angesprochen werden müssen.

Kampf der Diskriminierung

Dafür gibt es auch finanzielle Gründe. Die Kosten für eine HIV-Therapie stehen in keinem Verhältnis zu den Ausgaben für die Prävention. «Wenn wir nur zwei Infektionen pro Jahr verhindern können, haben wir die Kosten für die Love-LifeKampagne schon wieder drin», sagt Seiler. Eine HIV-Therapie, die ein normal langes Leben ermöglicht, kostet pro Fall rund 1 Million Franken (25 000 Franken pro Person pro Jahr). «Wir müssen noch besser werden», umreisst Roger Staub die vordringlichen Themen in der Bekämpfung von Aids. «50 bis 100 Tote durch HIV und 575 Neuinfektionen pro Jahr sind immer noch zu viel, auch wenn vor 20 Jahren die Zahlen noch massiv höher lagen.» Nach wie vor ein grosses Problem – auch in der Schweiz – ist die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen. «Hier muss noch einiges geschehen. Das ist einfach nicht in Ordnung», sagt Staub.

Der Abbau von Vorurteilen und der Kampf gegen Diskriminierung und Stigmatisierung sind auch für die Aids-Hilfe Schweiz ein vordringliches Anliegen. Daniel Seiler: «So gross die technischen Fortschritte im Kampf gegen Aids geworden sind, so unbegreiflich muten die Beispiele über Ausgrenzungen und Kündigungen von HIV-positiven Menschen an, wie ich sie auch 2014 noch regelmässig mitbekomme.»

Das Thema Diskriminierung beschäftigt auch die aktuelle Welt-Aids-Konferenz in Melbourne (siehe Box). War vor 30 Jahren Aids noch ein Todesurteil, gilt der Kampf inzwischen der Verhinderung der Ausgrenzung und Stigmatisierung, die HIV-positive Menschen am Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis erfahren.