AKW: Fukushima oder die Angst vor dem Unsichtbaren

Heute ist es fünf Jahre her seit der Katastrophe an Japans Küste. Der Schweizer Fotograf Dominic Nahr war als einer der Ersten vor Ort. Und ist seither immer wieder dort. Er sagt: In Fukushima wurde viel zerstört. Auch Vertrauen.

Dominik Buholzer
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Am 11. März 2011 riss die Flutwelle über 19 000 Menschen in den Tod. (Bild: Keystone)

Am 11. März 2011 riss die Flutwelle über 19 000 Menschen in den Tod. (Bild: Keystone)

Mit einer Schweigeminute gedachte Japan am Freitag der rund 18'500 Erdbeben- und Tsunami-Toten. Kaiser Akihito und Regierungschef Shinzo Abe nahmen an einer Zeremonie in Tokio teil und beugten um 14.46 Uhr Ortszeit ihre Köpfe. Zu diesem Zeitpunkt war am 11. März vor fünf Jahren die ostjapanische Region Tohoku von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. (Bild: AP / Kazuhiro Nogi)
34 Bilder
In Tokio gedenken die Menschen um Punkt 14.46 Uhr den Opfern der Katastrophe. (Bild: Iori Sagisawa)
Abfallsäcke voll mit radioaktivem Müll werden in temporären Lagern aufbewahrt. (Bild: AP/Shizuo Kambayashi)
Yuzo Mihara (links) und seine Frau Yuko bei der Räumung ihres Hauses. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Namie liegt nordwestlich des zerstörten Kernkraftwerks. Es gibt Pläne rund 5000 Einwohner bis März 2017 zurück in die Stadt zu lassen. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: in Minami Sanriku. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Ein Vorher-Nachher-Bild des Shikaori Distrikts. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach in Kesennuma. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
epa05201171 (34/39) A picture combo shows (bottom) tsunami devastated Shizugawa district in Minami Sanriku of Miyagi Prefecture, northern Japan, 14 March 2011, and (top) a view of the same area on 27 February 2016. March 11, 2016 marks the fifth  anniversary of the 9.0-magnitude earthquake and subsequent tsunami that devastated northeastern Japan and triggered a nuclear disaster at the Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant.  EPA/KIMIMASA MAYAMA PLEASE REFER TO ADVISORY NOTICE (epa05201138) FOR FULL PACKAGE TEXT (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Okawa Schule. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Shishiori Region. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Otsuchi. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Iwaki, Fukushima. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach:
Ishinomaki. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Ishinomaki. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Ishinomaki. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: in Kesennuma. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Kurz nach der Katastrophe und fünf Jahre danach: Teizo Terasaka (L), 70, und seine Frau Keiko, 68, sitzen auf ihrer ehemaligen Badewanne in Rikuzentakata. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Yuzo Mihara und seine Frau Yuko kommen vier Mal im Jahr zurück zu ihrem Haus in Nami. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Yuzo Mihara untersucht Spielzeugboxen in seinem Laden in Namie. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Fünf Jahre nach der Katastrophe: Ein Sicherheitsmann an der Hauptstrasse von Namie, einer Stadt nördlich des Kernkraftwerks, das vor fünf Jahren vom Tsunami überrollt worden war. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Yuzo Mihara und seine Frau Yuko beten beim Grab ihrer Familie in Namie. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Ein zerstörtes Haus neben dem Bahnhof von Namie. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Von diesem Haus in Namie blieb nur das Badezimmer übrig.. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Im Februar 2016 sammelte dieser Arbeiter radioaktiven Müll in einem privaten Haus in Minamisoma, einer verstrahlten Stadt nördlich des zerstörten Kernkraftwerks. (Bild: AP/Shizuo Kambayashi)
Rund 7000 Arbeiter räumen in dieser Stadt jeden Tag den radioaktiven Müll weg. (Bild: AP/Shizuo Kambayashi)
Es scheint ein aussichtsloser Kampf in Minamisoma gegen die Strahlung. Der Wind bringt jeden Tag neue, verstrahlte Gegenstände in die Stadt. (Bild: AP/Shizuo Kambayashi)
Yuta Suzuki misst die Strahlung an seinem Arbeitskollegen in Minamisoma. (Bild: AP/Shizuo Kambayashi)
Die vom Tsunami zerstörte Ukedo-Region. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Ein Strahlungs-Messgerät in der Ukedo-Region. (Bild: EPA/KIMIMASA MAYAMA)
Ein Haus in der vom Tsunami zerstörten Ukedo-Region. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Ein leeres Schulzimmer der "Tomiokadaiichi Junior High School" in Tomioka nahe Fukushima. (Bild: EPA/FRANCK ROBICHON)
Greenpeace gedenkt den Opfern von Fukushima im März 2016 in Ungarn. (Bild: EPA/BALAZS MOHAI)
Greenpeace gedenkt den Opfern von Fukushima im März 2016 in Ungarn. (Bild: EPA/BALAZS MOHAI)

Mit einer Schweigeminute gedachte Japan am Freitag der rund 18'500 Erdbeben- und Tsunami-Toten. Kaiser Akihito und Regierungschef Shinzo Abe nahmen an einer Zeremonie in Tokio teil und beugten um 14.46 Uhr Ortszeit ihre Köpfe. Zu diesem Zeitpunkt war am 11. März vor fünf Jahren die ostjapanische Region Tohoku von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. (Bild: AP / Kazuhiro Nogi)

Fukushima lässt ihn nicht mehr los. Seit der Katastrophe kehrt der Schweizer Fotograf Dominic Nahr (35) jedes Jahr an den Unglücksort zurück. Manchmal nur für ein paar Tage, wie im vergangenen Jahr. Oder dann für rund vier Monate wie 2014.

Bei seinen Aufenthalten ist er viel unterwegs auf der Suche nach Bildern und nach Menschen, die ihm über die Ereignisse von damals und ihr Leben heute erzählen. Dominic Nahr will mehr wissen. Er will verstehen, was in den Menschen vorgeht. «Die Menschen aus Fukushima geben einem Aussenstehenden wie mir viel schneller Einblick in ihr Leben als den Leuten aus dem eigenen Quartier. Ich glaube, sie schätzen es ganz einfach, dass sich jemand für sie interessiert.»

Verwüstet und unbewohnbar

Am 11. März 2011 brach über der japanischen Nordostküste die Welt zusammen – buchstäblich. Ein Beben der Stärke 9,0 löste insgesamt sieben Tsunamis aus. Die bis zu 30 Meter hohen Wellen begruben weite Teile der Nordostküste unter sich. Über 19 000 Menschen verloren ihr Leben.

Ein Grossteil der Häuser in der Gegend wurden ver­wüstet und sind seither unbewohnbar. Und im Kernkraftwerk Daiichi fiel auch noch die letzte Sicherung aus. Es kam zu mehreren Explosionen. Radioaktivität trat aus. In der Folge mussten in einem Umkreis von 20 Kilometern rund 200 000 Leute überhastet ihre Häuser verlassen. Viele wissen bis heute nicht, ob sie jemals wieder zurück können. Es wird noch lange dauern, bis das geklärt ist. Zumal es nach Angaben des Fukushima-Betreibers Tepco 30 bis 40 Jahre dauern kann, bis das havarierte Kraftwerk endgültig gesichert ist.

Nichts hält sie mehr dort

In Fukushima traten Jod 131 und Cäsium 137 aus. Während das Jod eine Halbwertszeit von acht Tagen hat und daher sehr schnell in nichtradioaktive Atome zerfällt, wird dieser Prozess bei Cäsium erst in rund 30 Jahren der Fall sein. Viele Menschen nahmen das Unglück zum Anlass, um der Region ganz den Rücken zu kehren, vor allem jüngere. Die Region galt schon vor dem Unglück als strukturschwach. Jetzt hält die Leute erst recht nichts mehr zurück.

Dominic Nahr, der unter anderem für das «Time Magazine» oder den «Stern» arbeitet, zählte zu den ersten Fotografen, die vor Ort eintrafen. Er war an jenem Tag im März bei seiner Mutter in Hongkong, als er von der Katastrophe vernahm. «Ich weiss nicht wieso, aber ich wusste: Ich muss dahin», sagt er. So schnell als möglich. Nahr liess alles stehen und liegen, setzte auf dem Weg zum Flugplatz seine Mutter ins Bild.

Bild des Grauens

Als er in Fukushima ankam, herrschte das totale Chaos. Alles lag in Trümmern, überall lagen Autos auf den Dächern. Es war ein Bild des Grauens. Und im einzigen Hotel, das in Fukushima noch geöffnet hatte, gab es zwar kein fliessendes Wasser, dafür aber Strom. Wegen der Nachbeben mussten alle Zimmertüren offen bleiben.

Von der atomaren Katastrophe erfuhren sie unterwegs via SMS. Angst macht sich unter der Gruppe breit. «Wir waren sehr nahe bei dem Reaktor und wussten auf einmal nicht mehr, was wir tun sollten», sagt Dominic Nahr.

Die ersten Journalisten machten sich später auf den Weg ins gesperrte Gebiet. Dominic Nahr wartete ein paar Wochen. Er wollte zuerst mehr wissen über Radioaktivität. Und sich einen Geigenzähler zulegen, ein Gerät zur Messung der Radioaktivität. Den hat er seither immer bei sich, wenn er nach Fukushima geht, so wie in diesen Tagen auch.

Abgestempelte Menschen

Fünf Jahre nach dem Unglück ist die Situation für die Betroffenen nicht besser geworden. Im Gegenteil. Wer aus Fukushima kommt, ist abgestempelt. «Niemand in Japan will etwas mit den Leuten aus der Unglücksregion zu tun haben. Überall wird ihnen nachgesagt, sie seien verstrahlt», erzählt Dominic Nahr. «Mütter beklagen, dass ihre Töchter nie mehr einen Mann fürs Leben finden würden.» Unter den Evakuierten selber herrschen Neid und Missgunst. «Sie verdächtigen sich gegenseitig, eine höhere Entschädigung von der AKW-Betreibergesellschaft erschlichen zu haben.» Tepco leistete Zahlungen in der Höhe von 44 Milliarden Franken.

Der Jahrestag ist bei Einheimischen selber kein Thema. «Viel lieber schliessen sich die Leute in ihren Häusern ein oder verprassen ihr Geld mit Glücksspielen», sagt Nahr.

Nur die halbe Wahrheit

Und dann ist da noch die Angst vor dem Unsichtbaren, der Radioaktivität. Zwar ist bislang laut den staatlichen Behörden niemand an den Folgen der austretenden Radioaktivität gestorben. Laut Dominic Nahr ist dies aber nur die halbe Wahrheit. «Es gibt unzählige Personen, die zwei, drei Jahre nach der Katastrophe schwer erkrankten und kurz darauf gestorben sind.»

So wie jener ­Angestellte eines AKWs, der auf Geheiss seiner Firma in das havarierte Werk Daiichi zum Aufräumen geschickt wurde. Ohne Schutzkleidung. Ohne Schutzmaske. Man sagte ihm, es sei unbedenklich, erzählt Dominic Nahr. Erst später dämmerte es dem Arbeiter, als er in den Nachrichten Bilder von dem Unglücksreaktor sah. «Da war ich drin», sagte er seiner Frau beim Nachtessen. Zwei Jahre danach war er tot.

Das Unglück hat viel zerstört. Auch viel Vertrauen. «Das Misstrauen macht der Bevölkerung in der Unglücksregion zusätzlich zu schaffen», berichtet Nahr. Die Leute trauen niemandem. Nicht mehr sich gegenseitig, schon gar nicht mehr den Behörden und den Medien.

Wohin steuert Fukushima? Dominic Nahr weiss es nicht. Aber er weiss, er wird noch einige Male hingehen. Fukushima lässt ihn auch fünf Jahre nach der Tragödie noch immer nicht los. Er will den Opfern ein Gesicht geben.
 

Fukushima in Zahlen

7000 Arbeiter sind noch heute täglich in der Atomruine von Fukushima im Einsatz.

30 bis 40 Jahre könnte es laut Fukushima-Betreiber Tepco dauern, bis das Werk endgültig gesichert ist.

750 000 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser sind heute in Tanks auf dem Gelände zwischengelagert.

 

Was Fukushima energiepolitisch bewirkt hat

Schweiz: Volk wird entscheiden

sda/are.In der Schweiz hat Fukushima die Renaissance der Atomkraft gestoppt und erneuerbaren Energien Schub verliehen. Direkt nach dem Unfall reagierte die Schweiz schnell: Drei Tage später legte Bundesrätin Leuthard die 2008 von den Stromkonzernen eingereichten Gesuche für drei neue AKW auf Eis. Auch viele bürgerliche Politiker gingen auf Distanz zur Kernenergie.

Ausstieg beschlossen

Am 25. Mai 2011 beschloss die Landesregierung offiziell, aus der Nuklearkraft auszusteigen. Sie verfasste die Energiestrategie 2050 und plante, den Anteil von Wasserkraftwerken und anderer erneuerbarer Energien an der Energieversorgung auszubauen.

Den Atomkraftwerken den Stecker ziehen wollte der Bundesrat aber nicht. Sie sollen am Ende ihrer Laufzeit stillgelegt und nicht ersetzt werden. Linken und Grünen reichte dies nicht. Mit einer Ausstiegsinitiative fordert die Grüne Partei, die Laufzeit auf 45 Jahre zu beschränken.

Im Juni und September 2011 stimmten National- und Ständerat der neuen Energiestrategie des Bundesrates zu. Bis zum Herbst war der Fukushima-Effekt allerdings schon so weit abgeflaut, dass die Grünen in den Nationalratswahlen 2011 herbe Verluste einstecken mussten.

Laufzeit beschränken

Ende 2014 sprach sich der Nationalrat dafür aus, die Laufzeit der ältesten AKW auf 60 Jahre zu beschränken. Beznau I müsste damit 2029 vom Netz, Beznau II 2031. Für Mühleberg hätte dies keine Auswirkungen, will doch die Betreiberin BKW das Werk im Dezember 2019 von sich aus vom Netz nehmen.

Dass keine neuen Anlagen gebaut werden sollen, ist auch im Ständerat nicht mehr umstritten. Von befristeten Bewilligungen wollte dieser im September 2015 aber nichts wissen. Und nach dem Rechtsrutsch bei den jüngsten Wahlen beschloss letzte Woche auch die Grosse Kammer, darauf zu verzichten. Strengere Auflagen für die Betreiber alter AKW haben ebenfalls keine Chancen, obwohl sich die Aufsichtsbehörde Ensi dafür ausgesprochen hat.

Zur Laufzeitbeschränkung wird nun das Stimmvolk das letzte Wort haben, wenn die Initiative «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie» der Grünen zur Abstimmung gelangt. Beznau I, das dienstälteste Kernkraftwerk der Welt, würde ein Jahr nach Annahme der Initiative ausgeschaltet.

Konzerne mit roten Zahlen

Gut möglich, dass die Energiepolitik in den nächsten Jahren weniger durch Risikokalküle als durch wirtschaftliche Aspekte geprägt sein wird. In den letzten Tagen sorgten die tiefroten Zahlen des Energiekonzerns Alpiq für Schlagzeiten, dies in Analogie zu aktuellen Zahlen der Axpo oder von Energiekonzernen im benachbarten Ausland. Im Zuge der Strommarktliberalisierungen ist der Strompreis heute derart tief (etwa 4 Rappen pro Kilowattstunde), dass die herkömmliche Herstellung defizitär ist. Für Aufregung sorgte auch ein Strategiepapier der Alpiq, gemäss dem unrentable Kraftwerke verstaatlicht werden sollen. Interessant ist, dass andere Energiekonzerne wie die BKW, welche heute schon auf erneuerbare Energien setzen, gute Zahlen schreiben.
 

 

Deutschland: Ausstieg mit Folgen

Mit Spannung wird in Deutschland der nächste Entscheid des Verfassungsgerichts in Karlsruhe erwartet. Nächste Woche verhandelt es über die Rechtmässigkeit des deutschen Atomausstiegs. Vor dem höchsten Gericht stehen sich der Staat und die Atomkonzerne gegenüber – als Folge des Unglücks von Fukushima.

Entschädigung gefordert

In den Verfassungsbeschwerden der drei AKW-Betreiber Eon, RWE und Vattenfall machen sie geltend, dass das nach der Katastrophe von Fukushima erlassene Atomausstiegsgesetz von 2011 einer staatlichen Enteignung gleichkomme. Nach der Eigentumsgarantie des Grundgesetzes stehe ihnen im Falle einer Enteignung eine Entschädigung zu.

Das Urteil könnte den Energiekonzernen den Weg zu Schadenersatzklagen gegen die Bundesregierung in einer Höhe von bis zu 22 Milliarden Euro öffnen. Auf diesen Betrag summiert sich nach inoffiziellen Verlautbarungen aus dem Kreise der Atomstromproduzenten der entstandene Schaden. Allerdings würde die genaue Höhe einer etwaigen Entschädigung erst nach einem weiteren, vermutlich langjährigen Zivilrechtsverfahren feststehen.

Unglück ändert Tempo

Mittlerweile sind in Deutschland noch acht Kernkraftwerke in Betrieb. Bis spätestens 2022 soll nach dem Willen der deutschen Regierung keines mehr am Netz sein. Unmittelbar vor der Katastrophe von Fukushima waren noch 17 Werke im Einsatz.

Bis 2010 war ein stufenweiser Atomausstieg ohne feste Abschalttermine vorgesehen. Diesen Konsens vereinbarte die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder 2000 mit den deutschen Atomkraftwerksbetreibern. Die CDU-Kanzlerin Merkel setzte sich nach Fukushima über diesen Kompromiss hinweg.

Unsaubere Alternative

Auf diese Weise entledigt sich Deutschland zwar der Kernenergie, doch bei der Suche nach Alternativen hapert es. Ursprünglich hätte die Kernenergie in Deutschland durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden sollen. Doch diese etablieren sich langsamer als erwartet und sind mit der Ausgabe von Fördergeldern verbunden. Von 2010 auf 2015 stieg der Anteil der Windkraft im deutschen Strommarkt um 3,7 Prozent auf 9,9 Prozent und jener der Solarkraft um 4,2 Prozent auf 6,2 Prozent. Doch der Anteil der Energie aus Kohlekraftwerken, die mit ihrem CO2-Ausstoss dem Klima schaden, hat ebenfalls um 3,9 Prozent zugenommen und liegt nun bei 46,9 Prozent.

Es fehlen Milliarden

Unklar ist, wie viel der Atomausstieg Deutschland schliesslich kosten wird. Wie in anderen EU-Staaten klaffen einem Arbeitspapier der EU-Kommission zufolge Milliardenlücken bei den Geldern für den Abriss der Werke und die Entsorgung des strahlenden Abfalls. Allein in Deutschland sind es rund 7,7 Milliarden Euro. Die deutschen Kraftwerkbetreiber haben insgesamt Rückstellungen von rund 39 Milliarden Euro gebildet, etwa die Hälfte für den Abriss und die Stilllegung, die andere für die Müllentsorgung. Unklar ist, ob die Summe ausreicht oder ob der Steuerzahler einspringen muss.

Sasa Rasic

 

Frankreich: Schweigend weiter

Auch die Franzosen waren 2011 erschreckt über Fukushima. Davor hatten die Grünen allein einen Atomausstieg verlangt; nach dem Unfall stiess ihr einsamer Ruf erstmals auf ein öffentliches Echo. Und Präsident Hollande versprach im Wahlkampf von 2012, den atomaren Anteil an der Stromproduktion von 75 auf 50 Prozent zu senken.

Inzwischen ist klar, dass er das Versprechen aus taktischem Kalkül gegeben hatte: Er holte damit die Grünen in seine Linksregierung. Ein auch nur teilweiser Atomausstieg kommt für ihn heute nicht in Frage.

Bleibt sogar Fessenheim?

Wollte er die Atomstromproduktion wirklich auf 50 Prozent zurückfahren, müsste er laut Greenpeace bis zu 20 der 58 französischen Atomreaktoren stilllegen.

Hollande gedenkt aber nur das elsässische Fessenheim abzuschalten. Und sogar dies zögert er wohl über seine 2017 endende Amtszeit hinaus. Der nächste Präsident könnte also darauf zurückkommen. Und würde es wohl auch, wenn ein Spitzenkandidat der Konservativen wie Alain Juppé oder Nicolas Sarkozy wie erwartet gewinnt.

Gerade Fessenheim zeigt, wie tief der energiepolitische Graben zu Deutschland seit Fukushima geworden ist. Die deutschen Medien sprachen letzte Woche nach Bekanntwerden des jüngsten Störfalls im ältesten französischen AKW von einer «Schrottkiste», Berlin verlangte deren «raschestmögliche» Schliessung.

Anders die Pariser Medien: Sie wunderten sich über das deutsche Vorpreschen. Und die Regierung schwieg. Die meisten Franzosen verstehen nicht, warum sich die Deutschen derart vor der Atomenergie ängstigen und dafür sogar die klimaschädliche Kohlenenergie fördern. Vielenorts liest man, es sei doch in Fukushima niemand an den direkten Folgen der Verstrahlung gestorben. Und Fessenheim gehöre – nicht zuletzt wegen der neuen Post-Fukushima-Auflagen – zu den sichersten AKW im Land.

Marode Industrie

Zwar hat die früher sehr unkritische Zustimmung zur «Politique nucléaire» in den letzten Jahren gelitten. Schuld daran ist aber weniger Fukushima als der lamentable Zustand der Atomindustrie. Der weltweit tätige Konzern Areva, der von der Uranförderung bis zur Wiederaufbereitung von Brennstäben die ganze Produktions- und Betriebskette abdeckt, fuhr zuletzt Milliardenverluste ein. Sie gehen zum Teil auf die wegen Fukushima sinkende Nachfrage gerade in Japan zurück.

Steigende Strompreise

Stärker ins Gewicht fallen jedoch schwere Managementfehler. Auch Electricité de France (EDF), der staatliche Energiekonzern, leidet darunter. Deshalb muss er den Strompreis stetig erhöhen. Noch zahlen die Franzosen für die Energie aus der Steckdose viel weniger als ihre Nachbarn. Die steigenden Strompreise drücken aber auf die Begeisterung für den Atomkurs.

Die Franzosen legen eine viel pragmatischere Haltung an den Tag als etwa die Deutschen: Ist der Atomstrom billiger, sind sie dafür, zumal er die Klimaerwärmung bremsen hilft. Wenn die EDF und Areva aber Riesenverluste einfahren, kann die Stimmung noch umschlagen.

Stefan Brändle, Paris

 


Japan: Wieder Reaktoren im Einsatz

Bis zur Katastrophe von Fukushima stellte Japan die Nutzung der Atomkraft nie in Frage. Damals gab es gar Pläne, den Anteil der Atomenergie auf bis zu 50 Prozent zu steigern. Direkt nach dem Unglück standen zeitweise alle 48 kommerziellen Reaktoren in Japan still.

Inzwischen sind trotz Protesten in der Bevölkerung vier Reaktoren wieder angefahren. Die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe rechtfertigt dies mit wirtschaftlichen Gründen. Sie strebt einen Anteil der Atomenergie an der Stromversorgung bis zum Jahr 2030 von 20 bis 22 Prozent an. Abes Vorgänger Yoshihiko Noda hatte 2012 noch einen Plan zum Atomausstieg verkündet.

Abhängig vom Ausland

Bis zum Fukushima-Unglück hatten die Kernkraftwerke knapp 30 Prozent des Strombedarfs Japans gedeckt. Als Ersatz für Atomstrom dienen Wärmekraftwerke, wofür die rohstoffarme drittgrösste Volkswirtschaft der Welt teures Öl und Gas importieren muss. Japan ist der weltweit drittgrösste Stromkonsument nach China und den USA. Der Inselstaat importiert mehr als 90 Prozent des Energiebedarfs.

Zwar gibt es Stimmen wie den damaligen Ministerpräsidenten Naoto Kan, heute ein dezidierter Gegner der Atomkraft. Er ist überzeugt, dass die Atomenergie bis Ende dieses Jahrhunderts sowohl aus Japan wie auch aus dem Rest der Welt verschwunden sein wird. Und zwar primär, weil sie sich wirtschaftlich nicht lohne. (Man vergleiche dazu auch das Interview mit dem Schweizer Experten Walter Wildi in der Ausgabe vom letzten Sonntag.)

Typisch für Japans Probleme

Doch generell macht es den Anschein, als seien die Lerneffekte aus Fukushima schnell verpufft. So wie etwa Deutschland, das Fukushima zum Anlass nahm, den Atomausstieg zu beschliessen, erwarteten viele auch in Japan einen gesellschaftlichen und politischen Wandel.

Schon lange vor der Katastrophe kämpften Japans ländliche Regionen mit ökologischen und wirtschaftlichen Strukturproblemen sowie mit der Überalterung, bedingt auch durch Geburtenrückgang und Abwanderung. Der vom Tsunami zerstörte Nordosten ist ein Mikrokosmos der Probleme, mit denen Japan kämpft.

Ernüchternde Bilanz

Heute ist die Bilanz ernüchternd. Die Chance, die sich für den Wiederaufbau bot, blieb laut Experten ungenutzt. «Visionen von besseren Städten, die mit den Planungsfehlern der Vergangenheit brechen würden, lösten sich in unkoordinierten Einzelaufbaumassnahmen auf», konstatiert der Deutsche Christian Dimmer, Assistenzprofessor für Städtebau an der Uni Tokio.

Japans Ministerpräsident Abe ist zwar bemüht, den Eindruck von Normalität zu vermitteln. Die ersten Anwohner der Atomruine werden bereits unter Verweis auf die grossflächigen Dekontaminierungsversuche gedrängt, in ihre Heimat zurückzukehren. Doch nur wenige kommen. Nicht nur wegen der Radioaktivität. Viele, vor allem die Jüngeren, sehen keine Zukunft mehr in der Region und haben in Tokio und anderen grösseren Städten ein neues Leben begonnen.

Lars Nicolaysen, dpa, Fukushima

 

Frühjahr 2016: ein Arbeiter mitten in Tausenden von Säcken mit radioaktiv verseuchter Erde. (Bild: Keystone)

Frühjahr 2016: ein Arbeiter mitten in Tausenden von Säcken mit radioaktiv verseuchter Erde. (Bild: Keystone)

Impression einer gespenstischen Havarie nach dem Unglück. (Bild: Dominic Nahr)

Impression einer gespenstischen Havarie nach dem Unglück. (Bild: Dominic Nahr)

Dominic Nahr, Fotograf : «Mütter beklagen, dass ihre Töchter nie mehr einen Mann fürs Leben finden.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Dominic Nahr, Fotograf : «Mütter beklagen, dass ihre Töchter nie mehr einen Mann fürs Leben finden.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)