Frankreich
Algerienkrieg: Die Wunden sind noch nicht verheilt

35 000 Franzosen und 400 000 Algerier fielen im Algerienkrieg. Vor 60 Jahren begann einer der schrecklichsten Konflikte der Neuzeit. Sein Trauma ist bis heute unbewältigt. Ein Rückblick.

Stefan Brändle, Paris
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Voller Begeisterung feiern die Algerier im Juli 1962 in Algier die Unabhängigkeit.

Voller Begeisterung feiern die Algerier im Juli 1962 in Algier die Unabhängigkeit.

Keystone

Noch so ein Krieg – grausam, absurd, Wunden reissend, die bis heute nicht verheilt sind. Ein Menschenschlachten mit 400 000 Toten auf algerischer, 35 000 Toten auf französischer Seite. Zahlen, so entsetzlich wie die Bilanz des Ersten und Zweiten Weltkriegs oder auch des Vietnam- und Irakkriegs.

Seltsamerweise deckt sich diese Opferbilanz weitgehend mit einem anderen Ungleichgewicht, das die französische Kolonialverwaltung in Algerien aufrechterhalten hatte: Bei Wahlen in dem riesigen, tief in die Sahara reichenden Territorium hatte ein Franzose von Gesetzes wegen achtmal mehr Gewicht als ein Algerier. Diese Unterscheidung in ein «Kollegium» der weissen Europäer und eines der Eingeborenen – so der damalige Sprachgebrauch – war nicht viel subtiler als die Apartheid am anderen, südlichen Ende des Kontinentes.

Kein Wunder, rief der Exil-Algerier Ahmed Ben Bella im Frühjahr 1954 aus dem ägyptischen Exil die Front de Libération Nationale (FLN) ins Leben. Und seine Landsleute zum Widerstand auf. Ein halbes Jahr später, in der Nacht auf den 1. November 1954, begann der Algerienkrieg mit einer Attentatsserie. Historiker sprechen von «Toussaint rouge» – rote Allerheiligen. Die französische Polizei wurde auf dem falschen Fuss erwischt; doch die Armee griff bald brutal durch. Denn für Paris war Algerien ein integraler Bestandteil der Französischen Republik.

Folter, Tötungen, Massaker

Die Spirale des Krieges begann sich zu drehen. Es gab Massenverhaftungen, gezielte Tötungen von Zivilisten, furchtbare Massaker. Paris beschloss auch die systematische Anwendung der Folter. Kolonialoffiziere wie der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen bevorzugten die «gégène». Das waren ursprünglich mobile Telefon-Generatoren, die im Feld mit Pedalen betrieben wurden und über die elektrischen Drähte beliebig starke Stromstösse in die angeschlossenen Körperteile jagten.

«La gégène» wurde zum Symbol des Algerienkrieges: Vom rationalen französischen Geist ausgedacht wie einst die Guillotine, ein sauberes und effizientes Herrschaftsinstrument, das unter den Algeriern Angst und Schrecken verbreitete, aber letztlich nur die Leidenschaft des Volksaufstandes anheizte und seinen Erfolg begründete.

Die Kolonialmacht Frankreich war zu jener Zeit auch sonst am Wanken: In Dien Bien Phu, im damaligen Indochina (Vietnam) hatte sie 1954 eine entscheidende Niederlage erlitten. Zwei Jahre später, 1956 in der Suezkrise, sollte sie zusammen mit dem britischen Empire den «Orient» verlieren. Die «Ereignisse» in Algerien, wie die Franzosen beschönigend sagten, brachten in Paris die ganze Vierte Republik zu Fall. Verzweifelt rief die Nation Charles de Gaulle zu Hilfe und vertraute ihm mit dem möglichst autoritären Präsidialregime der Fünften Republik ihre Geschicke an.

Der Weltkriegsheld hielt dem Ansturm der schlecht ausgebildeten, aber fanatischen FLN-Kämpfer in Algerien noch vier Jahre lang stand. Im März 1962 willigte de Gaulle im Abkommen von Evian in den Rückzug der französischen Armee aus Algerien ein. In einer Geheimklausel sicherte er sich auf Jahre hinaus das algerische Sahara-Gebiet für französische Atomversuche.

Hoffnung, Enttäuschung, Frust

Im Juli 1962 feierten die Algerier überschwänglich ihre Unabhängigkeit. Hoffnungsvoll trat die neue Nation in die Moderne ein und rief den realen Sozialismus aus. Reiche Ölfunde versprachen eine blühende Zukunft. Doch die Aufbruchstimmung hielt nicht an. Denn Präsident Houari Boumédienne wandte genau das an, was er selber kannte: das Elitedenken der Kolonialzeit und Sowjetwirtschaft. Statt Sozialismus gab es Selbstbereicherung: Unter dem Deckmantel des Befreiungsmythos kontrollierte die Militär- und FLN-Clique die Macht und zweigte die Öl- und Gasmilliarden in die eigenen Taschen ab.

Dem Volk blieb nicht viel. Bis heute kann ein Drittel der Erwachsenen weder lesen noch schreiben, ein Viertel ist arbeitslos. 1990 erhielten die Generäle an den Wahlurnen die Quittung für die soziale Not: 38 Millionen Einwohner führten die Islamische Heilsfront (FIS) zum Sieg bei den Lokalwahlen und ein Jahr später im ersten Durchgang der Parlamentswahlen.

Ein zweiter Durchgang fand nicht statt – den verhinderte die Regierung mit Unterstützung der Armee. Und auch mit impliziter Billigung der Europäer. Auch der französische Präsident François Mitterrand erkannte nicht, dass die Algerier die Islamisten nicht aus religiösen, sondern primär aus sozialen und politischen Gründen wählten.

Die Aberkennung des FIS-Wahlsieges führte zum Krieg zwischen der Armee und den dschihadistischen Groupes islamiques armés (GIA). Nach zehn Jahren Terror und Gegenterror mit mehr als 100 000 Opfern – zumeist Zivilisten – rief der neue Präsident Abdelasis Bouteflika eine nationale Versöhnung aus.

Versöhnt ist aber niemand. In Algerien grassiert vielmehr das «mal-vivre», das «schlechte Leben», wie es der auch im Westen bekannte Schriftsteller Boualem Sansal nennt: «Es bedeutet, in seinem Wohnviertel jeden Tag die Folterer und Mörder seiner Freunde zu sehen und sie grüssen zu müssen, oder die Augen zu senken, um sie nicht zu kränken.»

Armut, Elend, Korruption

Es bedeutet darüber hinaus auch Armut und Elend, Jugendarbeitslosigkeit und Kriminalität, Staatskorruption und Scheindemokratie. Gegen aussen erweckt Algerien – anders als etwa die Nachbarländer Tunesien und Libyen – den Eindruck einer gewissen Stabilität. Bouteflika regiert dank einer Verfassungsänderung seit 15 Jahren.

Nach einer Hirnblutung vegetiert er allerdings an der Grenze zum Tod. Bei den letzten Wahlen schaffte er die Wiederwahl, ohne sich je einmal im Wahlkampf gezeigt zu haben. Das sei «so demokratisch wie in Nordkorea», spottete die Zeitung «El Watan».

Im Arabischen Frühling 2011 rumorte es im ganzen Land. Sekundiert von der angegrauten FIS-Ikone Ali Benhadj, riefen Demonstranten in der Hauptstadt Algier: «Boutef’ Serrak» – der Präsident ist ein Dieb. Eine Polizeiarmee von 30 000 Mann, zehnmal stärker als die Demonstranten, erstickte den algerischen Frühling im Keim. Seither herrscht im Land wieder fast die gleiche Totenstarre wie im Präsidentenpalast.

Und zwischen Frankreich und Algerien herrscht weiterhin Eiszeit. Die beiden Länder haben nie offiziell Frieden geschlossen, nie auch nur ein Freundschaftsabkommen zustande gebracht, obwohl die wirtschaftlichen Verflechtungen über den Energiesektor sehr eng geblieben sind. Die 1,5 Millionen Algerien-Rückkehrer, die «Pieds Noirs» – Schwarzfüsse – hintertreiben noch heute jede Annäherung. Am Samstag, dem Tag von Allerheiligen, gedenken die Algerier allein des Kriegsbeginns. Bouteflika zelebriert sich bei dieser Gelegenheit mit einer Fotoausstellung, deren Thema er selbst ist und die von der mutigen Presse in Algier «stalinistisch» genannt wird. Die Pariser Presse interessiert sich derweil nur für die Suche nach den Mördern des im September in der Kabylei enthaupteten französischen Reiseführers Hervé Gourdel.

Verhärtet, verzweifelt, verletzt

So verharrt Algerien in der Misere, die aus dem Kriegstrauma gewachsen ist – verhärtet, verzweifelt, voller Bruchstellen und Gewalt. Sich selbst weiss das Land nicht zu helfen, Hilfe von aussen lehnt es aus verletztem Stolz ab. Bouteflika fördert die arabische vor der französischen Sprache. Unlängst sprach er noch vom französischen «Völkermord an der Identität Algeriens», was wiederum das Selbstverständnis Frankreichs als universelle Menschenrechtsnation verletzt.

Diese beidseitige Verletzung verhindert eine Versöhnung, wie sie Frankreich mit Deutschland zustande gebracht hat. Dabei wäre Versöhnung bitter nötig: Sie könnte vielleicht verhindern, dass das bis heute kriegsversehrte, nach Sudan zweitgrösste Land Afrikas doch noch in die Hände der Islamisten fällt. Denn das würde der Maghreb nicht verkraften – Europa auch nicht.