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Der Schweizer Botschafter in London: «Der Bundesrat war allen anderen eine Nasenlänge voraus»

Seit fast anderthalb Jahren steht Botschafter Alexandre Fasel (57) an der Spitze der Schweizer Botschaft in London. Trotz der Brexit-Herausforderungen seines Gastlandes bewahrt der Diplomat ruhig Blut: «Wir sind vorbereitet.»
Interview: Gabriel Felder
«Jedes Mal fühlt man sich dabei wie ein Schulbub»: Botschafter Alexandre Fasel wird von Queen Elizabeth II empfangen. (Bild: Gareth Fuller/AP (London, 22. November 2017))

«Jedes Mal fühlt man sich dabei wie ein Schulbub»: Botschafter Alexandre Fasel wird von Queen Elizabeth II empfangen. (Bild: Gareth Fuller/AP (London, 22. November 2017))

Alexandre Fasel, Sie sind in Ihrer Rolle seit September 2017. Was würden Sie als Highlight bezeichnen bisher?

Ich hätte Mühe, ein einziges Highlight herauszugreifen. Es kommt mir so vor, als gäbe es die ganze Zeit Highlights, vergleichbar mit den Discolichtern aus unserer Jugend. Es hört nicht auf zu blinken.

Worauf führen Sie diesen konstanten Höhenflug zurück?

Zuerst einmal ist das Potenzial meiner Kolleginnen und Kollegen in der Botschaft enorm. Wir haben es hier mit einem Spitzenunternehmen zu tun, wunderbar. Ausserdem ist es faszinierend, mitzuerleben, was Grossbritannien im Moment bewegt: Brexit. Die Mutter aller modernen Demokratien, die sich mit allen ihren Traditionen neu erfindet: Dies zu beobachten, aber darin auch beteiligt zu sein, das ist schon ein Highlight. Wir sitzen hier in der ersten Reihe.

Die Schweiz hat Vertretungen in über 100 Ländern weltweit. Was, glauben Sie, macht London besonders attraktiv für einen Botschafter?

Die Qualität der Leute in dieser Stadt. Sei es in der Politik, der Verwaltung, der Wirtschaft, der Kultur oder im akademischen Umfeld – es ist ein Riesenprivileg, mit diesen Leuten in Kontakt zu sein. Und die «Liturgie» des britischen öffentlichen Lebens ist auch sehr spannend, diese Kombination zwischen Fortschritt und starker Verankerung in jahrhundertealter Tradition. Von aussen betrachtet erscheinen viele Rituale altmodisch und etwas eigenartig. Dahinter verbirgt sich allerdings eine Moderne und Progressivität, die mich fasziniert. Ein Spannungsfeld, das die Arbeit hier sehr inter­essant macht.

Man stellt sich Ihren Job auch etwas glamourös vor, vor allem in einer Metropole wie London.

Spielen Sie auf meine Begegnung mit der Königin an? Das war schon ein ganz besonderer Moment, als mich die Königin zu meinem Amtsantritt empfing. Die Monarchie ist uns als radikalen Repu­blikanern ja sehr fremd. Ich bin der Queen nun schon viermal begegnet, und jedes Mal fühlt man sich dabei wie ein Schulbub. Ich bereite mich jedes Mal gut vor und stottere dann doch vor lauter Nervosität.

Es scheint Ihnen ganz offensichtlich nie langweilig zu werden.

(Lacht.)

Da haben Sie recht. Als Diplomat hat man ja verschiedene Berufe: Man ist Journalist, Analyst, Schriftsteller, Kulturvermittler, Redner, Wirtschaftsförderer, Hotelier, Eventmanager, Unternehmer. Alle diese verschiedenen Berufe machen den Job extrem stimulierend.

Und zwischendurch, so nehme ich an, haben Sie den Bundesrat am Hörer.

Natürlich. Wir studieren und analysieren hier pausenlos, hören uns um und diskutieren mit Kollegen, sodass wir uns eine Meinung bilden können. Denn was der Bundesrat von uns will, ist eine Bewertung dessen, was hier geschieht. Was kommt als Nächstes? Was sind die Elemente, die die Verhaltungsweisen der Briten prägen? Diese Fragen werden uns von Bern oft gestellt, und wir müssen bereit sein, eine Einschätzung abzuliefern, auf deren Grundlage der Bundesrat die schweizerische Politik definieren kann. Und dann ist es unser Auftrag, diese Politik im Gastland umzusetzen. Kurzum: Wir stehen permanent in engem Kontakt mit der «Zentrale».

Brexit dominiert das politische Leben in Grossbritannien. Sie haben Ihre Position angetreten im Wissen, dass Ihr Gastland vor radikalen Veränderungen steht. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Referendumsresultat erfuhren?

In meinen Universitätsjahren habe ich vergleichendes Verfassungsrecht studiert, vor allem die englische Verfassung, die ja ungeschrieben ist. Darin spielt die Hoheitsgewalt des Parlaments eine zentrale Rolle. Mein Gefühl war eines von «Das letzte Wort ist nicht noch gesprochen». Wie verhält sich die Souveränität des Parlaments mit diesem Referendumsresultat? Im britischen Verfassungsrecht ist ein Referendum nicht rechtlich verbindlich. Wohl hat sich die Politik verpflichtet und gesagt: «Wir werden dann ausführen, was ihr, das Volk, beschlossen habt.» Wie das Referendumsresultat dann aber konkret umgesetzt wird, da hat das Parlament das letzte Wort.

Sie haben also sozusagen die polarisierten Diskussionen, die im Moment im britischen Parlament stattfinden, vorausgesehen?

Es ist natürlich im Nachhinein einfach, zu sagen, dass man alles vorausgesehen hat, und so weit würde ich nicht gehen. Ich habe lediglich geahnt, dass das Spannungsverhältnis zwischen der Hoheitsgewalt des Parlaments und dem Volksentscheid zu Diskussionen führen würde. Was mich allerdings überrascht hat, war die sehr schnelle Auslösung des formellen Austrittsverfahrens durch das britische Parlament, noch bevor es Klarheit erlangt hatte, wie es den Austrittsentscheid konkret umsetzen wollte. Dar­an beisst es sich jetzt noch.

Stellen Sie fest, dass London als Wohn- und Arbeitsort für Schweizerinnen und Schweizer an Attraktivität verloren hat seit dem Brexit-Entscheid von 2016?

Wir erkennen in den Zahlen keinen klaren Trend. Aus schweizerischen Kreisen hört man auch nicht, dass das Land weniger gastfreundlich geworden wäre. Unsere Abmachungen mit der britischen Regierung machen klar, dass es keine Änderung geben wird für unsere Bürgerinnen und Bürger, die bereits hier angesiedelt sind.

Sie sprechen die sogenannte «Mind the Gap»-Vereinbarungen an. Es ist bemerkenswert, dass die Schweiz eines der ersten Länder war, die mit Grossbritannien eine Vereinbarung für die Ära nach Brexit abschliessen konnten.

Wir waren in der Tat das erste Land, das seine Post-Brexit-Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich geregelt hat.

Das tönt nach der Präzision und Gewissenhaftigkeit, wie sie der Schweizer Mentalität oft zugeschrieben wird.

Der Bundesrat war da allen anderen eine Nasenlänge voraus, muss man schon sagen. Wir hatten mit den entsprechenden Vorbereitungen bereits vor der Referendumsabstimmung im 2016 angefangen. Wir fragten uns: Was kommt da mit diesem Brexit auf uns zu? Unmittelbar nach dem Referendumsresultat gab es eine interdepartmentale Arbeitsgruppe, um die Konsequenzen von Brexit für die Schweiz abzuschätzen. Die Strategie, die daraus entstand, wurde vom Bundesrat bereits im Oktober 2016 verabschiedet und nennt sich «Mind The Gap».

Wie die berühmte Ansage in der Londoner U-Bahn: «Achtung, Lücke.»

Genau. Wir machten uns unmittelbar ans Gespräch mit den Briten. Schliesslich haben wir durch unsere bilateralen Abkommen mit der EU ganz enge Beziehungen mit England. Im Moment, in dem Grossbritannien aus der EU austritt, eröffnet sich eine Lücke in der rechtlichen Beziehung zwischen der Schweiz und Grossbritannien. Wir haben wahnsinnige Wirtschaftszahlen: Der wirtschaftliche Fussabdruck zwischen der Schweiz und Grossbritannien ist extrem gross. Zum Beispiel sind wir weltweit der drittgrösste Markt für britische Dienstleistungsexporte, nach der EU und den USA. Die Herausforderung war es darum, unsere bilateralen Abmachungen mit der EU zeitgerecht in ein neues Verhältnis mit dem Vereinigten Königreich umzuschreiben.

Die Schweiz ist also im Trockenen in Sachen Brexit mit anderen Worten?

Die Rechtsgrundlage unserer Beziehung ist gesichert. Ich kann natürlich nicht voraussehen, was passiert, wenn es im Zuge eines harten Brexit zu grossen Verwerfungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU kommen sollte. Ich denke dabei an Camions, die sich an der Grenze stauen. Das würde uns natürlich auch betreffen. Der Schweizer Lastwagenfahrer kann dann nicht einfach sagen: «Wir haben eine spezielle Abmachung, lass mich durch!» Trotzdem: Unsere Verträge stehen, wir sind so gut vorbereitet, wie es nur geht.

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