Alles ist nun möglich

Kommentar

Stefan Brändle/Paris
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Die Zerreissprobe der Sozialisten ist nur eine Folge der tektonischen Umschichtung, welche die französische Politik erfasst hat. Noch im vergangenen Herbst hätte sich niemand auch nur vorzustellen gewagt, dass es im aktuellen Präsidentenrennen dermassen drunter und drüber gehen würde.

Bei den konservativen Republikanern, den grossen Favoriten nach der mühseligen Hollande-Amtszeit, wurde zuerst in kürzester Zeit Nicolas Sarkozy weggefegt. Dann traf es Alain Juppé, der das ganze Jahr über die Meinungsumfragen souverän angeführt hatte. Binnen Wochenfrist schoss François Fillon an die Spitze der konservativen Primärwahl. Doch jetzt wankt sein Sockel bereits wieder wegen der Scheinjob-Affäre seiner Ehefrau Penelope.

Und wer hätte zum Jahreswechsel prophezeit, dass der kleine Parteirebell Benoît Hamon die Sozialisten in den Präsidentschaftswahlkampf führen würde? Fast über Nacht hat sich der linkische Linke zum Leader eines Regierungslagers gemausert, deren zentrale Gesetzesvorlagen er mit allen Mitteln bekämpft hatte.

Kein Zweifel, die Franzosen wollen politisch aufräumen. Weg mit dem Alten, ja den Alten, lautet ihre doch eher schlichte Botschaft. Noch spektakulärer ist der kometenhafte Aufstieg des parteilosen, noch nicht 40-jährigen Emmanuel Macron, dem die Herzen der halben Nation zufliegen, obwohl sein Programm sehr nebulös bleibt.

All diese Entwicklungen waren vor drei Monaten noch unvorhersehbar gewesen. Bis zu den Präsidentschaftswahlen werden aber weitere drei Monate vergehen. Ob wegen des Hollande-­Fiaskos oder der Trump-Wahl: Ein Wirbelwind hat die französische Politik erfasst.

Wer im Mai in den Elysée-Palast einziehen und die Geschickte Frankreichs fünf Jahre lang leiten wird, scheint unter diesen Umständen schlicht unwägbar. Jahrelanger politischer Aufbau zählt nicht mehr – den Ausschlag wird im Mai die gerade herrschende politische Konstellation geben.

Alles wird möglich, selbst das bisher Undenkbare. Etwa auch ein Sieg der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen.

Stefan Brändle/Paris