Reisen
Als az-Reporter im Schatten des Everest

az-Reporter Samuel Schumacher hat vier Monate lang als Journalist in Nepal gearbeitet und dabei nicht nur die Schönheiten, sondern auch die Schattenseiten des einstigen Himalaya-Königreichs kennen gelernt.

Samuel Schumacher
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Sita Rai, Analphabetin, Bäuerin und Bürgermeisterin vom nepalesischen Dorf Sisne Khola.

Sita Rai, Analphabetin, Bäuerin und Bürgermeisterin vom nepalesischen Dorf Sisne Khola.

Samuel Schumacher

Nepal ist berühmt für seine natürliche Schönheit und den Mount Everest, den höchsten Gipfel der Welt. Doch im Schatten des Everest passiert viel Unschönes. Nepal ist eines der 20 ärmsten Länder der Welt. Die Hauptstadt Kathmandu ist ein chaotischer Moloch. Der Staub, der Lärm und der Gestank der lodernden Abfallhaufen ist schier unerträglich. Nepal hat noch immer keine Verfassung. Die politischen Parteien sind zerstritten und unschlüssig. Die Zukunft des Himalaya-Staates ist ungewiss.

Von September bis Dezember habe ich in Nepal für die englischsprachige Tageszeitung «Kathmandu Post» geschrieben. An sechs Tagen pro Woche arbeitete ich an einem alten Computer auf der Hauptstadt-Redaktion. Jeden Morgen musste ich die Sicherheitskontrolle am Eingangstor passieren. Seit die Redaktion vor einigen Jahren wegen eines kritischen Berichts von einer wütenden Meute gestürmt wurde, ist das ganze Gebäude rund um die Uhr von Sicherheitsmännern umstellt.

Die 65 Journalisten der «Kathmandu Post» arbeiten in zwei Schichten, da nicht genügend Computer für alle zur Verfügung stehen. Meine Schicht dauerte jeweils von 11 bis 18 Uhr. Ab 17 Uhr drucksten schon die Kollegen der Spätschicht in den Redaktionsgängen rum und warteten, bis die Frühschichtler ihre Plätze räumten.

Der Alltag der nepalesischen Journalisten ist hart. Mit meinem von der schweizerischen Deza bezahlten Praktikumslohn von 1200 Franken war ich der bestbezahlte Journalist auf der Redaktion. Pranaya Rana, der Leiter meines Ressorts, verdient offiziell knapp 110 Fran-ken im Monat. In Wahrheit kriegt er das Doppelte. Doch aus steuertechnischen Gründen ist es besser, wenn das die Behörden nicht wissen.

Die «Kathmandu Post»-Journalisten haben jährlich gerade mal zwölf Freitage zugute. Eigentliche Ferien gibt es nicht. Dabei ist der Reporter-Job hier alles andere als entspannend. Recherchieren ist aufwendig und mühsam. Die Korruption im Land ist riesig. Fakten herauszukriegen ist Glücksache.

Die nepalesischen Zeitungen berichten fast ausschliesslich über innenpolitische Themen. Auslandkorrespondenten kann sich hier niemand leisten. Die instabile politische Lage verlangt von den Journalisten eine vorsichtige Feder. Repressalien gegen allzu kritische Stimmen sind keine Seltenheit. Die Vereinigung Reporter ohne Grenzen stellt Nepal ein schlechtes Pressefreiheit-Zeugnis aus. Der Himalaya-Staat landete 2013 auf dem 118. Platz von 179 bewerteten Ländern (die Schweiz liegt auf dem 14. Rang).

Doch ganz so schlimm wie während des Bürgerkriegs (1996 bis 2006) ist die Situation nicht mehr. Damals schritten täglich schwer bewaffnete Armeeangehörige durch die Gänge der «Kathmandu Post»-Redaktion und kontrollierten, was die Journalisten in ihre Tasten tippten.

Trotz der erschwerten Bedingungen hatte ich als Journalist in Nepal eindrückliche Begegnungen mit Menschen, deren Schicksal ich in meinen Artikeln schildern durfte. Etwa mit Sita Rai, die weder lesen noch schreiben kann und dennoch seit fünf Jahren ein ganzes Dorf regiert. Mit Dambar Bailkoti, der als Bauer jährlich weniger als 100 Franken verdient und seine Söhne nach Katar auf den Bau schicken musste. Oder mit Subuna Basnet, deren Freund nach einer Operation starb, weil das Spital keine Blutreserven hatte, und die daraufhin eine landesweite Blutspendekampagne lancierte.

Diese Begegnungen waren berührend, und sie zeigten mir, dass manche der Probleme, über die wir Journalisten uns in den Schweizer Medien zuweilen auslassen, vielleicht gar nicht so dringend sind.

Mehr Bilder und Texte aus Nepal finden Sie auf www.insidenepal.ch