US-Präsident

«Alternative Fakten»: Die Lügen von Donald Trump haben System

Seit Donald Trump im Amt ist, sind seine Lügen noch dreister geworden. Das hat System – und mit seiner Sucht nach Anerkennung zu tun.

Alexandra Fitz und Samuel Schumacher
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Links: Trumps Amtsantritt am Freitag, dem 20. Januar. – Rechts: Obamas erster Amtsantritt 2009.

Links: Trumps Amtsantritt am Freitag, dem 20. Januar. – Rechts: Obamas erster Amtsantritt 2009.

AFP/Reuters

Trump hat gelogen. Und das bei seinem ersten offiziellen Auftritt als frischgewählter 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Vor versammelten Agenten des amerikanischen Geheimdienstes CIA sagte Trump, «eine bis anderthalb Millionen Menschen» hätten vor Ort bei seinem Amtsantritt in Washington D. C. zugeschaut.

Diese Aussage ist nachweislich falsch. Offizielle Besucherzahlen des politischen Mega-Events gibt es nicht. Man muss sich also auf Schätzungen von Beobachtern verlassen. Und die bewegen sich zwischen 250 000 («Financial Times») und maximal 900 000 Zuschauern (Ministerium für Innere Sicherheit). Das ist weit weg von den anderthalb Millionen, die Trump von den Stufen des Capitol aus gesehen haben will.

Obamas Grasmenschen

Als Basis für die Schätzungen dienten den Beobachtern Aufnahmen der National Mall aus der Vogelperspektive. Ein Vergleich der Aufnahmen mit jenen aus dem Jahr 2009, als Obama vor rund 1,8 Millionen Menschen seinen ersten Amtseid schwor, zeigt riesige weisse Flecken in Trumps Zuschauermasse. Da, wo bei Obama Menschen standen, klafften bei Trump Lücken. Trump schickte am Samstag seinen Pressesekretär Sean Spicer vor die Medien, um die Lücken zu erklären. Die National Mall sei zum Schutz des Grases mit weissen Plastikplanen abgedeckt worden, sagte Spicer im Auftrag seines neuen Chefs. Deshalb sehe man die Lücken besser als bei Obamas Ansprache. Dort seien die Grasflecken leicht mit Menschenmengen zu verwechseln.

Stellt sich die Frage: Wieso verbreitet Trump auch als Präsident weiterhin Lügen? Erklärungen liefert seine Einstellung zu den Medien. Er hasst sie. Und er will – wie seine Sprecherin Kellyanne Conway am Wochenende unverhohlen zugab – mit «alternativen Fakten» die Arbeit der Medien wo in seinen Augen nötig ergänzen oder gar ersetzen.

«Ich befinde mich im Krieg mit den Medien», sagte der vereidigte US-Präsident bei seinem Auftritt vor den CIA-Agenten. «Die Medienschaffenden gehören zu den unehrlichsten Menschen dieser Erde.» Mit dem Zeigefinger zeigte er über die Köpfe der CIA-Agenten hinweg nach hinten, wo die Reporter sassen. Da hinten also sitzen die Störfaktoren. Wer Fakten wolle, der höre nicht auf sie, so Trumps Message.

Der amerikanische Comedian Steven Colbert fasste Trumps Hang zu «alternativen Wahrheiten» schon im vergangenen Sommer mit dem Begriff «Trumpiness» zusammen. Colbert meint damit, dass es für Trumps Anhänger schlicht keine Rolle mehr spielt, ob dessen Aussagen wahr sind oder nicht, ob sie nun stimmen oder Alternativen zu jenen Realitäten bilden, die objektiv da sind. Trumps Anhänger fügen sich seinen konstruierten Realitäten.

Fact you! Unser Karikaturist zum Thema «alternative Fakten».

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Silvan Wegmann

Die Medien sieht Trump als störende Gegenspieler bei der politischen Parade durch seine Amtszeit. Sein Pressesekretär Sean Spicer drohte am Samstag an, man werde die Medien genauer überwachen. Erste Journalisten haben Personenschutz beantragt aus Angst vor Übergriffen durch Trump-Anhänger. Und bereits denkt Trump darüber nach, die White-House-Korrespondenten aus ihren angestammten Büros im amerikanischen Regierungssitz rauszuwerfen. Offiziell, weil er dem wachsenden Presse-Corps mehr Platz bieten will. Inoffiziell, weil er sich die Journalisten vom Hals halten will.

Auf ihre Funktion als Nachrichten-Vermittler und Welt-Erklärer möchte er am liebsten verzichten und die medialen Aufgaben mit seinem Twitter-Account (mehr als 21,6 Millionen Follower) gleich selber übernehmen. Trump tweetet auch als Präsident munter weiter. Sein Publikum soll ungefiltert mitbekommen, was er zu sagen hat. Seine Twitter-Stürme sind ein Mittelfinger an die Presse, die um ihre Filterfunktion fürchtet. Der «vierten Gewalt» droht digitale Entmachtung.

Gott und Elefanten

Trumps Medienverständnis alleine kann sein Hang zum Lügen nicht erklären. Donald Trump ist ein Narzisst. «Er ist ein Narzisst ausser Rand und Band», erklärt der bekannte Psychiater Reinhard Haller, Autor des Buchs «Die Narzissmusfalle». Er erfülle die 5 «E» dafür bestens: Egozentrik (Ich, Ich, Ich), Eigensucht (Ich-Sucht, will immer mehr), extreme Empfindlichkeit (leicht kränkbar), Empathiemangel (nicht in andere hineinfühlen), Entwertung anderer (macht andere nieder). Hochgradige Narzissten sind so süchtig nach Aufmerksamkeit und Bewunderung, dass sie häufig lügen.

«Narzissten bauen sich eine Fassade auf, alles ist unecht», sagt Haller. Der Psychiater vergleicht das Lügen mit Drogen, die einem verlogene Gefühle bescheren, von denen man nie genug bekommt. Trumps Sucht nach Anerkennung ist wichtiger als Wahrheit. Doch wie kann er sich über die Fakten stellen, die die ganze Welt kennt? Lügt er bewusst oder glaubt er selbst, was er sagt? «Er lügt in der Regel bewusst», sagt Haller. Der Narzisst ist manipulativ, nicht dumm. Er spielt uns etwas vor. Dass Trump seinen Sprecher Spicer auch noch zu Falschaussagen hinreisst, sei klar. Ein Narzisst sehe andere Menschen nicht als gleichberechtigt, sondern als einsetzbare Objekte. Er pflegt seine Ich-Bezogenheit indem er keine kritischen Menschen duldet, er macht sie alle nieder.

Der Grund: Menschen mit übersteigerter Selbstliebe sind innerlich schwach, haben Komplexe. Ihre Urangst ist es, zu wenig geliebt und anerkannt zu werden. So würden Typen wie Erdogan und Trump Kritik als Lüge darstellen, eine Drohung entgegensetzen, und das in der primitivsten Form. «Gott verzeiht, nicht aber der Narzisst. Der Elefant vergisst, nicht aber der Narzisst», führt Haller aus.

Im Höhenrausch

Wesentlich ist jedoch, dass die Bürger einen Narzissten wollten. «Man hat ihn gewählt, weil er sich so aufführt, nicht obwohl», sagt der Psychiater. Seit der Jahrtausendwende lebten wir gemäss Haller im Zeitalter des Narzissmus. Darin gehe nichts über Selbstdarstellung, die psychische Störung sei zum Ideal geworden. Deshalb sei es nur logisch, dass die Gesellschaft auch einen Narzissten wolle.

Nach seiner Wahl zum US-Präsidenten hätte Trump eigentlich narzisstisch befriedigt sein können. Sein Amt könne man ja durchaus als orgastischen Gipfel bezeichnen. Doch das scheint ihm nicht zu reichen: Er will noch mehr. Spätestens da habe er die Haltestelle der gesunden Form der übersteigerten Selbstliebe verpasst, sagt Haller.

Viele Journalisten und Politikexperten waren der Meinung, dass Trump sich – erst einmal im Amt – mässigt. Doch nun könnte er noch gefährlicher werden, glaubt Haller. In einer extremen Form heben Narzissten ab, erleben eine Art Höhenrausch. «Der Narzisst kann zum Gewaltherrscher werden. Man sieht ja bei Nero, Hitler und Stalin, wie das enden kann.» Als Arzt machen ihm bösartige Narzissten Angst, doch als Wissenschafter sei er sehr gespannt, wie sich das Trump-Phänomen weiterentwickle.

Wie gekränkt wird Trump sein, sollte er dereinst abgewählt werden? Er wird allen anderen die Schuld geben. Wahrscheinlich den Medien. Der Narzisst bastelt sich ein Selbstmitleid-Konstrukt zusammen, argumentiert meist mit Verschwörungstheorien. Nach dem Falle bleibe bloss Leere und Depressivität. Doch Haller macht den Trump-Gegnern Hoffnung: Sein Narzissmus wird ihm nicht nur den Aufstieg garantiert haben, sondern könnte auch seinen Absturz bedeuten.