Spanien
Am Dienstag streiken die Katalanen gegen die spanische Repression

Zehntausende Katalanen wollen am Dienstag von der Arbeit fern bleiben. Währenddessen kritisiert eine Schweizer Wahlbeobachterin Spanien.

Pascal Ritter, Barcelona
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Hunderte Demonstranten waren am Montagabend beim Auszug der spanischen Polizei in Barcelona zugegen.

Hunderte Demonstranten waren am Montagabend beim Auszug der spanischen Polizei in Barcelona zugegen.

Juan Carlos Cardenas

Spanische Militärpolizisten mussten am Montag ihre Koffer packen. Ein Hotelier in der katalanischen Küstenstadt Calella wollte sie nicht mehr in seinem Haus. Unter dem Jubel und dem Spott der Nachbarn und unter dem Schutz der katalanischen Polizei Mossos d’Esquadra zogen sie ab. Gegenüber dem katalanischen Fernsehsender TV3 sagte der Hotelier, die spanischen Polizisten hätten sich unter einem Vorwand bei ihm eingemietet. Nachdem er realisiert habe, dass sie am Sonntag Wahllokale stürmten, um das vom spanischen Verfassungsgericht für illegal erklärte Referendum zu verhindern, setze er sie auf die Strasse.

Seine Entscheidung erleichtert haben, dürften die verstörenden Bilder, die in den sozialen Medien kursieren. Ein Video zeigt, wie spanische Polizisten Menschen bedrängen, die einen Abstimmungswilligen reanimieren, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Er wurde später in ein Spital gebracht und ist stabil. Laut der katalanischen Regionalregierung wurden gegen 900 Wähler verletzt. Der spanische Innenminister Juan Ignacio Zoido verteidigte gestern das Vorgehen der Polizei und bedauerte die Verletzten auf beiden Seiten. Die katalanische Regierung will eine Sonderkommission gründen, welche die Vorfälle untersucht. Parteien und Gewerkschaften rufen als Reaktion auf die Polizeigewalt für Dienstag zu einem Generalstreik auf. Auch die Regierung verzichtet auf ihre morgige Sitzung.

Trotz der Repression standen mehr als die Hälfte der Wahllokale offen. Rund zwei Millionen der rund 5 Millionen stimmberechtigten Katalanen haben ihre Stimme abgegeben. 90 Prozent der Stimmenden sagten Ja zur Unabhängigkeit. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy reagierte auf die Abstimmungsresultate betont unbeeindruckt. Es habe in Katalonien kein Referendum, gegeben, sagte er und sprach von einer «grossen Inszenierung».

Der Präsident der katalanischen Regionalregierung Carles Puigdemont sprach von einem Auftrag der Stimmenden, dem Taten folgen müssen. Die grosse Frage ist nun, ob und wann die Unabhängigkeit ausgerufen wird. Gestern blieb Puigdemont im Ungefähren und sprach von einer internationalen Mediation, die nötig sei. Am Abstimmungssonntag standen internationale Wahlbeobachter im Einsatz. Eine von Ihnen war die grünliberale luzerner Kantonsrätin Michèle Graber. Sie besuchte Wahllokale in den Städten Vic, Manresa und Sallent. «Das Referendum fand unter sehr schwierigen Bedingungen statt», sagt Graber zur «Nordwestschweiz». Es sei dem demokratischen Prozess wenig förderlich, wenn sich Abstimmungswillige beim Besuch des Wahllokals vor Polizeigewalt fürchten müssten.

«Einer Demokratie unwürdig»

Den Wahlhelfern stellt Graber ein gutes Zeugnis aus. «Ich hatte den Eindruck, dass jeder die Stimme abgeben konnte, egal ob er Ja oder Nein zur Unabhängigkeit sagen wollte», sagt Graber. Schockiert hat sie, dass immer wieder die Website zur Wählerregistrierung gesperrt wurde. «Dies ist einer Demokratie unwürdig», sagt Graber. Beeindruckt hat sie die Solidarität der Menschen. Als Gerüchte aufkamen, die Guardia Civil käme, hätten sich mehrere Hundert Personen vor dem Wahllokal in Sallent eingefunden. Die Polizei kam dann aber nicht.