Paris
Am Eingang grüsst der Klima-Engel – mit Botschaften der Apokalypse

Die Konferenz in Paris wurde mit den Statements der 150 Staats- und Regierungschefs eröffnet - das bedeutet: Mindestens acht Stunden Rede-Marathon. Frankreichs Regierung will die CO2-Ausstösse der Anreisenden vollumfänglich kompensieren.

Stefan Brändle, Le Bourget
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Christina Figueres (links unten), Leiterin des UNO-Klima-Sekretariats, und Frankreichs Präsident François Hollande bei der Eröffnung.Ian Langsdon/ap/keystone

Christina Figueres (links unten), Leiterin des UNO-Klima-Sekretariats, und Frankreichs Präsident François Hollande bei der Eröffnung.Ian Langsdon/ap/keystone

KEYSTONE

Begrüsst werden die 20'000 Konferenzbesucher durch einen Engel. Was die Frau mit weissen Flügeln und Oxford-Akzent den vorbeihastenden Delegierten, Umweltaktivisten und Journalisten nachruft, beschreibt allerdings eher die irdische Klimahölle auf Erden. Die sechs anderen Engel präsentieren derweil Inschriften wie «Kohle killt».

Immerhin ist die logistische Apokalypse im Grossraum Paris an diesem Montagmorgen ausgeblieben. Trotz nationalem Ausnahmezustand in Folge der jüngsten Terroranschläge, trotz massiver Militär- und Polizeipräsenz gibt es kein Verkehrschaos. Die Präfektur hatte die Hauptstadtbewohner zuerst aufgerufen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen; dann korrigierte sie sich, die Pariserinnen und Pariser sollten besser zu Hause bleiben und einen freien Tag nehmen.

Die wichtigsten Zufahrtsachsen im Norden und Süden der französischen Hauptstadt sind jedenfalls gesperrt. Bei Le Bourget bleiben die acht Spuren der Autobahn A1 – sonst ein berüchtigter Stauort – gähnend leer. Ausser wenn gerade eine schwarze Limousine mit CD-Nummer und Blaulicht-Eskorte vorbeirast.

Gesittet und unchaotisch beginnt auch das Leben auf dem Konferenzgelände, einem Flugfeld, wo die internationale Luftfahrtmesse im Sommer noch tonnenweise CO2 in die Atmosphäre gejagt hatte. Jetzt ist es grün: Alle zwanzig Meter prangt ein vertikal aufgehängter Quadratmeter Naturwiese vor den Hangars.

Acht Stunden Klimaappell

Auf der Bühne des Hauptsaals geben sich nicht weniger als 150 Staats- und Regierungschefs das Mikrofon in die Hand. Jede und jeder hat gerade drei Minuten Zeit. Macht mit den Zwischenpausen acht Stunden Redemarathon. Oder mehr: Den ganz Grossen wird das Wort natürlich nicht abgeschnitten, wenn sie ein paar Sekunden anhängen.

François Hollande und Angela Merkel betonen die Wichtigkeit eines «verbindlichen» Abkommens. US-Präsident Barack Obama gibt sich schuldbewusst und meint: «Wir übernehmen die Verantwortung.» Nein, das tue er eben nicht, antwortet in Halle 2 die französische Umweltschützerin Sofya: «Die USA rechnen nicht wie die EU ab 1990, sondern ab 2005, und reduzieren deshalb ihre Emissionen faktisch nur um 10 Prozent, nicht um 40 Prozent wie die Europäer.»

Der chinesische Präsident Xi Jinping hebt die Bemühungen seines Landes hervor und ruft die Industriestaaten zu höheren finanziellen Beiträgen an die armen Länder auf. In den seit Monaten dauernden Verhandlungen bremse China aber «systematisch», wie eine nicht genannt sein wollende Chefunterhändlerin der französischen Gastgeber sagt.

Weil die Schweiz anders als Deutschland oder die skandinavischen Staaten keinen eigenen Pavillon hat, kommt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ins Medienzentrum. Von den 3000 akkreditierten Journalisten kommen vor allem die eidgenössischen TV-Kameras zum Zug, sodass die Regierungschefin dreisprachig zu erklären hat, warum die Klimakonferenz eine «historische Chance, aber auch Verpflichtung» ist.

Mugabe war pünktlich

Zum Glück ist Sommaruga unter den ersten Rednerinnen, und da ihr Vorredner Robert Mugabe (Simbabwe) das Zeitlimit besser einhält als auch schon, schafft sie es zum Sessionsbeginn nach Bern zurück. Dafür hatte sie keine andere Wahl, als auf einen Linienflug zu verzichten und das «Bundesratsding» zu nehmen, wie einer ihrer Mitarbeiter den Regierungsjet nennt.

Der produziert zwar weniger CO2 als Obamas «Air Force One», ist aber auch nicht sehr klimafreundlich. Die französische Gastgeber-Regierung will den CO2-Ausstoss vollumfänglich «kompensieren». Sie kauft zu diesem Zweck Emissionszertifikate, mit denen Wiederaufforstung und erneuerbare Energie in südlichen Ländern gefördert werden. Offiziell werden diese Emissionen auf 21'000 Tonnen geschätzt. Umweltschützer beziffern sie aber auf das Zehnfache, wenn man auch die Anflüge – zum Teil aus 14'000 Kilometern Entfernung – in Rechnung stellt.