Nachruf
Colin Powell (†84) ist tot: Der Kriegsheld genoss sein Gastspiel auf der politischen Bühne – bis er seine Glaubwürdigkeit verlor

Im Alter von 84 Jahren ist der ehemalige US-Aussenminister gestorben. Der hochdekorierte Viersternegeneral prägte die amerikanische Sicherheitspolitik – und trägt Mitverantwortung für einen der folgenschwersten Fehlentscheide der US-Geschichte.

Renzo Ruf, Washington
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Colin Powell diente George W. Bush (rechts) als Aussenminister, auch auf Empfehlung von Bushs Vater George H.W. Bush.

Colin Powell diente George W. Bush (rechts) als Aussenminister, auch auf Empfehlung von Bushs Vater George H.W. Bush.

David J. Phillip / AP

Über die Rede, mit der er seine Glaubwürdigkeit verspielt hatte, sagte Colin Powell später: Es sei «furchtbar» und «schmerzhaft», dass er sich derart in die Irre habe führen lassen. Da war der Schaden schon angerichtet. Amerikanische Streitkräfte hatten den Irak besetzt und Diktator Saddam Hussein gestürzt, auch weil der damalige US-Aussenminister Powell im Februar 2003 den UN-Sicherheitsrat und damit die Weltgemeinschaft in eindringlichen Worten vor Husseins Waffenprogramm gewarnt hatte.

Ein Programm, das allerdings gar nicht existierte, wie die Regierung von Präsident George W. Bush später eingestehen musste. Powell wiederum wurde zeitlebens gefragt, ob er bewusst gelogen habe, oder ob das aussenpolitische Debakel, das Amerika im Irak erlebte, bloss auf schlechten Geheimdienstinformationen beruhte.

Er nannte die Rolle, die er bei der Vorbereitung des Irak-Krieges gespielt hatte, einen «Schandfleck». Und in zahlreichen Interview sah man einen Mann, der mühevoll versuchte, seine Reputation zu retten, die er als eines der Aushängeschilder der Regierung Bush verloren hatte.

Stark geprägt von den Erfahrungen in Vietnam

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Powell, als Kind jamaikanischer Einwanderer am 5. April 1937 in New York geboren, galt lange Jahre als Überflieger – und als Wegbereiter für dunkelhäutige Soldatinnen und Soldaten. Aus einfachen Verhältnissen stammend, fand er nach Abschluss seiner Studien am City College seine Berufung: Den Militärdienst, in den er 1958 eintrat. Powell war zweimal in den Vietnamkrieg entsandt worden; eine Erfahrung, die ihn stark prägte. Danach machte er rasch Karriere. Von Beginn seiner Laufbahn weg setzte er sich für die Gleichstellung dunkelhäutiger Amerikaner im Militärdienst ein.

Als Generalstabschef besuchte Colin Powell 1992 auch die Schweiz, u.a. die Grenadiere in Isone.

Als Generalstabschef besuchte Colin Powell 1992 auch die Schweiz, u.a. die Grenadiere in Isone.

Keystone

Schnell wurden auch die Politiker in Washington auf den stolzen, selbstbewusst auftretenden Mann aufmerksam. Unter Präsident Ronald Reagan stand Powell Verteidigungsminister Caspar Weinberger beratend zur Seite, als Amerika die Karibik-Insel Grenada besetzte und die libysche Hauptstadt Tripolis bombardieren liess. 1987 stieg er zum Nationalen Sicherheitsberater von Präsident Reagan auf. Powell übte diesen Posten auf, ohne seine Uniform abzulegen.

Die Befreiung von Kuwait machte Powell zum Volkshelden

Der Höhepunkt seiner militärischen Karriere folgte unter George H. W. Bush. Der Reagan-Nachfolger berief den Viersternegeneral zum Generalstabschef, dem wichtigsten militärischen Berater des Präsidenten.

Als solcher gab Powell den amerikanischen Streitkräften am Ende des Kalten Krieges eine neue Aufgabe: Er half mit, die U.S. Armed Forces in eine schwerbewaffnete Weltpolizei umzuwandeln, die zum Beispiel den panamaischen Diktator Manuel Noriega aus dem Amt entfernte oder den irakischen Herrscher Saddam Hussein aus dem besetzten Nachbarland Kuwait vertrieb.

Diese militärischen Erfolge machten Powell zu einem Volkshelden. 1993 trat er noch im ersten Amtsjahr von Präsident Bill Clinton zurück; auch weil er sich mit der Politik des jungen Demokraten nicht abfinden wollte. Und plötzlich galt er selbst als potenzieller Präsidentschaftskandidat. Powell, der 1995 offiziell der Republikanischen Partei beitrat, genoss diesen Rummel um seine Person. Seine Frau Alma allerdings, mit der er seit 1962 verheiratet war, sprach sich strikt gegen eine Kandidatur aus, weil sie Angst vor den negativen Folgen für ihre Familie hatte.

Colin Powell trat im ersten Jahr von Bill Clintons Präsidentschaft zurück. Er hatte Mühe mit der politischen Ausrichtung des Demokraten.

Colin Powell trat im ersten Jahr von Bill Clintons Präsidentschaft zurück. Er hatte Mühe mit der politischen Ausrichtung des Demokraten.

AP

Also verzichtete Powell im November 1995 auf ein Duell gegen Clinton bei der nächsten Präsidentenwahl. Sein Gastspiel auf der politischen Bühne allerdings verlängerte er. 1996 und 2000 trat er an den Parteitagen der Republikaner auf und wurde geradezu frenetisch bejubelt. Bush der jüngere belohnte ihn für seinen Einsatz im Wahlkampf mit der Ernennung zum Aussenminister, dem ersten dunkelhäutigen Chefdiplomaten in der Geschichte Amerikas.

Der Bruch mit Bush führte zum Ende der politischen Karriere

Nach der Präsidentenwahl 2004 gab Powell seinen Rücktritt bekannt. Angeblich, weil er von Beginn weg nur eine Amtszeit habe dienen wollen. In Tat und Wahrheit aber war das Verhältnis zwischen dem Aussenminister und dem Rest des Kabinetts von Präsident Bush heillos zerrüttet – auch weil das Lager um Vizepräsident Dick Cheney ihm vorwarf, er hintertreibe die Arbeit der Regierung.

2006 bei einem Treffen mit der frisch gewählten deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

2006 bei einem Treffen mit der frisch gewählten deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

AP

Im Zuge des Irakkrieges verlor Powell seine politische Heimat; in der modernen Republikanischen Partei galt er nicht mehr länger als Strahlemann. 2008 machte der General im Ruhestand diesen Riss publik, als er einen Wahlaufruf für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama verbreitete. «Er ist eine transformative Figur», sagte Powell über den ersten dunkelhäutigen amerikanischen Staatschef. Das höchste Kompliment, das eine Figur, die Geschichte geschrieben hat, über eine andere aussprechen kann.

Zu Jahresbeginn trat Powell aus der Republikanischen Partei aus. Der Sturm auf das Kapitol und die Rolle, die der abgewählte Präsident Donald Trump dabei spielte, brachten das Fass zum Überlaufen. Schon seit Barack Obama hatte er immer den demokratischen Kandidaten fürs Weisse Haus seine Stimme gegeben.

Am Montag ist der gesundheitlich angeschlagene Colin Powell in einem Militärspital bei Washington an den Folgen einer Covid-Erkrankung gestorben. Er war 84 Jahre alt.

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