Analyse

Amerika ist demaskiert

Während das Land täglich traurige Coronarekorde verzeichnet, schlittert die US-Politik in groteske Aggressivität ab. Profitiert ein gewiefter Musikstar jetzt davon?

Samuel Schumacher
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Drei Herren, zwei Ansprachen und eine Nachricht auf Twitter haben den amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli geprägt. Herr Nummer 1 war der US-Rapper Kanye West, 43, der am Samstag seine Kandidatur als unabhängiger Kandidat für das Weisse Haus bekannt gab und sich sogleich die Unterstützung von Tesla-Gründer Elon Musk sicherte.

Herr Nummer 2 war US-Präsident Donald Trump, 74, der in zwei Ansprachen vor dem Felsenmonument Mount Rushmore und in Washington vor der «wachsenden Gefahr» durch «Marxisten, Anarchisten und Plünderer» warnte, die «unsere Geschichte auslöschen und unsere Kinder indoktrinieren wollen». Mit Blick auf die andauernden Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA sprach Trump von «linksradikalem Faschismus», der die US-Städte mit einer Welle von Gewaltverbrechen überziehe.

Im Oktober 2018 bei seinem Besuch im Weissen Haus war er noch auf Trumps Seite: Der US-Rapper Kanye West will jetzt selber US-Präsident werden.

Im Oktober 2018 bei seinem Besuch im Weissen Haus war er noch auf Trumps Seite: Der US-Rapper Kanye West will jetzt selber US-Präsident werden.

Keystone

Als die Russen noch die Bösen waren

Trumps Festtagsreden weckten Erinnerungen an den republikanischen US-Senator Joseph McCarthy (1908 bis 1957), der in den 1940er und 1950er Jahren auf allen Kanälen vor einer angeblichen kommunistische Unterwanderung Amerikas warnte und unliebsame Politgenossen als sowjetische Marxisten brandmarkte. Doch statt wie McCarthy die Russen ins rhetorische Visier zu nehmen, was angesichts der jüngsten Berichte über vom Kreml verordnete Auftragsmorde an US-Soldaten in Afghanistan durchaus verständlich gewesen wäre, schoss Trump scharf gegen die eigenen demokratischen Mitbürger. Die «radikale Linke» werde er bei den anstehenden Wahlen besiegen, verkündete Trump und liess US-Kampfjets über die steinernen Köpfe seiner Vorgänger Washington, Lincoln, Jefferson und Teddy Roosevelt am Mount Rushmore hinwegdonnern.

Herr Nummer 3 war Trumps Herausforderer Joe Biden, 77. Mit Blick auf das Schauspiel, das sein Kontrahent vor seinen jubelnden Anhängern abzog, setzte Biden einen einfachen Tweet ab: «Etwas vom Patriotischsten, was ihr an diesem Nationalfeiertag tun könnt, ist, eine Maske zu tragen», schrieb der Ex-Vizepräsident.

Fazit des feierlichen Wochenendes: Während Kanye West den US-Wahlkampf als groteske Show demaskiert und Biden zum Maskentragen aufruft, lässt Trump die Maske endgültig fallen. Grund zum Feiern suchten die Amerikaner am «Fourth of July» vergeblich.