Amerika
Trump-Anhänger haben bösen Verdacht: Warum dauert es so lange bis zu Joe Bidens erster Pressekonferenz?

Zwei Monate ist Joe Biden bereits im Amt. Im Gegensatz zu Donald Trump scheute er bisher den direkten Kontakt mit den Medien. Heute Donnerstagabend um 18:15 Uhr ist es endlich so weit.

Renzo Ruf aus Washington und Samuel Schumacher
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Zwei Präsidenten, zwei Kommunikationsstile: Donald Trump und Joe Biden.

Zwei Präsidenten, zwei Kommunikationsstile: Donald Trump und Joe Biden.

AP

Joe Biden ist bislang ein unglaublich disziplinierter Präsident. In den ersten zwei Monaten seiner Amtszeit verzichtete er bisher weitgehend auf Improvisationen – obwohl dem 78-Jährigen in Washington der Ruf anhing, er könne keine Hand ungeschüttelt und keine Schulter ungeklopft lassen.

Stattdessen machte sich Biden seit dem 20. Januar rar, zur Überraschung der meisten Politbeobachter. Seine selten öffentlichen Auftritte folgen einem starren Drehbuch. Sie sind kurz und der Präsident beschränkt sich jeweils darauf, vorformulierten Phrasen aufzusagen. Für grosse Gefühle hat es da keinen Platz – auch weil das Weisse Haus die Coronapandemie ernst nimmt und sich vorbildlich an die Auflagen der Gesundheitsexperten hält.

Versteckt sich Biden, um zu üben?

Nach 65 Tage im Amt gibt Joe Biden heute seine erste Pressekonferenz als US-Präsident.

Nach 65 Tage im Amt gibt Joe Biden heute seine erste Pressekonferenz als US-Präsident.

AP

Doch Pandemie hin oder her: Dass der 46. Präsident der Vereinigten Staaten auch 65 Tage nach seinem Amtsantritt noch immer keine Solo-Pressekonferenz gegeben hat, gibt viel zu Reden. Kein anderer Präsident in der jüngeren amerikanischen Geschichte hat seinen Gang vor die Medien länger hinausgezögert als Biden. Zum Vergleich: Donald Trump gab seine erste Solo-Pressekonferenz 27 Tage nach seinem Amtsantritt, Barack Obama wartete gar nur 20 Tage, bis er vor die versammelten Journalisten im Weissen Haus trat.

Bidens Kritiker behaupte, die Angst seiner Berater vor einem peinlichen Fehltritt sei der Hauptgrund für das lange Schweigen des Präsidenten. Wahr daran ist: Es gibt nur wenige Politiker in der Hauptstadt, die derart häufig über peinliche Versprecher stolpern wie Biden. Das ist jedoch längst kein Geheimnis mehr. Die meisten der mehr als 81 Millionen Wählerinnen und Wähler, die dem Demokraten im November ihre Stimme gaben, wussten um Bidens Anfälligkeit für Versprecher und Patzer aller Art.

Trotzdem nutzten rechte TV-Kommentatoren wie Sean Hannity oder Tucker Carlson die lange Wartezeit auf Bidens Auftritt dafür, ihre Erzählung über Bidens «kognitive Schwäche» vor einem Millionenpublikum immer und immer wieder zu wiederholen. «Joe Biden hat sich freigenommen, um zu üben, üben, üben für die Pressekonferenz», sagte Sean Hannity am Mittwoch und erinnerte seine Zuschauer daran, dass sich beiden fast während des gesamten Wahlkampfes «in seinem Keller versteckt» habe.

Dazu liess Hannity in seiner Show auf «Fox News» ein Video in Endlosschlaufe laufen, das den US-Präsidenten zeigt, wie er auf der Treppe in seinen Präsidentenflieger dreimal ausrutscht. Bidens Team machte den Wind für die Ausrutschter verantwortlich.

Wie dem auch sei. Der Kontrast zwischen Biden und seinen Vorgängern ist augenfällig. Zwei Monate nach Amtsbeginn hatte Donald Trump bereits sechs Pressekonferenzen im Weissen Haus abgehalten, sechs davon gemeinsam mit ausländischen Politikern. Barack Obama wiederum war dreimal vor die Medien getreten, zweimal zur besten Sendezeit am Abend.

Trump liebte die Konfrontation

Donald Trump (hier bei seinem Auftritt am konservativen Kongress CPAC 2021) liebte spontane Auftritte vor den Medien.

Donald Trump (hier bei seinem Auftritt am konservativen Kongress CPAC 2021) liebte spontane Auftritte vor den Medien.

AP

Und das ist nicht der einzige Unterschied, der ins Auge sticht. Trump liebte die grosse Inszenierung, und je länger er im Weissen Haus wohnte, desto ungehemmter griff er auf die Symbole der Macht des Präsidenten zurück – stets darauf bedacht, sich im besten Licht darzustellen. Seine Wahl zum Präsidenten verdankte er schliesslich weitgehend dem Medium Fernsehen.

Trump stellte sich regelmässig den Fragen der Journalisten im Weissen Haus. Diese quasi-spontanen Pressekonferenzen waren zwar nicht immer informativ, weil Trump einen speziellen Umgang mit der Wahrheit pflegte. Aber sie gaben Einblick in die Psyche des Präsidenten. Fehlenden Willen zur Konfrontation mit dem Medien konnte ihm niemand vorwerfen.

Obama und sein Versuch, die Hauptstadt-Medien zu ignorieren

Hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu den Journalisten: US-Präsident Barack Obama.

Hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu den Journalisten: US-Präsident Barack Obama.

EPA

Einen anderen Ansatz pflegte Barack Obama, im Amt von 2009 bis 2017. Obwohl der Demokrat auch aufgrund seiner historischen Rolle als erster schwarzer Präsident Amerikas anfänglich auf positive Medienberichterstattung zählen konnte, stand er häufig über Kreuz mit der Hauptstadtpresse.

So beklagte sich der Demokrat in seinen kürzlich publizierten Memoiren «Ein verheissenes Land» bitterlich über den Verlust seiner Privatsphäre im Weissen Haus. Obama rächte sich an den Vertretern der etablierten Medien, in dem er sie ignorierte so gut es eben ging – auch weil er darüber enttäuscht war, dass seine ausschweifenden, umsichtigen Antworten auf Reporter-Fragen immer und immer wieder auf einen markanten Spruch, ein «Sound Bite», verkürzt wurden. Stattdessen sprach er mit Komikern (Zach Galifianakis) oder YouTube-Stars (GloZell Green).

Diese Auftritte waren unorthodox. Sein Berater David Plouffe aber fand, dass Obama damit ein Publikum anspreche, das einen anderen Medienkonsum pflege. Und letztlich zementierten sie das Image eines lässigen Präsidenten – das Image also, an dem Obama interessiert war.

Inwiefern Joe Bidens Pressekonferenz sein Image als disziplinierter (oder eben verwirrter) Präsident beeinflussen wird, zeigt sich heute Donnerstagabend um 18:15 Uhr Schweizer Zeit. Die Pressekonferenz wird von zahlreichen Fernsehstationen und auf Youtube übertragen.