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AMOKLÄUFER: «Tatvideos sind sehr problematisch»

Bluttaten wie in Würzburg und München können sich hochschaukeln, sagt der Zürcher Psychiater Frank Urbaniok. Täter stimmen sich mit früheren Amokläufen auf ihre eigenen Pläne ein.
Interview Fabian Fellmann
Durch Polizisten mit Waffen abgeschirmt, verlassen unzählige Menschen am Freitagabend das Olympia-Einkaufszentrum in München. (Bild: AFP)

Durch Polizisten mit Waffen abgeschirmt, verlassen unzählige Menschen am Freitagabend das Olympia-Einkaufszentrum in München. (Bild: AFP)

Interview Fabian Fellmann

Frank Urbaniok, die Welt scheint verrückt zu spielen, ist derzeit oft zu hören. Ist das eine Grundstimmung, in welcher Amokläufer zuschlagen?

Frank Urbaniok: Es ist jetzt verständlicherweise viel Betroffenheit und Aufregung zu spüren. Aber ich rate, mit kühlem Kopf die Ermittlungsergebnisse abzuwarten, die Gedanken zu sortieren und zu differenzieren. Schwere Amokläufe sind sehr selten. Bekannte Fälle in Europa sind zum Beispiel Friedrich Leibacher in Zug, Anders Breivik in Norwegen oder die Täter von Erfurt 2002 und Winnenden 2009 in Deutschland. Diese Täter unterscheiden sich sehr stark voneinander: Den einen Amokläufer gibt es nicht. Ebenso wenig taugen allgemeine Erklärungsansätze, wie unsere Forschung über Amokläufe in Deutschland gezeigt hat. Nach Erfurt etwa verwiesen einige Beobachter auf die hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Seltenes lässt sich aber nicht mit Häufigem erklären. Hätten Massentötungen unspezifische, häufig vorkommende Ursachen, wären sie viel häufiger. Das ist zum Glück nicht der Fall.

Der Amoklauf von München fand am fünften Jahrestag des Amoklaufs von Utøya statt, am Montagabend hat ein 17-Jähriger in einem Zug in Würzburg Touristen angegriffen. Schaukeln sich solche Taten hoch?

Urbaniok: Ja. Täter, die Pläne für einen Amoklauf wälzen, lassen sich durch andere Gewalttaten beeinflussen. Diese sind nicht der Grund, aber der Auslöser, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein klassisches Beispiel ist Friedrich Leibacher: Er hatte fasziniert die Terroranschläge vom 9. September 2001 in den USA am Fernsehen verfolgt. Am 27. September beging er im Zuger Kantonsparlament einen Massenmord. Wir haben im Moment ebenfalls eine durch terroristische Aktivitäten sehr sensible Situation. Die Anschläge sind zwar seltene Ereignisse, aber sie beeinträchtigen die Gesellschaft stark. Das genau ist das Ziel der Terroristen. Wir geraten dabei in einen Teufelskreis, weil die mediale Berichterstattung als Multiplikatorin dient und die Wirkung der Taten verstärkt.

Die Berichterstattung über Amokläufe beeinflusst Täter ebenfalls. Jener von München besass ein Buch über Amokläufe. Erfüllt Sie der Gedanke mit Grauen, dass ein Amokläufer dieses Interview zur Vorbereitung benutzen könnte?

Urbaniok: Das ist ein wichtiger Gedanke. Täter benutzen Material über frühere Amokläufe, vor allem aus dem Internet, um sich einzustimmen. Sie beschäftigen sich intensiv damit, allerdings weniger für eine taktische Vorbereitung als vielmehr zur emotionalen Ansteckung. Erklärende Beiträge wie dieses Interview eignen sich dafür jedoch weniger. Und die Alternative kann ja nicht sein, dass wir gar nicht mehr über Amokläufe sprechen. Wir sollen es aber sorgfältig tun. Journalisten sollen sich auch gut überlegen, ob die Bilder und Informationen, die sie vermitteln, zur Glorifizierung des Täters verwendet werden könnten. Von Utøya-Attentäter Anders Breivik etwa gibt es ein Foto, auf dem er mit den Fingern das Victory-Zeichen macht. Dieses Bild zu veröffentlichen, war falsch: Für verwirrte Geister ist es ein Kultbild geworden.

Aus München sind Videos der Tat aufgetaucht. Sie lassen den Zuschauer den Amoklauf aus der Opferperspektive unmittelbar miterleben. Wie wirken solche Bilder?

Urbaniok: Tatvideos sind sehr problematisch. Es lässt sich kaum verhindern, dass ein Privater einen Täter filmt und das Material ins Internet stellt. Solche Videos schauen sich mögliche Amoktäter aber gerne an, sie dienen als Vorbilder. Berüchtigt sind etwa die Filme des Massenmords an der Columbine-Schule in den USA, die mit dramatischer Musik untermalt im Internet zu finden sind.

Der Münchner Täter soll laut Polizei an einer Depression gelitten haben. Ist eine psychische Erkrankung eine Voraussetzung für einen Amoklauf?

Urbaniok: Eine Depression ist kein spezifischer Faktor. Schizophrene Grunderkrankungen mit paranoidem Verfolgungswahn sind bei Tätern von Massentötungen deutlich häufiger als in der Bevölkerung, die Rate liegt aber auch nur bei etwa 15 Prozent. Es hegen nicht alle Amokläufer Suizidgedanken, es suchen nicht alle den «grossen Abgang». Es gibt zwar solche, die sich selbst töten und andere mitnehmen wollen, was wir erweiterten Suizid nennen. Andere nehmen ihren Tod in Kauf, um ihr Vorhaben zu realisieren, aber es gibt keinen davon unabhängigen Suizidwunsch. Bei solchen Massentötungen sind oft Rachegedanken im Spiel, möglicherweise auch in München. Der Täter dort scheint in psychiatrischer Behandlung gewesen zu sein. Aber wir kennen die Vorgeschichte und die speziellen Motive in diesem Fall noch nicht.

Es gibt Hinweise darauf, dass er Probleme in der Schule hatte. Fühlen sich solche Täter als Verlierer?

Urbaniok: Das kann vorkommen, ist aber sehr verschieden. Einige Täter inszenieren sich selbst als Ausgestossene mit beschämenden Erlebnissen. Bei genauem Hinschauen geht es dabei aber oft um übertriebene Empfindlichkeit und banale Ereignisse, welche andere Personen anders verarbeiten. Andere Amokläufer stellen sich als gross und überlegen dar.

Der junge Mann soll viel Zeit mit Ego-Shooter-Computerspielen verbracht haben. Welchen Einfluss haben diese?

Urbaniok: Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Menschen, welche Ego-Shooter-Spiele nutzen, deshalb zu Amoktätern werden. Vielmehr spielen Menschen, welche zu einem Amoklauf neigen, gerne solche Spiele, weil sie ohnehin häufig eine Affinität zu Waffen haben.

Der Täter besass eine illegale Waffe. Wie nützlich sind Einschränkungen des Waffenbesitzes und -handels zur Verhinderung von Amokläufen?

Urbaniok: Man kann einen Zusammenhang für sehr junge Täter vermuten. Je jünger Täter sind, desto mehr stossen sie auf praktische Probleme, sich Waffen zu beschaffen. Sie setzen dann vielleicht Messer ein oder basteln selbst eine Waffe. Allerdings sind Amokläufe so selten, dass man sie mit allgemeinen Massnahmen kaum verhindern kann. Und ein Täter, der sehr entschlossen ist, stört sich nicht daran, dass eine Waffe illegal ist.

Der Täter war deutsch-iranischer Doppelbürger. In sozialen Medien wurde ein Zusammenhang zwischen Tat und Migrationshintergrund gesucht. Hat die Wissenschaft Hinweise darauf?

Urbaniok: Nein, das haben wir ganz klar nicht.

Der Amokläufer hatte per Facebook junge Menschen zum Tatort eingeladen. Was sagt das über ihn aus?

Urbaniok: Wir müssen abwarten, welche Hintergründe die Einladung hatte, etwa, ob er bestimmte Personen im Fokus hatte oder Aufmerksamkeit auf seinen Auftritt lenken wollte.

Immer stellt sich danach die Frage: Hätte man die Auffälligkeiten vorher erkennen müssen?

Urbaniok: Nicht unbedingt. Einige Amokläufer fantasieren ihre Taten im Kopf durch, andere kündigen ihre Pläne schriftlich an. Aber es gibt sehr viele Menschen, die dumme Sachen schreiben. Die wenigsten von ihnen schreiten zur Tat. Für das Umfeld ist es darum sehr schwierig, die Umstände richtig zu bewerten. Wir sollten sicher nicht bei jeder Verhaltensauffälligkeit vermuten, dass dahinter ein schwerer Amoktäter steht.

Hinweis

Frank Urbaniok (54) ist Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Diensts des Kantons Zürich und selbstständiger Gutachter im Bereich der forensischen Psychiatrie.

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